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Sabine Steinbach ist jetzt auch "Bandleaderin" bei den Living Drums der Lebenshilfe Dessau-Roßlau e.V. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Glaubwürdig | 03.12.2022Sabine Steinbach trommelt in Dessau-Roßlau für die Inklusion

von Antje Schneider, MDR Religion und Gesellschaft

Stand: 22. Dezember 2022, 12:31 Uhr

Mit Ende 50 hat Sabine Steinbach nochmal neu angefangen bei der Lebenshilfe Dessau-Roßlau. Sie betreut Menschen mit Behinderung in ihrem Alltag, gibt Hilfe zur Selbsthilfe – und leitet nun sogar noch eine Trommelgruppe, obwohl sie selbst doch eigentlich eher unmusikalisch ist. Was sie antreibt, sich für Inklusion einzusetzen, erzählt sie im Porträt.

Living Drums – so heißt die Trommelgruppe der Lebenshilfe Dessau-Roßlau. Ihre Rhythmen und die Klanggewalt sind beeindruckend. Die Frage, welches Bandmitglied eine Behinderung hat und welches nicht, spielt inzwischen keine Rolle mehr. Für viele ist das Treffen zur Probe das Highlight der Woche, "Seelenbalsam", sagt Betreuerin Sabine Roßbach: "Spannungen werden abgebaut, weil alle Freude daran haben. Es gehört zu den Abläufen dazu, gibt Struktur."

Bilanz zum Welttag am 3. Dezember

Sabine Steinbach und die Living Drums

Alles rauslassen beim Trommel-Treffen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei wäre die Gruppe bald auseinandergefallen. Es gab keinen Betreuer mehr dafür. Kurzerhand übernahm Sabine Steinbach, obwohl da auch ein bisschen Mut dazu gehörte, für sie als "eigentlich Unmusikalische", sagt die 60-Jährige. Und: Das sei eben wie mit der Inklusion. Eine Welt, in der sich Menschen mit und ohne Behinderungen ganz selbstverständlich in Schulen, Betrieben, Nachbarschaften und Freizeiten begegnen, sei noch lange nicht Alltag. Das gehe nicht "nicht auf Hauruck, wohl aber Schritt für Schritt und mit Mut voran".

Später beruflicher Neuanfang bei der Lebenshilfe Dessau-Roßlau

Treffen mit Willi Reetz und Waldemar Müller, die in einer eigenen Wohnung mit Garten leben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sabine Roßbach möchte etwas bewegen. Bei der Lebenshilfe Roßlau e.V. kümmert sie sich seit drei Jahren um Menschen mit Behinderungen, die – über die Stadt verteilt – in Wohngemeinschaften leben. Es war ein später beruflicher Neuanfang, den die ehemalige Leiterin einer Drogerie-Filiale nicht bereut: "Dass es so eine zufriedenstellende Arbeit wird, das habe ich selbst nicht erwartet", erzählt sie und meint damit die Herzlichkeit und Wertschätzung von Bewohnern wie Willi Reetz und Waldemar Müller. Zwei Mal in der Woche besucht sie die beiden Männer, die in einer eigenen Wohnung mit Garten leben. Sie hilft ihnen, ihren Alltag zu strukturieren. Auch in den Urlaub sind sie schon zusammen gefahren. Un dzum Frauentag bekommen sie blumen. "Das hatte ich nicht mal zuhause", sagt sie.

Innehalten an der Mulde

An der Mulde tankt Sabine Steinbach Kraft, auch wenn damit eine belastende Erinnerung verbunden ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihre Pausen nutzt Sabine Steinbach zum Innehalten. An der Mulde. Ein besonderer Ort. Ihre Mutter beging hier vor vielen Jahren Selbstmord. Das hat sie bis heute in ihrem Glauben erschüttert: "Da war immer die Frage nach dem Warum? Es war ja auch ein Suchen, also man hat meine Mutter gesucht – über eine Woche. Und da hat man schon gebetet … und gehofft. Ich habe mich eingeigelt und habe nur an mich geglaubt." An den Fluss zu gehen, das hilft ihr beim Verarbeiten und auch beim Kraft tanken.

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Hilfe zur Selbsthilfe

Kraft, die sie für ihre Arbeit braucht. Heike Terwedow und ihren Mann Henry unterstützt sie ebenfalls im Alltag, gemeinsam mit ihnen erstellt sie Einkaufslisten und erklärt, wie man eine Rechnung aufstellt, denn den Beiden fällt es schwer, mit Geld umzugehen. Hilfe zur Selbsthilfe will sie geben. Sie gibt viel Herzblut in ihre Arbeit und stellt fest:

"Es kommt genau das zurück, was ich gebe"

Eine Rose für Sabine Steinbach Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn man in seinem Job mehr als 100 Prozent gibt, kommen natürlich auch mehr als 100 Prozent zurück." Auch wenn es Momente gebe, wo sie nicht weiter wisse: "Da ziehe ich mich dann doch zurück und … ja, und spreche dann schon für mich zu Gott. Ich hole mir da Kraft und sage, irgendwo geht es weiter – wie auch immer. Wir brauchen mehr Verständnis, Ehrlichkeit und Vertrauen."

(Redaktionelle Bearbeitung: ks)

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | 03. Dezember 2022 | 18:45 Uhr