Glaubwürdig | MDR FERNSEHEN | samstags | 18:45 Uhr Die Porträts in den kommenden Wochen

"Glaubwürdig" erzählt von Menschen, die für ihre Standpunkte eintreten. Die sich trauen, zu glauben, aber auch zu ihren Fehlern und Schwächen stehen. Geschichten von Überzeugungen und Zweifeln, von Bekenntnissen, Witz und Gottvertrauen.


31.10. 2020 | 07:55 Uhr | + 01.11.2020 | 07:25 Uhr | Dieter Schlafke

Der gute Hirte aus Panschwitz-Kuckau. Obwohl er bereits über 80 ist, zieht er noch immer mit seiner Herde hier durch die Gegend. Er liebt seine Tiere. "Wolle und Fleisch bringen zwar nicht mehr viel ein. Aber die Landschaftspflege, die sie machen, die ist doch wichtig und vor allem ganz ökologisch. Meine Schafe sind mein Leben."

Dieter Schlafke ist ein fleißiger und bescheidener Mann. Dass er eigentlich berühmt sein könnte, ist ihm nicht bewusst. Und doch: Sein Foto ziert fast jeden historischen Bildband über Dresden, Sachsen oder die DDR. Dieter Schlafke ist der sogenannte Frauenkirchen-Schäfer. Kurz nach dem Krieg weidete seine Herde regelmäßig vor dem damals fast komplett zerstörten Gotteshaus. Das hat ein Profifotograf festgehalten.

Schlafke selbst hat die Bilder jedoch nie bekommen, sie machten in Dresdner Kunstkreisen die Runde. Für ihn ist das nicht schlimm. Er erinnert sich auch so haargenau an diese Zeit und den Ort. Schlafke traf hier viele Menschen - Flüchtlinge, Kriegsheimkehrer, Waisen und Trümmerfrauen. So mancher erzählte ihm seine Geschichte. Harte Schicksale. "Ich war plötzlich nicht mehr nur Schäfer, sondern auch ein bisschen Seelsorger, ich habe den Menschen zugehört, das half ihnen."

Nach dem Wiederaufbau war Dieter Schlafke erst ein einziges Mal wieder an und in der neu aufgebauten Frauenkirche. Aus Neugierde und als evangelischer Christ.


07.11.2020 | Christoph Kuhn

Christoph Kuhn fotografierte im Oktober 1989 das Geschehen an der Georgenkirche in Halle mit zwei Kameras. Eine trug er offen, die andere versteckt. Er musste befürchten, dass ihm ein Fotoapparat abgenommen wird - entweder von der Stasi, die die Verbreitung der Bilder verhindern wollte oder von den Teilnehmern des Protestes, die ihn für einen Stasi-Spitzel hielten.

Ab dem 10. Oktober sammelten sich an der Kirche hunderte Menschen und forderten die Freilassung der bei Demonstrationen Inhaftierten. So friedlich, wie die Revolution immer betitelt wird, hat Christoph Kuhn sie nicht erlebt. Auf Halles Straßen wurde geknüppelt und "zugeführt". Bürger gaben bei den "Mahnwächtern" an der Georgenkirche Spenden ab und stellten hunderte Kerzen auf, die Kirche war eine Anlaufstelle des organisierten Protestes geworden. Die Fotos von Christoph Kuhn zeugen noch heute davon, er hatte beide Kameras heil nach Hause gebracht.

Damals wurde dem evangelischen Christen deutlich, dass Politik und Religion nicht zu trennen sind. Je konkreter Kirche politisch ist, umso lieber ist es ihm - auch heute noch. Der Schriftsteller erzählt in seinen Gedichten und Erzählungen, was Unfreiheit in der DDR bedeutete. Daran zu erinnern bleibt ihm wichtig, sonst sei der Wert von Demokratie und Freiheit schwer erkennbar.


14.11.2020 | Klaus-Herbert Richter

Klaus-Herbert Richter ist Psychotherapeut – seit vielen Jahrzehnten versucht er Suchtkranke wieder auf die richtige Bahn zu führen. Schon zu DDR-Zeiten war das sein Ziel, doch immer musste er bei seiner Arbeit seine christliche Überzeugung hinten anstellen. Das störte ihn, und so kam das Angebot vom Diakonissenmutterhaus in Elbingerode gerade recht.

Hier wurde in den 1970er-Jahren eine Station für Suchtkranke aufgebaut, Richter übernahm die Leitung. Vor allem die Arbeit mit den Diakonissen, die auf ihre ganz eigene herzliche Art mit den Patienten umgingen, faszinierte ihn. Heute nennt der 75jährige das ein Geschenk. Ganz ohne seine Berufung kann Klaus-Herbert Richter bis heute nicht leben - noch immer führt er ambulante Sprechstunden durch.