Hauptsache Gesund | 24.02.2020 | 21:00 Uhr Blasenschwäche soll kein Tabuthema sein

Probleme rund um die Blase sind für Betroffene oft ein Tabuthema. Weil sie nicht darüber sprechen, bekommen viele auch keine Hilfe. Dabei ist ungewollter Harnverlust häufig heilbar – wenn man sich einem Arzt anvertraut. Allein sind Betroffene damit nicht: Etwa fünf Millionen Deutsche leiden daran.

Ein Leuchtschild weist den Weg zur Damentoilette.
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"Es gibt Patienten, die 20 Mal pro Tag auf Toilette müssen und es nicht rechtzeitig schaffen. Oder Patienten die überhaupt keine Kontrolle mehr über ihre Blase haben. Das ist beides ein dramatischer Einschnitt im Leben", sagt Professor Jens-Uwe Stolzenburg. Der Direktor der Klinik für Urologie der Uniklinik Leipzig will Betroffene ermuntern, sich bei solchen Problemen ärztlichen Rat zu holen. "Wichtig ist es, die genaue Ursache herauszufinden. Dann haben die Therapien gute Erfolgschancen", rät er.

Blasenschwäche macht einsam

Der ungewollte Harnverlust trifft keineswegs nur Ältere, wie mancher vielleicht vermutet. Bettnässen bei Kindern über das sechste Lebensjahr hinaus ist durchaus weit verbreitet. Auch junge Frauen haben nach der Geburt häufiger Probleme damit. Dennoch sind Ältere besonders häufig betroffen. Studien zeigen, dass eine Blasenschwäche im Alter die Aktivitäten und den Alltag mehr beeinträchtigt als Kreislaufprobleme oder Gelenkschmerzen. Nicht "dicht" zu sein, macht befangen, verhindert soziale Kontakte und ein aktives Leben.

Frauen häufiger betroffen

Eine Pflegerin zeigt einer alten Frau eine Inkontinenz-Windel
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Der Grund dafür, dass mehr Frauen als Männer an ungewollten Harnverlust leiden, liegt in der Natur der Frau. Der weibliche Beckenboden ist viel stärker beansprucht, durch Schwangerschaften und Geburten, aber auch durch körperliche Belastung oder Übergewicht. Bei Männern schwächen häufig eine gutartige oder bösartige Vergrößerung der Prostata oder operative Eingriffe die Blasenfunktion. Bei Frauen dagegen sind Erkrankungen wie ein Tumor eher selten.

Häufige Formen von Inkontinenz

Belastungsinkontinenz:
Dabei hält die Blase vorwiegend bei Belastungen wie Husten, Niesen oder Lachen nicht dicht. Als Ursache kommen hauptsächlich Beckenbodenschwäche (Frauen) und Störungen des Blasenschließmuskels, zum Beispiel nach einer Prostata-OP (Männer) in Betracht. Diese Form der Inkontinenz ist weit verbreitet. Mit Beckenbodentraining, Medikamenten und operativen Eingriffen kann geholfen werden.

Dranginkontinenz:
Dabei verspürt man anfallartig einen Drang zum Wasserlassen. Fast im selben Moment geht der Urin ab, ohne dass er aufzuhalten wäre. Die Dranginkontinenz kann Folge von Entzündungen der unteren Harnwege, von gut- oder bösartigen Prostatavergrößerungen oder auch von neurologischen Erkrankungen sein. Eine reine Dranginkontinenz ist gut medikamentös behandelbar.

Mischinkontinenz:
Belastungs- und Dranginkontinenz können auch zusammen auftreten. Auch hier ist eine Untersuchung beim Urologen oder Gynäkologen wichtig, um die richtige Therapie zu finden.

Überlaufinkontinenz:
Bei dieser Form der Inkontinenz kommt es bei voller Blase zu einem unkontrollierbaren Überlaufen. Ursache können eine blockierte Harnröhre oder eine schwache Blasenmuskulatur sein. Auslöser dafür können ein Diabetes, Tumore oder Harnsteine sein. Männer sind davon häufiger betroffen als Frauen. Eine gutartige Prostata-Vergrößerung ist die häufigste Ursache der Überlaufinkontinenz.

Das Tabu überwinden

grafische Darstellung einer Harnblase mit Schließmuskel
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Auch wenn der Gang zum Arzt vielfach hinausgezögert wird, lohnt er sich. Denn für die verschiedenen Formen der Blasenschwäche gibt es zahlreiche Therapien. Für die Diagnose ist es zunächst hilfreich, ein sogenanntes Miktionsprotokoll zu führen, also zu notieren wie oft man zur Toilette muss, beziehungsweise unfreiwillig Harn verliert. Auch kann man damit sehen, ob die verabreichten Medikamente Erfolg bringen. "Bei der Dranginkontinenz gibt man beispielsweise Medikamente in Form von Tabletten oder Pflastern, die die Blase entspannen. Wichtig ist natürlich, dass man die wie vom Arzt verordnet einnimmt", rät Prof. Stolzenburg. Liegt dagegen eine Belastungsinkontinenz vor, wird der Arzt zunächst zu einem speziellem Beckenbodentraining raten. Das kann durch Biofeedback und Elektrostimulation unterstützt werden.

Operationen für den Mann

zwei männliche Harnblasen mit Prostata im Querschnitt nebeneinander: links mit gesunder Prostata, rechts mit tumorbefallener Prostata
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Eine leichte bis mittlere Inkontinenz beim Mann lässt sich mit ein Band beheben. Es wird um den Harnleiter gelegt und hält nach einer Prostata-Operation den Schließmuskel in seiner ursprünglichen Position. Ist der Schließmuskel nicht mehr funktionstüchtig, kann ein künstlicher Blasenschließmuskel helfen. Das sogenannte AMS 800-System besteht aus drei Teilen: Eine Manschette, die die Harnröhre wieder verschließen kann, ein Reservoir im Bauchraum und eine Pumpe im Hodensack. Dieses System wird komplett unter die Haut verlegt. "Durch die dünne Hodensackhaut kann der Patient die Pumpe sehr leicht bedienen. Mit wenigen Hüben kann er die Manschette öffnen, so dass er auf der Toilette kontrolliert wasserlassen kann. Ein sicherer Eingriff mit hohen Erfolgschancen", sagt Dr. Andreas Gonsior, der am Kontinenzzentrum der Uniklinik Leipzig auf den Eingriff spezialisiert ist. Alternativ kann auch das ATOMS-Modell eingesetzt werden, eine Art Kissen unter der Harnröhre. Allerdings stört das Kissen manche Männer beim Sitzen.

Operationen für die Frau

Bei einer Belastungsinkontinenz, also wenn beim Husten oder Niesen Harn abgeht, hat sich bei Frauen die Bändchen-OP bewährt. Dabei wird ein etwa 40 Zentimeter langes Band eingesetzt, das die Harnröhre bei Belastung wie eine Hängematte auffängt. Der Eingriff dauert nur wenige Minuten. Das Bändchen wird über die Scheide eingeführt und um die Harnröhre gelegt. Die beiden Enden werden durch die Bauchdecke nach außen geführt. Die Wirkung des Bändchens spüren die Betroffenen vom ersten Tag an. Liegt allerdings gleichzeitig eine Senkung der Gebärmutter vor, hilft das Bändchen wenig. Dann kann die Blase operativ angehoben oder ein Netz eingesetzt werden.

Informationen für Betroffene

Informationen,Broschüren für Patienten, ein Toilettenprotokoll zum Herunterladen und eine Suchfunktion nach zertifizierten Kontinenzzentren in Ihrer Nähe, finden Patientinnen und Patienten auf der Internetseite der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e. V.

Vom 18. bis 24. Juni 2018 laden deutschlandweit zahlreiche Kliniken im Rahmen der Welt-Kontinenz-Woche 2018 zu Patientenveranstaltungen ein und informieren über Behandlungsmöglichkeiten von Inkontinenz. Alle Termine unter

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 24. Februar 2020 | 21:00 Uhr