Carsten Lekutat im Gespräch mit Nicole Lins
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hauptsache Gesund | 17.01.2019 | 21:00 Uhr Abnehmen mit allen Sinnen

Genießen statt hungern ist das Motto von Nicole Lins. Die Ernährungsberaterin und -psychologin erklärt im Gespräch mit Carsten Lekutat, warum strikte Verbote beim Abnehmen meistens kontraproduktiv sind und welche Tricks stattdessen helfen, langfristig Gewicht zu verlieren.

Carsten Lekutat im Gespräch mit Nicole Lins
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Carsten Lekutat: Gerade im Januar – nach Weihnachten und Silvester – haben wir noch viele gute Vorsätze. Häufig versagt man damit aber. Warum ist das eigentlich so?

Nicole Lins: Zum einen, weil man immer zu viel auf einmal will. Zum anderen, weil es meistens ganz rigide Vorsätze sind. Zum Beispiel nehme ich mir vor, zehn Kilo abzunehmen und deshalb keine Schokolade mehr zu essen. Doch wir haben alle ein Belohnungszentrum im Gehirn, das dauerhaft Befriedigung braucht. Und gerade mit derart strengen Vorsätzen befriedige ich das nicht mehr. Dann ist es eine Frage der Zeit, bis ich einknicke. Das ist ganz normal. Deswegen ist der Trick eher andersrum – dass ich mir Sachen gönne. Also sich nicht als Vorsatz nehmen "keine Schokolade", sondern nur "eine Tafel pro Woche", wenn ich vorher mehr gegessen habe.

C.L.: Das heißt, für dich beginnt abnehmen im Kopf?

N.L.: Ja, es beginnt immer im Kopf. Zunächst muss man unterscheiden, was "Kopfhunger" und was "Bauchhunger" ist. Viele essen, weil sie eine gestörte Körperwahrnehmung haben. Zum Beispiel haben sie eigentlich ein Durstgefühl, das aber gleichzeitig Appetit auslöst. Außerdem brauche ich zum Beispiel Befriedigung, wenn ich gestresst bin – und wir haben von klein auf gelernt, dass das mit Essen fantastisch funktioniert.

C.L.: Jetzt muss ich nochmal nachfragen: Es gibt "Kopfhunger" und "Bauchhunger"?

N.L.: Ja. Den "Bauchhunger" spüre ich, wenn in der Magengegend ein Leeregefühl ist. Dann möchte mein Körper Energie und braucht sie auch. Die meisten essen aber, weil sie im Kopf Gelüste haben und denken: "Jetzt könnte ich irgendetwas haben".

C.L.: Aber das ist doch auch schön im Leben.

N.L.: Das ist es auch. Und man darf dann natürlich auch genießen. Aber vielleicht mal mit anderen Reizen als mit dem Essen.

C.L.: Du sagtest eben, dass man vielleicht nur Durst und gar keinen Hunger hat. Ist es das, was unser Kopf nicht so gut unterscheiden kann?

Nicole Lins
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N.L.: Wir haben das verlernt. Es fängt in der Schule an. Da dürfen wir nicht immer trinken, wenn wir es vielleicht brauchen, sondern nur zu Pausenzeiten. Viele haben auch Jobs, während derer sie nicht immer trinken können. Dann produziere ich früher oder später Appetit. Das wird noch von früher ausgelöst. Damals hat man Beerenobst gegessen und sich viel bewegt. Heute habe ich aber nicht unbedingt Beerenobst in meiner Schublade, wenn ich Appetit auf etwas Süßes hab, sondern Gummibärchen. Und schon esse ich die, die Blutzuckerkurve geht hoch, fällt wieder und ich krieg wieder Gier. Ich bin also richtig in dieser Falle drin und komme nicht raus aus dem Hamsterrad.

C.L.: Bei deinen Ernährungscoachings lernen die Teilnehmer unter anderem, anstelle eines eisernen Willens wieder richtig zu genießen. Warum?

N.L.: Weil wir es meistens verboten bekommen. Du darfst dies nicht, du darfst jenes nicht. In meinen Kursen steht nicht nur das Genießen im Fokus, sondern auch mal wieder mit allen Sinnen zu arbeiten. Es zu zelebrieren, ein Stück Schokolade zu essen. So erfahre ich massiv Belohnung und komme dadurch mit viel weniger Schokolade aus.

C.L.: Also ich sitze ja ganz gerne manchmal abends auf dem Sofa, vor dem Fernseher, und genieße eine Tüte Chips.

N.L.: Dann mach’s weiter (lacht). Wir würden in der Ernährungstherapie nie sagen: Das ist gänzlich verboten. Man würde gucken, ob wir Wege drum herum finden. Oder herausfinden, warum du die Tüte Chips jetzt essen musst. Vielleicht gab es einen Auslöser. Und ich würde dir die Empfehlung geben: Nimm dir eine Handvoll Chips raus, lass die die Tüte in der Küche und zelebriere die Chips dann genüsslich.


Ideen von Nicole Lins zum Anregen der Sinne:

Für einen langfristigen Erfolg beim Abnehmen ist es wichtig, Ablenkungs- und Belohnungsstrategien zu entwickeln. Je mehr Sinne dabei angesprochen werden, desto stärker wird unser Belohnungssystem befriedigt.

Teeblätter, Zimt und eine Mandarine liegen neben einer Teetasse
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  • Lebensmittel mit bestimmten Anreizen versehen. Zum Beispiel einem Tee Gewürze wie Zimt und Ingwer hinzufügen. Dem Tee beim Dampfen zuschauen, an ihm riechen und die Wärme spüren. Der Ingwer wärmt zusätzlich von innen.
  • Eine Kerze anzünden und ein Buch lesen.
  • Der Duft eines Aromaöls – zum Beispiel mit Zitrusfrüchten – kann wohltuend und aufmunternd wirken.
  • Ein Wohlfühlbad mit Aromasalz nehmen. Für diejenigen, die keine Badewanne haben, eignet sich auch wunderbar ein Fußbad.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 17. Januar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2019, 10:01 Uhr