Eine Frau kühlt sich den Ellenbogen mit einem Gelpad.
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Hauptsache Gesund | 26.04.2018 | 21:00 Uhr Zehn Strategien bei Arthrose

Wenn man morgens aufsteht, tun die Gelenke weh. Man fühlt sich steif. Unbeweglich. Alles typische Anzeichen für eine Arthrose. Rund acht Millionen Deutsche plagen sich mit Gelenkschmerzen. Die beste Therapie ist die, das Problem von vielen Seiten anzupacken. Hier sind zehn Strategien gegen Arthrose.

von Jana Olsen

Eine Frau kühlt sich den Ellenbogen mit einem Gelpad.
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1. Bewegen Sie sich.

Das klingt banal, ist es aber ganz und gar nicht. In den Leitlinien der Internationalen Arthrosegesellschaft OARSI führt Bewegung sogar die Liste der besten nicht medikamentösen Behandlungsmaßnahmen an. Dafür müssen Sie keineswegs zum Leistungssportler werden.

Die Füße einer am Strand spazierenden Frau
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Spazierengehen wird von der Arthrosegesellschaft ebenso ausdrücklich empfohlen wie Wassergymnastik, Schwimmen, Radfahren und andere gelenkschonende Sportarten. Warum ist das so? Starke Muskeln geben unseren Gelenken den so wichtigen Halt. Eine gute Koordination schützt zudem vor Stürzen und Knochenbrüchen. Aber nicht nur das. Muskeln ziehen und drücken über die Sehnen an den Knochen. Das regt ihn an, aufbauende Zellen zu bilden. Den Knochen kann sich so schneller erneuern und Stürze besser aushalten. Der Gelenkknorpel wiederum braucht die Bewegung, um Nährstoffe zu erhalten. Beim Strecken und Beugen werden nämlich die Nährstoffe mit der Gelenkflüssigkeit in den Knorpel transportiert.

2. Medikamente helfen bei starken Beschwerden.

Häufig können sich Patienten aufgrund der Schmerzen gar nicht ausreichend bewegen und könnten ohne Schmerzmittel nicht einmal physiotherapeutisch betreut werden. Hier ist es sinnvoll, die Belastungsfähigkeit durch schmerz- und entzündungshemmende Medikamente wieder herzustellen. Wichtig ist allerdings, dass die Medikamente nicht zu lange eingenommen werden, denn Schmerzmittel haben auf Dauer unangenehme Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. So gehen beispielsweise die häufig bei Arthrose verordneten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) unschöne Wechselwirkungen mit blutdrucksenkenden ACE-Hemmern ein. Die Schmerzmittel können die Wirkung der Blutdrucksenker teilweise aufheben.

Gefährliche Nebenwirkungen von freiverkäuflichen Schmerzmitteln

Paracetamol
Paracetamol Paracetamol kann lebensgefährliche Nebenwirkungen wie Leberversagen und Bluthochdruck haben. Das ist inzwischen weitgehend bekannt und aus diesem Grund wurden die Packungsgrößen begrenzt. Bildrechte: IMAGO
Paracetamol
Paracetamol Paracetamol kann lebensgefährliche Nebenwirkungen wie Leberversagen und Bluthochdruck haben. Das ist inzwischen weitgehend bekannt und aus diesem Grund wurden die Packungsgrößen begrenzt. Bildrechte: IMAGO
Aspirin plus C Brausetablette Brausetabletten Packung quer ASS-ratiopharm 500, 2002
Acetylsalicylsäure (ASS) Dieses Mittel wirkt blutverdünnend und kann unter anderem Magen-Darm-Blutungen, Hirnblutungen, Atemnot und Nierenversagen als unerwünschte Nebenwirkungen nach sich ziehen. Herzpatienten erhalten das Mittel oft in geringer Dosierung, um das Risiko eines Infarkts zu verringern. Die bei Schmerzen eingenommene Dosis ist jedoch deutlich größer. Bildrechte: IMAGO
Tabletten Ibuprofen USP, 200 mg der Marke Kirkland
Ibuprofen Als mögliche Nebenwirkungen können bei diesem Mittel zum Beispiel Asthma-Anfälle, Nierenversagen sowie Herzinfarkt auftreten. Außerdem besteht das Risiko eines Magen-Darm-Durchbruchs. Bildrechte: IMAGO
Diclofenac
Diclofenac Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, aber auch zu Magen-Darm-Blutungen und Nieren- und Leberversagen, Herzinfarkt oder Schlaganfall zählen zu den lebensbedrohlichen Nebenwirkungen, die mit diesem Wirkstoff auftreten können. Bildrechte: IMAGO
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3. Wenig Fleisch, viel Kurkuma.

Eine Arthrose lässt sich zwar nicht direkt wegessen. Trotzdem kann eine Ernährungsumstellung aus mehreren Gründen sinnvoll sein. Zum einen hilft jedes Kilo weniger, denn je mehr man auf die Waage bringt, desto stärker wird der Gelenkknorpel belastet, was wiederum schmerzhaft werden kann. Zum anderen soll Fettgewebe vermehrt Entzündungsstoffe produzieren, was ebenfalls Schmerzen befeuert. Mit anderen Worten: Ein normales Gewicht würde unseren Gelenken doppelt  helfen.

Kurkuma
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Zahlreiche Studien belegen zudem, dass eine fleischarme Ernährung Gelenkschwellungen, Schmerzen und die Entzündungswerte im Blut verringern kann. Grund ist die im Fleisch enthaltene Arachidonsäure, die Entzündungsschübe auszulösen scheint. Fleisch und Wurstprodukte enthalten besonders viel davon. Gegenspieler der Arachidonsäure sind Omega-3-Fettsäuren, wie sie beispielsweise in Fisch, Raps- oder Leinöl vorkommen. Sie können offenbar die Umwandlung der Arachidonsäure in Entzündungsstoffe hemmen und sollten deswegen regelmäßig gegessen werden.

Ein Geheimtipp ist zudem Kurkuma. Das Gewürz aus der Familie der Ingwergewächse wird schon seit Jahrhunderten in der ayurvedischen Medizin für seine entzündungshemmende Wirkung geschätzt. Etliche Studien bestätigen die entzündungshemmende Wirksamkeit. Empfohlen wird, täglich zwei Teelöffel ins Essen zu geben, eine Prise Pfeffer verbessert die Aufnahme im Körper.

4. Kühlen bei Entzündungen

Eine Frau hält ein Kühlpad an ihr Fußgelenk
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Wenn ein Gelenk sich heiß anfühlt, geschwollen oder gerötet ist, ist es entzündet. Man spricht dann von einer aktivierten Arthrose. Die beste Erste-Hilfe-Maßnahme ist dann zu kühlen. Kälte verringert die Durchblutung, was gegen die Entzündung wirkt. Der Kältereiz dämpft zudem das Schmerzempfinden, weil er die Schmerzrezeptoren blockiert. Aus diesem Grund sollten Kühlkompressen nie direkt auf die Haut gelegt werden, weil es sonst zu ungewollten Erfrierungen kommen kann. Je nach Gelenk lässt sich unterschiedlich kühlen: mit Kühlpads, kalten Wickeln oder Auflagen.

Letzteres kann auch mit ganz gewöhnlichem Quark hergestellt werden. So ein Quarkwickel hat die Fähigkeit, überschüssige Wärme aus dem Körper zu ziehen. Uns so geht es: Drei Esslöffel kalten Quark etwa fingerdick auf ein dünnes Leintuch streichen. Das Tuch einschlagen und den Wickel auf die schmerzende Stelle legen. Gut eine halbe Stunde einwirken lassen. Sobald der Quark fest wird, kann er abgewaschen werden.

5. Wärmen bei Verspannungen

Wenn Arthroseschmerzen chronisch sind und mit einer verspannten Muskulatur um das Gelenk einhergehen, dann ist Wärme hilfreich. Sie verbessert die Durchblutung und erhöht die Beweglichkeit. Der Klassiker Wärmflasche funktioniert bei Gelenken allerdings nur bedingt. Weil sich die Wärmflasche nun mal nicht um ein Knie oder die Schulter wickeln lässt, sind heiße Wickel, Auflagen und Bäder hier die besseren Alternativen. Ätherische Öle wie Lavendel oder Rosmarin fördern die Durchblutung und entspannen zusätzlich.

6. Spritzen mit Hyaluronsäure

Eine Spritze vor einem blauen Hintergrund.
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In unseren Gelenken kommt Hyaluronsäure bereits natürlicherweise vor und sorgt für eine gute Gleitfähigkeit der Gelenkflüssigkeit. Wenn wir also die Menge der Hyaluronsäure im Gelenkspalt vermehren könnten, müsste sich doch theoretisch wie ein Schmieröl die Gelenkbewegung unterstützen? Doch in wissenschaftlichen Studien konnte sich das bislang keinesfalls eindeutig belegen lassen.

Sinnlos ist der Einsatz von Hyaluronsäure trotzdem nicht. Neuere Studien zeigen nämlich durchaus Vorteile der Hyaluronsäurespritzen, zum Beispiel gegenüber der alleinigen Therapie mit Schmerzmitteln. Eine große Untersuchung, für die Daten von 33.000 Patienten mit Kniegelenksarthrose ausgewertet wurden, zeigte, dass die Hyaluronsäure effektiver war als die Einnahme von NSAR-Schmerzmitteln. Allerdings bringt jede Injektion ein nicht unerhebliches Infektionsrisiko mit sich. Zudem sollte man wissen, dass die gesetzlichen Krankenkassen Injektionen mit Hyaluronsäure in der Regel nicht zahlen. Die Preise sind hier ganz unterschiedlich, können aber durchaus mehrere Hundert Euro betra­gen.

7. Nadeln gegen die Schmerzen

Akupunktur
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Akupunktur ist das Verfahren der Komplementärmedizin, das bei Arthrose am besten erforscht ist. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Akupunktur Knie- und Rückenschmerzen lindert und die Beweglichkeit verbessert. Etwa 30 Minuten muss ein Patient für eine Behandlung einplanen. Sie verursacht kaum Nebenwirkungen, muss aber in Serie angewendet werden. Bei Kniearthrose übernehmen die Krankenkassen die Kosten.

8. Blutegel als Schmerzstiller

Blutegel
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Blutegel werden speziell für medizinische Zwecke gezüchtet und müssen höchsten hygienischen Ansprüchen genügen. Je nach Gelenk werden vier bis sechs Egel auf die schmerzende Stelle gesetzt. Einmal angedockt, saugen sie bis zu 45 Minuten und geben dabei um die 20 Substanzen ab, die schmerzlindernd wirken. Bei Kniearthrose konnte eine Studie der Universitätsklinik Aachen bei 80 Prozent der Patienten eine Verminderung der Schmerzen nachweisen. Dieser Effekt war sogar lang anhaltend. Nach zehn Monaten brauchte die Hälfte der Patienten weniger Schmerzmittel als vor der Behandlung. Warum der Effekt so lange anhält, weiß man allerdings nicht. Zudem reagieren nicht alle Gelenke gleich. Der Erfolg scheint umso größer, je dichter der Blutegel ans Gelenk gesetzt werden kann. Knie-, Daumen- oder Sprunggelenksarthrosen sind gut geeignet dafür, beim tiefer liegenden Hüftgelenk wird es schwieriger. Die Fingergelenke wiederum sind zu klein, weil da der Egel nicht ordentlich beißen kann. Eine Blutegeltherapie muss selbst bezahlt werden. Die Behandlung kostet zwischen 60 und 120 Euro.

9. Schröpfen für mehr Lebensqualität

Therapeutin platziert erhitzte Schröpfglocken auf dem Rücken einer älteren Patientin.
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Traditionelle Schröpfgläser sehen ein bisschen aus wie kleine Marmeladengläser. Sie werden erwärmt und umgekehrt auf die Haut gesetzt. Wenn sich die Luft in den Gläsern abküht, entsteht ein Unterdruck. Dieser hebt die Oberhaut etwas von den tiefer liegenden Schichten ab, was die Durchblutung verstärkt. Für das Kniegelenk beispielsweise gibt es moderne Schröpfköpfe aus Kunststoff mit Silikonrand. Hier wird der Unterdruck über eine elektrische Pumpe erzeugt. Viele Patienten empfinden die Behandlung im Nachhinein als wohltuend und schmerzlindernd. Eine kleine Studie der Charité Berlin zeigte, dass Schröpfen bei einer Kniegelenksarthrose die Funktion des Gelenks und die Lebensqualität verbessert.

10. Operation als letzter Ausweg

Dem Deutschen Endoprothesenregister zufolge erhalten rund 400.000 Menschen in Deutschland jedes Jahr ein künstliches Gelenk, eine sogenannte Endoprothese. Am häufigsten werden Hüftgelenke und Kniegelenke ersetzt. Die Entscheidung, ob man wirklich ein künstliches Gelenk braucht, hängt oft von der individuellen Lebensqualität ab. Auf dem Weg zu dieser Entscheidung helfen folgende Fragen:

Ein Skalpell auf blauem Hintergrund.
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  • Wie hoch ist der Schmerzmittelverbrauch?
  • Wie lang ist die Gehstrecke, die noch absolviert werden kann?
  • Welche Alltagsbelastungen gehen nicht mehr?
  • Habe ich schon alle konservativen und naturheilkundlichen Behandlungsmethoden komplett ausgeschöpft?

Wichtig ist auch die Frage nach einer guten Klinik. Auf den Rat des überweisenden Arztes zu vertrauen ist schon mal eine gute Idee. Viele Patienten zählen auf die Erfahrung anderer Patienten. Zudem ist jede Klinik verpflichtet, in einem Qualitätsbericht Fallzahlen und Komplikationsraten zu veröffentlichen. Eine gute Hilfe ist hier die "Weisse Liste", ein Internetportal für Laien unter Schirmherrschaft des Patientenbeauftragten der Bundesregierung.

Hausarzttipp von Dr. Carsten Lekutat

In den vergangenen Jahren hat sich in der Medizin, insbesondere in der Schmerztherapie, der Begriff der multimodalen Therapie etabliert. Hierunter versteht man ein Zusammenwirken verschiedener Fachrichtungen, um eine möglichst effektive Behandlung zu ermöglichen. Und genauso multimodal sollten Sie auch Ihre Arthrose-Behandlung angehen. Packen Sie die Schmerzen von verschiedenen Seiten an! Probieren Sie naturheilkundliche Methoden, machen Sie Wickel oder Umschläge, verändern Sie Ihre Ernährung, trainieren Sie gezielt Ihre Schwachstellen. Versuchen Sie dabei, Ihre Erkrankung so individuell zu sehen, wie Sie es selbst sind. Was dem einen hilft, muss für den anderen nicht unbedingt gut sein. Und geben Sie sich Zeit! Anpassungsvorgänge in unseren Muskeln, Sehnen und Gelenken brauchen eine Weile. Eine Umstellung der Lebensgewohnheiten ist mit der Wirkung starker Schmerzmittel nicht zu vergleichen. Aber die Umstellung ist ohne Nebenwirkungen und kann eine langfristige Besserung bewirken. Es gibt einen Weg aus dem Arthroseschmerz. Aber gehen müssen Sie ihn ein Stück weit auch selbst.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 26. April 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2018, 23:26 Uhr

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