Glaubwürdig | MDR FERNSEHEN | samstags | 18:45 Uhr Die Porträts in den kommenden Wochen

"Glaubwürdig" erzählt von Menschen, die für ihre Standpunkte eintreten. Die sich trauen, zu glauben, aber auch zu ihren Fehlern und Schwächen stehen. Geschichten von Überzeugungen und Zweifeln, von Bekenntnissen, Witz und Gottvertrauen.


28.09.2019 | Anthony Fisher

Anthony Fisher ist Anfang 30, überzeugter Christ und Pastor. Er engagiert sich in der Kulturszene von Magdeburg und sieht, was "draußen" los ist. Er braucht kein Kirchenschiff für Gottesdienste. Anthony Fisher will gerade junge Menschen an Spiritualität und Glauben heranführen. Eigens dafür hat er seine eigene Gemeinde gegründet - die "Elbkirche". Alle zwei Wochen kommt die Gemeinde zusammen, sie nennen es Sofatreffen. Sie kochen, reden über ihre Gefühle, über das Leben, ihren Tag und was die Kirche damit zu tun hat. Anthony Fisher glaubt, dass solch ein Anker in unserer immer schneller werdenden Gesellschaft ganz wichtig ist. Für ihn macht das eine Kirche im urbanen Raum aus: Dort sein, wo die Menschen sind und mit ihnen reden - über Kirche und das Leben.


05.10.2019 | Christoph Kuhn

Christoph Kuhn fotografierte im Oktober 1989 das Geschehen an der Georgenkirche in Halle mit zwei Kameras. Eine trug er offen, die andere versteckt. Er musste befürchten, dass ihm ein Fotoapparat abgenommen wird - entweder von der Stasi, die die Verbreitung der Bilder verhindern wollte, oder von den Teilnehmern des Protestes, die ihn für einen Stasi-Spitzel hielten.

Ab dem 10. Oktober sammelten sich an der Kirche hunderte Menschen und forderten die Freilassung der bei Demonstrationen Inhaftierten. So friedlich, wie die Revolution immer betitelt wird, hat Christoph Kuhn sie nicht erlebt. Auf Halles Straßen wurde geknüppelt und "zugeführt". Bürger gaben bei den "Mahnwächtern" an der Georgenkirche Spenden ab und stellten hunderte Kerzen auf, die Kirche war eine Anlaufstelle des organisierten Protestes geworden. Die Fotos von Christoph Kuhn zeugen noch heute davon, er hatte beide Kameras heil nach Hause gebracht.

Damals wurde dem evangelischen Christen deutlich, dass Politik und Religion nicht zu trennen sind. Je konkreter Kirche politisch ist, umso lieber ist es ihm - auch heute noch. Der Schriftsteller erzählt in seinen Gedichten und Erzählungen, was Unfreiheit in der DDR bedeutete. Daran zu erinnern bleibt ihm wichtig, sonst sei der Wert von Demokratie und Freiheit schwer erkennbar.


12.10.2019 | Regina Schild

Sie hat immer noch täglich mit einem der schwärzesten Kapitel der DDR-Vergangenheit zu tun: Regina Schild leitet das Stasi-Unterlagen-Archiv in der Außenstelle Leipzig. Das befindet sich an jener geschichtsträchtigen Ecke der Stadt, an der im Herbst 1989 Hunderttausende vorbeimarschierten und schließlich am 4. Dezember Einlass erstritten. Regina Schild war dabei, als die damalige Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit aufgelöst und die Bestände gesichert wurden.

Am 9. Oktober vor 30 Jahren sah sie auf dem Weg zur Demonstration aus der Straßenbahn heraus Lkw mit bewaffneten Kräften - doch sie spürte den inneren Drang, trotzdem Präsenz zu zeigen. Die Katholikin musste sich in der DDR rechtfertigen, dass sie nicht "linientreu" war und ihre Kinder nicht zu den Pionieren schickte. Die Stadt und der Staat waren ihr zunehmend zu eng, die Demonstrationen wurden zu einem Ventil. Die Ereignisse im Herbst '89 haben Regina Schild geprägt und sind bis heute Motivation für ihre Arbeit im Stasi-Unterlagen-Archiv.

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2019, 15:23 Uhr