Hände in Handschellen
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Hauptsache Gesund | 12.04.2018 | 21:00 Uhr Autoimmunkrankheiten: Körperpolizei außer Kontrolle

Was haben Diabetes Typ 1 und Schuppenflechte gemeinsam? – Sie entstehen, weil die Körperpolizei außer Kontrolle scheint. Das Immunsystem wacht wie eine Schar von Polizisten über uns: Fremde Stoffe wie Bakterien oder Viren werden erkannt und möglichst unschädlich gemacht. Aber manchmal richtet sich die Körperpolizei gegen eigenes Gewebe. Es entstehen Autoimmunerkrankungen mit schwerwiegenden Folgen.

von Rita Kundt

Hände in Handschellen
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Autoimmunerkrankungen sind anhaltende entzündliche Prozesse. Sie können sich gegen einzelne Organe und sogar gegen den gesamten Organismus richten. Organspezifisch sind beispielweise Multiple Sklerose (gegen die Nerven) und Diabetes Typ 1 (gegen die Bauchspeicheldrüse). Systemisch sind Erkrankungen des entzündlich-rheumatischen Formenkreises wie zum Beispiel Psoriasis-Arthritis. Diese Form der Schuppenflechte befällt vor allem die Gelenke, in einigen Fällen auch die Knochen. In der Regel haben Patienten mit Psoriasis-Arthritis bereits einige Untersuchungen hinter sich und sind mit verschiedenen Vermutungen konfrontiert worden, bevor sie die richtige Diagnose erhalten.

Biologika – Hoffnung für Autoimmunkranke

Seit rund 20 Jahren gibt es Biologika. Diese Präparate werden gezielt für die unterschiedlichsten Autoimmunreaktionen hergestellt und wirken im Immunsystem dort, wo die chronischen Entzündungen entstehen. Patienten mit Schuppenflechte stehen beispielsweise bereits 14 zugelassene Präparate zur Verfügung. Allerdings sind Biologika kostspielig und werden daher häufig nicht verordnet. Außerdem kann ihre Wirksamkeit nachlassen. Biologika sind vergleichsweise gut verträglich. Patienten berichten allerdings oft davon, dass ihr Immunsystem geschwächt wird und sie anfälliger für Infekte werden.

Vorsicht beim Immunstärken!

Sonnenhut (Echinacea)
Sonnenhut (Echinacea) Bildrechte: IMAGO

Fast jeder kennt Tricks und Tipps, um sich gegen Infekte fit zu machen. Wer eine Autoimmunerkrankung hat, sollte dabei allerdings vorsichtig sein. Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, stellvertretende Leiterin des Instituts für Medizinische Immunologie an der Charité, rät Erkrankten von phytotherapeutischen Präparaten mit Echinacea (Sonnenhut) oder Pelargonium (Afrikanische Geranie) strikt ab, denn solche Arzneimittel können die Angriffe des Immunsystems gegen den eigenen Körper verstärken.

Dagegen zeigen Studien, dass es günstig sein kann, Vitamin-D-Präparate einzunehmen. Denn das Sonnenvitamin ist wichtig für die Kontrolle des Immunsystems und kann daher Beschwerden lindern. Auch Zink scheint eine positive Wirkung zu haben. Tipp der Expertin: Anstatt blind Ergänzungsmittel einzunehmen, sollte der Vitamin- und Mineralstoffhaushalt beim behandelnden Arzt überprüft und der Mangel gezielt ersetzt werden.

Neue Autoimmunerkrankungen

mit Bewegungsunschärfe fotografierte Gruppe gehende Menschen
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Rund acht bis zehn Prozent der Bevölkerung weltweit leidet unter Autoimmunerkrankungen. In Deutschland leben beispielsweise rund zwei Millionen Menschen mit Psoriasis und rund 300.000 mit Diabetes Typ 1. Die Erkrankungszahlen steigen, und die Wissenschaftler suchen nach den Gründen. Sie vermuten, dass Umwelteinflüsse das Immunsystem negativ beeinflussen.

Dabei rückt auch das Mikrobiom zunehmend in den Fokus der Forscher. Das sind die Mikroorganismen, die unseren Körper besiedeln. Besonders die Darmflora liefert Erklärungsansätze für die Zunahme von Autoimmunerkrankungen. Es wird vermutet, dass die Zusammensetzung der Darmbewohner zur Erkrankung beitragen kann. In einer finnischen Studie hatten die meisten Teilnehmer zunächst mehr entzündungsfördernde Bakterien im Darm, bevor dann Diabetes Typ 1 ausbrach.

Chronische Müdigkeit – eine Autoimmunerkrankung?

Frau schläft im Büro auf dem Tisch, neben ihr eine Computertastatur, ein Stift und ein Kaffeebecher
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Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen behandelt viele Patienten mit einem schwachen Immunsystem und forscht an der Charité Berlin. Als eine weltweit angesehene Expertin untersucht sie das Chronische Fatigue Syndrom, auch Chronisches Erschöpfungssyndrom genannt. Sie entdeckte, dass manche Patienten Autoimmunkörper im Blut haben, sogenannte Immunglobuli. Also probierte Prof. Scheibenbogen eine besondere Therapie aus, bei der diese krankmachenden Stoffe aus dem Blut gewaschen werden. Eine gerade abgeschlossene Studie beweist, dass mit der sogenannten Immunadsorption die Beschwerden des Syndroms gemindert werden können. Eine Hoffnung auch für andere Autoimmunerkrankungen, bei denen herkömmliche Medikamente nicht helfen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 12. April 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2018, 10:09 Uhr

Expertin im Studio

Expertin im Studio

Prof. Dr. med. Carmen Scheibenbogen
Fachärztin für Hämatologie/Onkologie
Stellv. Leiterin Institut für Medizinische Immunologie an der Charité Berlin