Frau im Rock und hohen Schuhen inmitten von Männerm eilig unterwegs auf einem Bahnhof
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Hauptsache Gesund | 14.12.2017 | 21:00 Uhr Gangstörungen: Wenn der Körper aus dem Takt gerät

Ein junger Mensch legt innerhalb von 1,5 Sekunden ungefähr einen Meter zurück. Im Alter reduziert sich diese Geschwindigkeit auf 2,5 Sekunden pro Meter. Das ist normal. Doch bewegt sich ein Mensch deutlich langsamer, könnte es sich um eine krankhaft bedingte Gangstörung handeln. Dabei kann ein veränderter Gang manchmal sogar das erste Anzeichen dafür sein, dass überhaupt eine Krankheit vorliegt.

von Claudia Hempel

 Frau im Rock und hohen Schuhen inmitten von Männerm eilig unterwegs auf einem Bahnhof
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Gangstörungen als Krankheitssymptom

Veränderte Gangmuster können entweder orthopädisch oder neurologisch bedingt sein. Wenn die Hüfte schief steht, kann es zum Hinken kommen. Wenn der Fuß nicht richtig abrollt, kann ein Fersensporn die Ursache sein. Viel schwieriger aber sind nervlich bedingte Gangstörungen zu diagnostizieren. Dabei sind diese gerade im Alter sehr häufig. Jeder dritte 70-Jährige und mehr als die Hälfte aller 80-Jährigen haben einen veränderten Gang. Angehörige von Patienten, die an Demenz leiden, berichten oft, dass sich zuerst der Gang der betroffenen Person verändert hat.

Dagegen kann ein breitbeiniger, schlaffer Gang seine Ursache in einer Diabeteserkrankung oder einem Vitamin-B12-Mangel haben. Im weiteren Verlauf verändert sich der Gang zu einem sogenannten Storchen- oder Steppergang. Schlaganfallpatienten haben oft ein federndes, staksiges Gangmuster. Ein torkelnder, unsicherer Gang kann wiederum auf einen Altershirndruck oder eine Unverträglichkeit von Medikamenten hindeuten. Und Parkinson-Patienten laufen typischerweise kleinschrittig und schlurfend.

Teufelskreis Gangstörung

Frau von hinten, unscharf
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Wer sich – egal, aus welchem Grund – nicht gut bewegen kann, der ist unsicher und hat Angst davor, zu stürzen. Daher ziehen sich Menschen mit Gangstörungen oft zurück, gehen kaum noch aus dem Haus und werden dadurch immer immobiler. Dieser soziale Rückzug ist oft auch mit einer Verkümmerung anderer Sinne verbunden. Ärzte haben herausgefunden, dass sich damit auch das sogenannte Mortalitätsrisiko erhöht, das heißt, die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Betroffenen eher sterben.

Altershirndruck: Eine heilbare Bewegungsstörung

Wie ein Betrunkener lief Dieter Thonfeld durch seine am Berg gelegene Siedlung im thüringischen Schmölln: unsicher und leicht nach vorn gekrümmt. Ab und an stürzte er sogar. Das war für den 78-Jährigen nicht nur peinlich, sondern auch gefährlich. Immer hatte er Angst, dass er sich womöglich noch etwas brechen würde. Zunächst vermuteten die Ärzte eine beginnende Parkinsonerkrankung, doch da er seine Frau jahrelang gepflegt hatte, die an Parkinson erkrankt war, wusste er genau, dass seine Symptome nicht dazu passen. Erst durch einen weiteren Test kamen die Ärzte auf die richtige Spur. Sie punktierten ihn und nahmen rund 30 Milliliter Nervenwasser aus seinem Rückenmark. Schlagartig wurden seine Bewegungsstörungen besser. Für die Ärzte war damit klar: Dieter Thonfeld litt unter einer Hirnerkrankung, die Ärzte "Altershirndruck" nennen.

Dabei wird zu viel Hirnwasser produziert und kann nicht abgeführt werden. Die prall gefüllten Hirnkammern drücken auf das Hirngewebe und dieser Druck führt dazu, dass es zu Bewegungsstörungen, Inkontinenz und auch Gedächtnisverlust kommt. Eine Operation, in der mittels eines Ventils das überschüssige Nervenwasser reguliert und in den Bauchraum geführt wird, sorgt bei den betroffenen Patienten für eine schnelle Besserung ihrer Symptome.

So auch bei Dieter Thonfeld. Der ehemalige Bergarbeiter kann nun wieder ohne zu schwanken oder gar zu stürzen unterwegs sein und hat seinen Alltag wieder fest im Griff.

Parkinson mit Sport aufhalten?

Der englische Neurologe James Parkinson hatte schon vor ca. 200 Jahren typische Gangstörungen verbunden mit einem Zittern beschrieben. Nach ihm wurde die Krankheit benannt, deren Ursache eine neurologische Bewegungsstörung ist. Beim Morbus Parkinson kommt es zu einer fortschreitenden Zerstörung von Zellen durch einen Mangel an Dopamin. Dopamin ist ein Botenstoff im Gehirn, der zur Steuerung der Bewegungskoordination gebraucht wird. Bis heute gilt Parkinson als nicht heilbar. Durch Medikamente kann man jedoch das Fortschreiten der Erkrankung verzögern.

Eine Studie der Radboud-Universität Nijmegen sucht daher unter der Leitung des Neurologen Prof. Bas Bloem nach alternativen Therapiemöglichkeiten. Dabei wird untersucht, ob der Verlauf der Krankheit durch Sport aufgehalten werden kann. Erste Ergebnisse zeigen positive Effekte. Sport könnte also perspektivisch eine wesentliche Rolle in der Therapie von Parkinson spielen.

Die "ParkinSong Revue"

Sport, Bewegung und Musik machen Spaß und kurbeln die Dopaminproduktion an. Das wiederum steigert die Leistungsfähigkeit und gemeinsam mit anderen Botenstoffen das Glücksgefühl. Darauf zielt eine ganz besondere musikalische Revue aus Leipzig, namens "ParkinSong", an. Die Idee stammt von Thomas Hertel, einem Komponisten und Musiker, der sich als Leiter der Schauspielmusik am Staatsschauspiel Dresden Anfang der 1970er-Jahre einen Namen gemacht hat und dafür mit zahlreiche Preise und Auszeichnungen bedacht wurde. Später erhielt er verschiedene Lehraufträge, unter anderem in Basel, Bochum, Hamburg und München.

Thomas Hertel wohnt heute in Leipzig. 2013 erhielt er die Diagnose Parkinson. In Gedichten, Liedern und Texten begann er, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen. Aus diesem Material entstand das Bühnenstück "ParkinSong-Revue", ein Stück für Parkinson-Erkrankte und Schauspieler. Gefördert wird das Projekt durch die Techniker Krankenkasse.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 14. Dezember 2017 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2017, 09:11 Uhr