Glaubwürdig | 04.05.2019 Joachim Garstecki: Der unbequeme Friedensarbeiter aus Magdeburg

Ein paar Wochen nach dem Prager Frühling 1968 organisiert der katholische Theologe Joachim Garstecki ein Friedenstreffen für junge Leute in Magdeburg. Auch danach bleibt er unbequem, vor allem für seine eigene Kirche. "Wir dürfen niemals aufhören, uns zu hinterfragen!", sagt er.

Joachim Garstecki, katholischer Theologe in Magdeburg 5 min
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Glaubwürdig Sa 04.05.2019 18:45Uhr 04:50 min

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Joachim Garstecki ist ein mutiger und unbequemer Mann. Er sagt Dinge, die aufrütteln. Das hat der heute 77jährige schon früher gemacht. 1968 – ein paar Wochen nach dem Prager Frühling – organisiert der katholische Theologe ein Friedenstreffen für junge Leute im Magdeburger Kloster Unser Lieben Frauen. Die Aktion könnte ihn ins Gefängnis bringen.

Gradlinigkeit bleibt das Credo

Glaubwürdig: Joachim Garstecki
Im Kloster Unser Lieben Frauen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch Joachim Garstecki hat keine Angst, Gradlinigkeit ist sein Credo. Agenten der Staatssicherheit beobachten alles, greifen aber nicht ein. Die katholischen Bischöfe ziehen sich zurück, unterstützen daraufhin keine weiteren Friedenstreffen ihrer Jugend, anders als die evangelische Kirche, "die war zu diesem Zeitpunkt schon viel weiter in der Friedensfrage und viel mutiger eigentlich", sagt Garstecki. Seine Brücken in Magdeburg bricht er ab damals, um für die evangelische Kirche in Berlin zu arbeiten. Seine Frau und die drei Kinder sieht er nur noch am Wochenende.

Ich habe 20 Jahre als katholischer Gastarbeiter beim Kirchenbund der DDR gearbeitet. Leider hat das dazu geführt, dass ich meine Frau stark alleine hab' machen lassen. Und das ist aus meiner heutigen Sicht etwas problematisch, um's vorsichtig zu sagen.

Joachim Garstecki

Unbeirrt engagiert er sich weiter öffentlich für Menschenrechts- und Umweltfragen. Der Glaube an Gott hilft ihm und seiner Frau immer wieder, die schwierigen Alltagssituationen ihres  Lebens zu meistern.

Ich bin dankbar für vieles, was mir geschenkt worden ist und weiß auch, dass ich das nicht mir allein verdanke. Damit nähere ich mich auch der Frage, was für mich Gott ist.

Joachim Garstecki
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Joachim Garstecki mit seiner Frau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

1988/89 wird Garstecki Berater der Ökumenischen Versammlung der Kirchen und Christen in der DDR. Die Versammelten und ihre Forderungen nach demokratischen Reformen sind die Vorreiter für die friedliche Revolution im Herbst 89. Als Theologe mahnt Joachim Garstecki damals immer wieder Gewaltfreiheit an.

Dies ist eine simple Wahrheit: Wenn ich eine Kerze in der einen Hand habe und mit der anderen Hand das Licht der Kerze schützen muss, damit es nicht ausgeht, bedeutet das im Ergebnis, dass ich keine Steine schmeißen kann.

Joachim Garstecki

"Wir dürfen niemals aufhören, uns zu hinterfragen!"

Glaubwürdig: Joachim Garstecki
"Friedensarbeit als lebenslage Aufgabe" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jetzt – 30 Jahre nach der Wende – steht Joachim Garstecki wieder auf. Er und seine Mitstreiter erneuern in einem öffentlichen Zukunftsversprechen ihre Forderungen von damals: "Wir dürfen niemals aufhören, uns zu hinterfragen! Die Welt ist heute eine andere, aber längst ist nicht alles gut. Die menschengemachten Probleme der globalen Welt –Armut, Ausbeutung, Klimawandel, Flucht und Gewalt – sind weiter ungelöst." Als Aufgabe der Kirchen sieht er es, die Stimme dagegen zu erheben:

In einer Welt, die auseinanderfällt, ist das ein ganz wichtiges Zeugnis, dass die Kirchen mit einer Stimme weltweit zum gerechten Frieden etwas sagen. Das hätte auch eine ansteckende Wirkung für die nicht-kirchlichen Leute.

Joachim Garstecki
Glaubwürdig: Joachim Garstecki
Vor Barlachs Denkmal gegen den Krieg im Magdeburger Dom Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im evangelischen Dom zu Magdeburg – an Barlachs Mahnmal gegen den Krieg – betet der Katholik Joachim Garstecki für Frieden und Gerechtigkeit. Der Vater dreier Kinder lebt wieder in seiner Heimatstadt, inzwischen ist er mehrfacher Großvater und fühlt sich immer noch wie auf einer Baustelle: Friedensarbeit sei eben lebenslanges Lernen.

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Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2019, 10:02 Uhr