Computergrafik zeigt das Gehirn eines Joggers
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Hauptsache Gesund | 21.02.2019 | 21:00 Uhr Wie Sport dem Gedächtnis hilft

Natürlich fördern Kreuzworträtsel, Schach oder Sudoku das Denkvermögen. Richtig fürs Gedächtnis ist aber auch, die Couch zu verlassen und Sport zu treiben. Wissenschaftler suchen nun nach dem optimalen Training.

von Claudia Hempel

Computergrafik zeigt das Gehirn eines Joggers
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Die Forschung hat eine ganz besondere Medizin entdeckt. Sie hält das Gehirn jung und schützt es vor Abbau. Diese Medizin heißt Bewegung. Professor Gerd Kempermann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen der TU Dresden beschreibt das so: "Das große Ganze ist ziemlich klar heute: Menschen, die sich viel bewegen, haben ein geringeres Risiko, eine Demenz zu bekommen."

Symbolfoto Seniorensport
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Deshalb hat sich Gertrud Maahs zu einem Sportprojekt für Senioren angemeldet, denn auch sie hat erste Gedächtnislücken bei sich festgestellt: "Ich habe mich schon ertappt – das Telefon klingelt, ich werde unterbrochen und habe gemerkt, ach, du hast doch vorher was ganz anderes gemacht. Wenn es möglich ist, möchte ich etwas dagegen tun. Dass es nicht so schlimm wird, oder dass ich es vielleicht aufhalten kann."

Sportprogramm hilft Gedächtnis auf die Sprünge

Jeden Dienstag kommt daher ein Personal Trainer zum wöchentlichen Work-out in die Wohnung der 71-Jährigen. Peter Bäuerle trainiert auch andere Senioren und stellt fest: "Wichtig ist, dass der Teilnehmer gefordert wird. Nicht unterfordert und auch nicht überfordert." Einmal pro Woche gibt es auch Gruppentraining. Rund 50 Senioren sporteln mit, in drei Gruppen: Ausdauer, Kraft und Koordination. Wissenschaftler wollen so herausfinden, welcher Sport dem Kopf am besten hilft. Das 18-monatige Programm wird wissenschaftlich begleitet: "Es macht durchaus Sinn, davon auszugehen, dass ein komplexes Training vermutlich die besten Erfolge haben wird. Und das ist genau das, was wir jetzt prüfen wollen.", sagt Professorin Nadja Schott.

Erste Ergebnisse zeigen jetzt schon: Viele Senioren verbessern ihr Langzeitgedächtnis. Auch das Arbeitsgedächtnis gewinnt, stellt Professorin Schott fest: "Die Einkaufsliste, die ich mir merken soll, oder mir hat jemand eine Telefonnummer zugerufen und ich soll mir die merken, neue Namen, weil ich jemanden kennenlerne: Das erleichtert den Alltag, wenn ich mehrere Dinge in meinem Arbeitsgedächtnis halten kann. Also, wir sehen Gewinne und das ist natürlich ein tolles Ergebnis."

Anti-Aging fürs Gehirn

Sport geht in den Kopf. Aber welche Prozesse löst er dort aus? Eine Frage, die die Hirnforscher der TU Dresden beschäftigt. Bei sportlichen Mäusen konnten sie eine bessere Durchblutung des Gehirns feststellen, Wachstumsfaktoren "fluten" an. Es geschieht sogar etwas, was lange Zeit als unmöglich galt, erklärt Professor Kempermann: "Es gibt eine Hirnregion, die für Lernen und Gedächtnis zuständig ist. Und dort werden neue Nervenzellen gebildet, sogar lebenslang. Das wird gesteigert, wenn die Mäuse aktiver sind – körperlich wie geistig." Aktive Mäuse tunen sozusagen ihr Gehirn, sie regen es zu Zellwachstum und neuen Denkmöglichkeiten an. Genetisch sind Maus und Mensch sich recht ähnlich und deswegen bildet wohl auch der aktive Mensch neue Nervenzellen. "Das heißt, wenn ich im Alter durch Aktivität stimuliert werde, dann ist der Effekt groß. Noch größer ist er natürlich im jüngeren Leben. Wenn ich also früh anfange, dann kann ich sicher noch mehr herausholen, als wenn ich das auf den letzten Drücker versuche." Sport ist also Anti-Aging fürs Gehirn. Je mehr der Körper sich bewegt, desto beweglicher bleibt auch das Gehirn.

Vergesslich oder schon dement?

Einkaufsliste
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Eine Telefonnummer, den Schlüssel oder die Einkaufsliste – Vergessen ist menschlich. Und wir wissen: Je älter wir werden, desto schlechter wird das Gedächtnis. Doch was ist "normales" und altersgemäßes Vergessen? Ab wann wird es auffällig oder gar gefährlich? Denn nicht immer ist Vergesslichkeit gleichbedeutend mit Demenz. Dazu kann man einen Termin in einer sogenannten Gedächtnissprechstunde vereinbaren. Dort erfolgt die Diagnostik in mehreren Schritten. Man wird umfassend untersucht, macht einen Test und eventuell auch MRT-Bilder des Kopfes. Studiogast Professor Markus Donix von der TU Dresden betont, es sei wichtig, so früh wie möglich in die Sprechstunde zu kommen. Denn je früher man eine Demenz diagnostiziere, desto effektiver könne sie therapiert werden. Manche Arten sind in einem frühen Stadium sogar noch heilbar. Ihre Hausärztin kann sie zur Gedächtnissprechstunde beraten und überweisen.

Mit dem Tablet gegen das Vergessen

Ein alter Mann schaut mit seinem Enkel auf ein Tablett.
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Ältere Menschen und neue Technik scheinen oft nicht zusammenzugehen. Doch Roboter, PCs und Tablets können Senioren durchaus helfen, auch beim Erinnern. Das zeigen mittlerweile viele Beispiele: Als der Großvater von Marc Aurel Engels an Demenz erkrankt war, war jeder Besuch im Heim für den Enkelsohn eine Überwindung: "Mir sind die Besuche sehr schwer gefallen, weil ich gemerkt habe, wie stark er eingeschränkt ist, in seiner Sprachfähigkeit und in seinem Erinnerungsvermögen. Und wie es der Zufall so will, habe ich mal ein Tablet mitgenommen und ihm Fotos gezeigt, und ich war ganz erstaunt, wie neugierig er darauf reagiert hat."

Aus diesem Erlebnis entstand die Idee, ein Tablet mit ganz speziellen Inhalten für die Betreuung von Senioren zu entwickeln, besonders für Menschen mit Demenz.

Das war vor vier Jahren. Dann schloss Engels sein Jura-Studium ab und gründete ein eigenes Unternehmen. Zusammen mit Ärzten und Physiotherapeuten entwickelte er erste Medienangebote, also Foto-, Video- und Spielesammlungen, die in einem einfachen Menü zusammengefasst und nach Themen und Einsatzgebieten sortiert sind. Inzwischen sind sie in vielen Seniorenheimen bereits im Einsatz.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 21. Februar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 07:58 Uhr