Glaubwürdig | 09.11.2019 Harald Kirschner und der besondere Blick

Harald Kirschner gilt als Vertreter einer sozial engagierten, dokumentarischen Fotografie. Mit seiner Fotokamerakamera beobachtet er auf der Straße den Alltag in seinen vielfältigen Facetten. Dabei zeigt er einen besonderen Blick auf Gegensätze.

Er nennt sich selbst "Straßenfotograf", wenn auch die berühmtesten seiner Bilder keine Straßen zeigen, sondern schlammige Wege. In Leipzig-Grünau hat Harald Kirschner Zeugnisse von der Entstehung des Plattenbauviertels bis zum heutigen Tage geschaffen. Er fotografiert hier, wie die Menschen ihrem damals noch grauen Viertel Leben einhauchen, es in Besitz nehmen und schließlich heimisch werden. Dabei reduziert der Fotograf seinen Blick nicht auf das Klischee, wie aus dem sozialistischen Vorzeigeviertel ein sozialer Brennpunkt wird.

Harald Kirschner
Harald Kirschner in seinem Stadtteil Grünau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Grünau ist der Stadtteil, in dem Harald Kirschner selbst seit fast 40 Jahren lebt - in einem Hochhaus mit Weitblick aus dem 16. Stock. Dem studierten Fotografen gelingen in der DDR Fotodokumente mit bedrückenden und beglückenden Einsichten. So zeigt er in seinem Bildband "Credo - Kirche in der DDR" Bilder aus dem christlichen Leben, die oft im krassen Gegensatz zur sozialistischen Sichtweise stehen. Da beißen sich christliche Symbole mit denen der Einheitspartei an Hauswänden. Die Arbeiten in Schwarzweiß zeigen, wie vielfältig religiöses Leben in einem atheistischen und religionsfeindlichen Umfeld sein kann. Im Mittelpunkt stehen Feiern und Wallfahrten, aber auch das Gemeindeleben und die gelebte Ökumene in den 1980er-Jahren. Kirschners Fotos zeugen von der Kraft des Glaubens in der Gemeinschaft.

Der besondere Blick auf die Gegensätze kommt nicht von ungefähr. Harald Kirschner ist Katholik - und Prozessionen, Gottesdienste und Wallfahrten gehören seit der Kindheit zu seinem Leben dazu.

Mit der Fotoserie "Leipziger Herbst 1989" nahm er die Montagsdemonstrationen ins Visier und schuf so eine Dokumentation von Wünschen, Hoffnungen und Forderungen, die die Menschen auf Transparenten mit sich führten. Wie viel davon nach dem 9. November 1989 in Erfüllung ging, fängt Harald Kirschner bis heute mit seiner Kamera ein.

Aktuelle Ausstellungen

"30 Jahre Friedliche Revolution in Leipzig" - Fotografien von Harald Kirschner, Gerhard Gäbler und Bernd Cramer

06.11.2019-07.02.2020

Universitätsklinikum Leipzig
Haus 6, Galerie 1. Etage (FKM)
Liebigstraße 20A, 04103 Leipzig

"Credo - Kirche in der DDR"

bis 21.11.2019

Zinzendorfhaus Neudietendorf
Evangelische Akademie Thüringen
Zinzendorfplatz 3, 99192 Neudietendorf

Öffnungszeiten: Mo-Fr 8 - 19 Uhr, Sa 8 - 16 Uhr, So 8 - 14 Uhr

Buchtipps

  • "Als die Eisenbahnstraße noch Ernst-Thälmann-Straße hieß. Ein Leipziger Stadtteil in den 80er Jahren", Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2019
  • "Credo. Kirche in der DDR", Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2017
  • "Raster Beton. Vom Leben in Großwohnsiedlungen zwischen Kunst und Platte. Leipzig-Grünau im internationalen Vergleich", Weimar: M Books 2017
  • "Vom Heimischwerden. Leipzig-Grünau 1981 bis 1991", Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2015
  • "Patina. Halle 1986–1990", Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2013

Fotografie von Harald Kirschner, Leipzig-Grünau Bischof Gerhard Schaffran bei der Grundsteinlegung des katholischen Gemeindezentrums St. Martin, 1983.
Bischof Gerhard Schaffran bei der Grundsteinlegung des katholischen Gemeindezentrums St. Martin, 1983. Bildrechte: Harald Kirschner

Biografisches

1944 im böhmischen Reichenberg (dem heutigen Liberec) geboren, wuchs er in Mecklenburg-Vorpommern auf. Nach einer Fotografenlehre studierte er von 1968 bis 1973 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Fotografie. Angeregt durch seine Reise nach Krakau im Jahre 1979 zum ersten Besuch von Papst Johannes Paul II. in Polen, begann er, das kirchliche Leben in der DDR zu beobachten. Seine ersten Bilder aus Krakau wurden in der katholischen Zeitung "Tag des Herrn" veröffentlicht. Im Auftrag des Blattes fuhr er anlässlich des 750. Todestages der Heiligen Elisabeth im September 1981 nach Erfurt und dokumentierte das Geschehen bei einer großen Wallfahrt auf dem Domplatz. Mit seiner Kleinbildkamera begleitete er fortan - im eigenen Auftrag - weitere kirchliche Ereignisse: Wallfahrten, Jugendtreffen, den Auftakt des Lutherjahres 1983 auf der Wartburg, das der DDR-Führung Gelegenheit bot, sich als weltoffen zu präsentieren sowie das 750. Jubiläum des Kloster Marienthal in der Oberlausitz, zu dem damals 25.000 Gläubige kamen. Aber auch das Gemeindeleben der katholischen und protestantischen Kirchen, etwa in Leipzig-Grünau, begleitete er, wo es Anfang der 1980er-Jahre zwei Kirchenneubauten gab.

Zuletzt aktualisiert: 02. Dezember 2019, 10:11 Uhr