Glaubwürdig | 13.04.2019 Der Tradition verpflichtet: Grabträger Richard Spillner

Schon der Vater pflegte dieses Ehrenamt 30 Jahre lang. Nun gibt er den Stab an seinen Sohn Richard weiter. Die Spillners sind Grabträger bei der Palmsonntagsprozession in Heiligenstadt.

Es ist ein Ehrenamt, bei dem die Betonung noch auf EHRE liegt: Das Heilige Grab bei der Palmsonntagsprozession in Heiligenstadt tragen zu dürfen, ist für Richard Spillner so etwas wie ein Ritterschlag. Der 21-Jährige übernimmt das Amt von seinem Vater Rolf, der selbst 30 Jahre lang Grabträger war.

Ein besonderer Tag

Als einer der Träger der Szene "Heiliges GRab" will Richard deutlich zeigen, woran er glaubt. So wie Sonntags, wenn er zur katholischen Messe geht.

Meine Freunde werden dann auch ein bisschen stolz sein und sich sagen: 'Der zeigt, woran er glaubt.' Das ist ja heutzutage auch nicht mehr selbstverständlich, dass man jeden Sonntag in die Kirche geht.

Richard Spillner, während er auf einer Prozession als Träger.
Richard Spillner vor der Prozession Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für die ganze Familie ist der Sonntag vor Ostern ein besonderer Tag. Handschuhe, schwarzer Anzug und Zylinder gehören zu den Attributen der Figurenträger. Schon bei der Anprobe vermischen sich Stolz, jugendliche Neugier und Ehrfurcht miteinander.

Impressionen Wer die Palmsonntagsprozession von Heiligenstadt am Laufen hält

Die Palmsonntagsprozession ist kein Event oder bloßes Brauchtum - sie ist ein Glaubensbekenntnis der Heiligenstädter und ruht im wahrsten Sinne des Wortes auf ihren Schultern.

Ort von oben
Seit 1581 gibt es die Prozession in Heiligenstadt. Die Jesuiten im Kolleg nahe der Kirche kamen damals auf die Idee. Während eines Zuges durch die Stadt, die biblische Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu darzustellen, war Teil ihrer Strategie, die Reformation im Eichsfeld rückgängig zu machen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ort von oben
Seit 1581 gibt es die Prozession in Heiligenstadt. Die Jesuiten im Kolleg nahe der Kirche kamen damals auf die Idee. Während eines Zuges durch die Stadt, die biblische Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu darzustellen, war Teil ihrer Strategie, die Reformation im Eichsfeld rückgängig zu machen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Holzfigur
Kurz vor Palmsonntag werden die Prozessions-Figuren aus einem Verschlag am Giebel des alten Kolleges geholt, um sie zu schmücken. Diese Figur erinnert daran, dass Jesus vor seinem Tod am Ölberg betete. Da es im Eichsfeld keine Olivenzweige gibt, behilft man sich mit Eibe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
"Das ist ein Höhepunkt für uns, das ist ein Höhepunkt der ganzen Stadt", sagt Gerhard Bode. Er gehört seit Jahren zu den 50 Männern mit Zylindern, die die Helden des Tages sein werden. Pünktlich 14 Uhr am Palmsonntag startet die Prozession. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Das vier Meter hohe Kreuz zu tragen und auf der mehr als einen Kilometer langen Strecke auszubalancieren, erfordert viel Kraft und Übung. Einer muss sich dem anderen unterordnen. Bisher ist alles gut gegangen, sagt Engelbert Dreiling aus Waldhausen, der wieder dabei ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Nach dem Krieg stand die Prozession ebenfalls auf der Kippe. Doch der damalige Probst Paul-Julis Kockelmann konnte sie durch Intervention beim sowjetischen Stadtkommandanten retten. So trauten sich auch die DDR-Funktionäre nicht, das Erbe anzutasten, wohl aber jene, die mitgingen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann
Durch alle Zeiten war die Prozession ein starkes Glaubensbekenntnis, erklärt Kirchenhistoriker Torsten Müller. Im ehemaligem Jesuitenkolleg, wo heute das Eichsfeldmuseum untergebracht ist, würde Müller, der dessen Direktor ist, gern mehr darüber erzählen und auch eine der Figuren ausstellen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Menschen hantieren an einer Holzfigur
Heiligenstädter Familien halten die Prozession seit mehreren Generationen am Leben, in dem sie die Figuren vorbereiten und die Träger stellen. Nicht alle könnten sich mit der Idee anfreunden, die Figuren im Museum auszustellen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Frau
Bernadette Heinevetter findet, die Prozessionsfiguren eignen sich nicht als Ausstellungsobjekt. Den Geist der Prozession, das Glaubensbekenntnis, könne man nicht im Museum zeigen, man müsse an einem Palmsonntag dabei sein. Die Prozession lasse sich nicht mit Events wie dem Sommergewinn in Eisenach oder der Bratwurstkrönung in Erfurt vergleichen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Holzfigur
Die Prozession wird fortgeführt von Heiligenstädter Familien. Seit 1734 wurde sie übrigens vom Karfreitag auf den Palmsonntag verlegt. Jesus am Kreuz tragen seit 1943 Männer aus Westhausen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ort von oben
Das Dorf Westhausen liegt rund fünf Kilometer entfernt von Heiligenstadt. Dort fehlten damals die Männer, weil sie im Krieg waren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Der Probst bat um Hilfe aus den Nachbargemeinden. So fanden sich in Westhausen neue Träger. Auch nach dem Krieg wollten sie das Amt nicht mehr abgeben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Die Westhausener Johannes Dreiling und nach ihm sein Sohn Engelbert haben Jahrzehnte lang das Kreuz auf sich geladen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Mit List und Schläue haben die Eichsfelde rihre Prozession verteidigt. Das hatte für einige Konsequenzen. In der Nazi-Zeit verbot die NSDAP-Kreisleitung, dass Schüler das Heilige Grab begleiteten. Acht Jungen setzten sich darüber hinweg und kamen dafür ins Straflager der Hitlerjugend in Bad Berka. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Rolf Spillner war in den 1980er-Jahren das erste Mal dabei. Er durfte deswegen nicht studieren, blieb aber bei seinem Bekenntnis. Nun hat er sein Amt auf seinen Sohn Richard übertragen, der die Kraft zehrende Aufgabe, das 320 Kilo schwere Heilige Grab mit über die 1.500 Meter lage Strecke zu befördern, meisterte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Menschen bei einer Prozession
Rund 8.000 Menschen beteiligen sich 2018 singend und betend an der Prozession, 4.000 schauen zu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Hozschachtel wird bemalt
Zum Palmsonntag gehören auch die Schachteln von Helga Schotte. Eine, die sie mit dem biblischen Symbol des Lammes bemalte, ging sogar einmal an Kardinal Ratzinger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Ich glaube, es kommt dann erst, wenn ich wirklich neben dem Grab stehe oder hinlaufe zur Prozession von zu Hause, dann fühle ich mich doch sehr anders.

Richard Spillner

Heimat im katholischen Eichsfeld

Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Amtsübergabe geglückt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Richard Spillner ist in einer katholischen Familie mit den Bräuchen seiner eichsfeldischen Heimat aufgewachsen und für ihn ist es gar nicht uncool, diese lebendige Glaubenstradition fortzuführen. Zum ersten Mal trägt Richard eine der sechs Darstellungen des Leidensweges Christi durch die Gassen der Stadt und wird so Teil einer 400-jährigen Tradition.

Die Palmsonntagsprozession in Heiligenstadt Heiligenstadt liegt im Landkreis Eichsfeld, dem einzigen größeren geschlossenen katholischen Gebiet Mitteldeutschlands mit volkskirchlichen Strukturen.

Mit einer Prozession durch die Stadt am Palmsonntag erinnern hier tausende Menschen an die Leidensgeschichte Jesu. Diese wird in sechs Szenen und mit teilweise überlebensgroßen Figuren erzählt. Getragen werden die Darstellungen jeweils von mehreren Männern in Anzug und Zylinder.

Die Prozession beginnt mit einer aufrecht stehenden Christusfigur mit Kelch und segnender Hand. Ein Tisch mit Brot und Wein symbolisiert das letzte Abendmahl mit den Jüngern. Die nächste Szene zeigt den betenden Christus auf dem Ölberg, bevor eine weiß verhüllte Figur mit Augenbinde die Verspottung darstellt. Der Kreuzigungsszene folgen eine Pietà, das heißt ein Bildnis der trauernden Maria mit dem Leichnam Jesu auf dem Schoß und schließlich das Heilige Grab. Begleitet wird der Zug von Kindern, die aus Buchsbaum-Zweigen Palmstöcke gebunden haben.

Die Tradition entstand wahrscheinlich mit der Gegenreformation im 16. Jahrhundert, als Jesuiten den Protestantismus wieder aus der weitgehend evangelisch gewordenen Region verdrängten. Heute wird die Palmsonntagsprozession als ökumenische Veranstaltung von Katholiken und Protestanten gemeinsam begangen.

2016 wurde die Prozession von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt.

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 18:00 Uhr

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