Computergrafik: Magen-Darm-Trakt eines Mannes
Bildrechte: IMAGO

Hauptsache Gesund | 08.03.2018 | 21:00 Uhr Unterschätzte Darmbewohner

Darmbakterien sollen Krankheiten vorbeugen, unsere Stimmung beeinflussen und uns dick oder dünn machen. Unter Wissenschaftlern ist ein regelrechter Hype um unsere winzigen Mitbewohner ausgebrochen. Manche Forscher sehen in ihnen die Ursache für Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Depression oder Adipositas.

von Beate Splett

Computergrafik: Magen-Darm-Trakt eines Mannes
Bildrechte: IMAGO

Im Mund, auf der Haut, in den Schleimhäuten: Unser ganzer Körper ist von Bakterien besiedelt. Der mit Abstand größte Teil von ihnen "bewohnt" den Darm. Dort produzieren sie hauptsächlich Enzyme und helfen dabei, die Nahrung in Einzelbestandteile aufzuspalten und zu verdauen. Außerdem trainieren die Bakterien das Immunsystem, also die körpereigenen Abwehrkräfte. In unserem Darm leben insgesamt etwa 100 Billionen dieser Einzeller, die mehr als tausend verschiedenen Bakterienarten angehören. Früher nannte man sie "Darmflora", weil man dachte, Bakterien gehörten zu den Pflanzen. Heute weiß man es besser und nennt sie deshalb "Mikrobiom", was nichts anderes als "kleine Lebewesen" bedeutet. Das Mikrobiom ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. In den ersten drei Lebensjahren verändert es sich noch, danach bleibt die Zusammensetzung der Bakterien jedoch weitgehend gleich. Insgesamt kann die Menge an Darmbakterien in unserem Körper bis zu zwei Kilogramm wiegen. Sie bilden somit ein kleines Universum – welches Wissenschaftler gerade erst zu entdecken beginnen. Manche der Darmbakterien sterben außerhalb des Darms ab, wenn sie zum Beispiel mit Sauerstoff in Kontakt kommen. Deshalb konnten sie lange Zeit nicht genau erforscht werden. Erst durch neue technische Möglichkeiten in der Labordiagnostik ist es in den vergangenen Jahren möglich geworden, viele dieser Bakterien zu untersuchen, bevor sie absterben.

Je vielfältiger, umso gesünder!

Mikroskopische Aufnahme der menschlichen Darmwand
Mikroskopische Aufnahme einer menschlichen Darmwand: Im Darm leben rund 100 Billionen Bakterien. Bildrechte: IMAGO

Auch wenn die Forschung noch ganz am Anfang steht, sind sich die Mediziner in einem Punkt schon jetzt sicher: Je größer die Vielfalt an verschiedenen Bakterien im Darm, umso positiver wirkt sich das auf unsere Gesundheit aus. Die Einnahme von Antibiotika schränkt diese Diversität der Bakterien ein und bringt das Gleichgewicht aus dem Lot. Da Antibiotika in den Darm gelangen, töten sie dort nicht nur krankmachende, sondern auch hilfreiche Bakterien ab. Unangenehme Begleiterscheinungen können Bauchschmerzen und Durchfall bis hin zu schweren Darmentzündungen sein. Forscher fanden heraus, dass die unerwünschten Nebenwirkungen ausbleiben, wenn man Patienten während einer Antibiotika-Einnahme gleichzeitig spezielle Probiotika verordnet. Sie können helfen, das Mikrobiom im Darm zu regulieren und im gesunden Gleichgewicht zu halten.

Sorgen Sie für Bakterien-Vielfalt im Darm!

Sauerkraut auf einem Teller
Sauerkraut enthält gesunde Milchsäurebakterien. Bildrechte: IMAGO

Täglich schlucken wir Milliarden von lebenden Bakterien. Sie sitzen auf rohem Gemüse, auf Obst oder auch auf unseren Händen. Ein großer Teil von ihnen ist noch weitgehend unerforscht, scheint aber für unseren Körper nicht ungesund zu sein. Als "Probiotika" werden nur die Bakterien bezeichnet, die erwiesenermaßen gesund für uns sind. Sie sind bereits in ihrer gesundheitlichen Wirkung erforscht und kommen in fermentierten Nahrungsmitteln, wie zum Beispiel Joghurt oder Sauerkraut vor. Probiotische Lebensmittel enthalten hauptsächlich Milchsäurebakterien, sogenannte Lakto- oder Bifidobakterien. Sie spalten Milchzucker auf und stellen Milchsäure her. Durch die Massenherstellung ist die Bakterienvielfalt jedoch in vielen fermentierten Lebensmitteln im Vergleich zu früher heute sehr stark reduziert. Zum Beispiel werden beim Erhitzen von Milch nach dem Melken werden die meisten Bakterien zerstört. Daher eignen sich Frischmilchprodukte und frisches Sauerkraut am besten, um das Mikrobiom zu unterstützen. In ihnen sind die meisten gesunden Bakterien enthalten. Im Supermarkt gibt es auch spezielle probiotische Joghurts zu kaufen. Sie sollten mindestens eine Milliarde Bakterien enthalten, damit auch genügend von ihnen im Darm ankommen. Die Anzahl der Bakterien steht bei diesen Produkten meist auf der Verpackung. Auch Sauerkrautsaft, Brottrunk und Kefir sind reich an Probiotika. Doch auch die Bakterien im Darm müssen sich ernähren. Dafür sorgen sogenannte "Präbiotika". So werden die Lebensmittel bezeichnet, die gut für Bakterien sind und ihre Vermehrung fördern. Zu ihnen gehören hauptsächlich Ballaststoffe aus Obst und Gemüse.

Letzter Ausweg Stuhltransplantation

Computergrafik: Bakterien der Art Clostridium difficile
Clostridien sind an sich ganz normale Darmbewohner. Gefährlich werden sie, wenn sie überhand nehmen. Bildrechte: IMAGO

Bei einer Stuhltransplantation geht es vor allem darum, gesunde Bakterien in einem kranken Darm anzusiedeln. Notwendig ist das bei chronischen Darmentzündungen oder Infektionen mit Clostridium difficile. Gegen die hartnäckigen Clostridien sind herkömmliche Antibiotika oft machtlos, da sie Sporen entwickeln, die sich ständig neu bilden. Helfen kann dann eine Stuhltransplantation. Dabei wird etwa ein Viertelliter verdünnten Stuhls eines Spenders über ein Endoskop in den gereinigten Darm des Patienten übertragen. Der Stuhl des Spenders wird vor der Transplantation genau untersucht, damit keine Krankheiten auf den Empfänger übertragen werden. Nach der Transplantation baut sich das Mikrobiom neu auf, die Clostridien werden erfolgreich bekämpft. Die Therapie ist für Patienten oft der letzte Ausweg. Die Erfolgsrate dieser Behandlung liegt bei etwa 90 Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 08. März 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2018, 22:38 Uhr