Glaubwürdig | 29.09.2018 Henriette Kretz: "Niemand wird als Mörder geboren"

Henriette Kretz hat als Jüdin den Holocaust überlebt. Gerade so. Wenn sie über ihre Erinnerungen redet, schwingt keine Verbitterung mit. Heute spricht sie als Zeitzeugin vor Schülern, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.

Henriette Kretz war ein glückliches Kind. Doch das war abrupt vorbei, als deutsche Truppen ihre polnische Heimat besetzten. Ihre Eltern wurden vor ihren Augen erschossen. Damals war sie 10 Jahre alt.

Die Soldaten begannen den Revolver zu ziehen, mein Vater schrie mir zur: 'Lauf!'. Ich begann zu laufen und dann hörte ich Schüsse, dann hörte ich meine Mutter schreien, dann hörte ich weitere Schüsse und dann hörte ich schon gar nichts. Und dann wusste ich, dass ich keine Eltern mehr habe."

Henriette Kretz
Henriette Kretz
Henriette Kretz ist auch in Sachsen an Schulen unterwegs so wie hier in Plauen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Henriette Kretz überlebte damals in einem Waisenhaus und wurde später Lehrerin. Heute ist sie 82 und lebt in Antwerpen. Sie will, dass die Grausamkeiten nicht vergessen werden. Als eine der letzten Zeitzeugen spricht sie so oft sie kann über ihre Erlebnisse während der deutschen Besatzung. Sie reist durch Polen und durch Deutschland. So war die agile Dame im vergangenen Jahr vor allem in Sachsen unterwegs. Ihre Zuhörer sind zumeist Teenager - junge Leute, die sich kaum noch vorstellen können, was Krieg bedeutete und immer noch bedeutet.

Das von einer Person erzählt zu bekommen, die das miterlebt hat, ist was ganz anderes, als einen Lehrbuchtext durchzuarbeiten (…) ja, das ist gelebte Geschichte und hat mich sehr berührt. Ich finde, dass man wirklich aufpassen muss, dass niemandem mehr so etwas passiert.

Stimmer eines Schüler aus Plauen

Die Frage nach dem Warum?

Wenn Henriette Kretz über ihre Erinnerungen redet, schwingt keine Verbitterung mit. Dann versucht sie auch immer zu erklären und fragt nach dem Warum.

Niemand wird als Mörder geboren. Aber man kann Menschen dazu bringen, für eine Idee oder eine Religion zu töten. Durch Gehirnwäsche! Das ist fatal und sehr, sehr gefährlich.

Zuhause in Antwerpen, einer Stadt mit einer der größten jüdischen Gemeinden Europas, bekommt sie Besuch von ihren beiden Söhnen und den Enkeln. Sie heranwachsen zu sehen, ist für sie das Schönste. Wurde ihre eigene Kindheit doch durch den Tod der Eltern zerstört. Ihre Eltern haben kein eigenes Grab. Sie wurden irgendwo verscharrt. Henriette geht trotzdem immer wieder auf Friedhöfe. Zu fremden Gräbern. Kleine Kiesel - ihr Ritual für die Erinnerung.

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2018, 13:06 Uhr

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