Glaubwürdig | 12.10.2019 Regina Schild: Erinnern, wie eine Diktatur funktioniert

Regina Schild leitet das Stasi-Unterlagen-Archiv in der Außenstelle Leipzig. Es befindet sich an jener geschichtsträchtigen Ecke, an der sie im Herbst 89 mit vorbeimarschierte und schließlich Einlass erstritt.

Sie hat immer noch täglich mit einem der schwärzesten Kapitel der DDR-Vergangenheit zu tun: Regina Schild leitet das Stasi-Unterlagen-Archiv in der Außenstelle Leipzig. Das befindet sich an jener geschichtsträchtigen Ecke der Stadt, an der im Herbst 1989 Hunderttausende vorbeimarschierten und schließlich am 4. Dezember Einlass erstritten. Regina Schild war dabei, als die damalige Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit aufgelöst und die Bestände gesichert wurden.

Regina Schild, Glaubwürdig
"Lichträume" und Performances erinnern an den Herbst 89 in Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir können hier zeigen, wie sieht eine Diktatur aus und wie sind die Mechanismen", sagt sie und meint, das sei ihr selbst bei einer der ersten Akteneinsichten erschreckend klar geworden. Damals las sie in den Akten vom Schicksal einer jungen Frau, deren Fluchtversuch verraten worden war und deren Kind in einem Heim landete. Jahre später kamen sie wieder zusammen, fanden aber nicht mehr recht zueinander.

Damals am 9. Oktober

Damals an jenem entscheidenden 9. Oktober vor 30 Jahren sah Regina Schild auf dem Weg zur Demonstration aus der Straßenbahn heraus LKW mit bewaffneten Kräften. Doch sie spürte den inneren Drang, trotzdem Präsenz zu zeigen.

Regina Schild, Glaubwürdig
70.000 liefen am 9. Oktober 1989 um den Ring. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich wollte, dass eine(r) mehr gezählt wird. Ich hatte auch so eine Wut wegen dieser Lügen, die durch die Presse gegangen sind und erzählt wurden: 'Das sind alles Asoziale, die da rausgehen und Randalierer.' Und ich war das einfach nicht!

Regina Schild

Erfahrungen teilen

Regina Schild, Glaubwürdig
Regina Schild begleitet Jugendliche aus Baden-Württemberg und Sachsen beim Sächsischen Geschichtscamp. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf der Straße waren an jenem 9. Oktober schon 70.000 Menschen. Damals war Regina Schild 33 Jahre alt, hatte drei Kinder und einen Job in der EDV. Die Katholikin musste sich in der DDR rechtfertigen, dass sie nicht "linientreu" war und ihre Kinder nicht zu den Pionieren schickte. Die Stadt und der Staat waren ihr zunehmend zu eng, die Demonstrationen wurden zu einem Ventil, erinnert sie sich. Die Ereignisse im Herbst '89 haben Regina Schild geprägt und sind bis heute Motivation für ihre Arbeit im Stasi-Unterlagen Archiv. Heute will Regina Schild den jungen Leuten die Idee der Friedlichen Revolution mit auf den Weg geben:

Die wissen gar nicht, was das bedeutet, totale Schranken vorgesetzt zu bekommen und erschrecken dann manchmal auch, wenn sie das vor Augen geführt kriegen durch unsere Akten. Und dann passiert ein Nachdenken und das finde ich wichtig.

Regina Schild

Regina Schild, Glaubwürdig
Erinnerungsorte rund um den Ring werden so beleuchtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2019, 00:41 Uhr