Arzt hält Stethoskop
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Hauptsache Gesund | 26.04.2018 | 21:00 Uhr IGeL-Angebote – sinnvoll oder überflüssig?

Jedem zweiten Patienten wird beim Arztbesuch eine individuelle Gesundheitsleistung angeboten: eine Extra-Untersuchung oder -Behandlung, die der Patient aus eigener Tasche zahlen muss. Längst ist daraus ein Milliardenmarkt entstanden. Zum Wohle der Gesundheit?

von Marlen Schernbeck

Arzt hält Stethoskop
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Den Überblick zu behalten, fällt angesichts der Fülle an medizinischen Angeboten schwer. Neben den Kassenleistungen bieten deutsche Arztpraxen zusätzlich Hunderte individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) an. Der Markt boomt: Nach Schätzungen des wissenschaftlichen Instituts der AOK geben gesetzlich Versicherte jährlich mehr als eine Milliarde Euro in deutschen Arztpraxen für die Selbstzahlerleistungen aus. Ultraschalluntersuchungen, Glaukomfrüherkennung oder ergänzende Krebsvorsorgeuntersuchungen bei Frauen gehören dabei zu den am häufigsten durchgeführten Leistungen. Doch die IGeL-Angebote sind äußerst umstritten. Sind sie sinnvoll oder pure Abzocke?

Was übernimmt die Krankenkasse?

Patienten im Wartezimmer
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Gesundheitsleistungen, die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden, müssen festgelegten medizinischen und wirtschaftlichen Qualitätsmaßstäben entsprechen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) entscheidet darüber, welche Leistungen diese Anforderungen erfüllen und in den Katalog der Krankenkassen aufgenommen werden müssen. Lehnt der G-BA bestimmte medizinische Maßnahmen als Kassenleistung ab, oder hat er noch keine Entscheidung gefällt, bieten Arztpraxen diese Leistungen oftmals als IGeL an. Für die Kosten müssen die Patienten selbst aufkommen.

Zehntausende Beschwerden

Jeder kann frei entscheiden, ob er diese zusätzlichen Leistungen in Anspruch nehmen möchte. Zumindest theoretisch. Doch bereits bei Ankunft in der Arztpraxis erhalten sie von den medizinischen Fachangestellten Informationen zu kostenpflichtigen Extras. So überrascht es kaum, dass Studien zufolge etwa jeder zweite Patient, der die Leistung angeboten bekommt, diese auch annimmt. Doch viele Patienten haben bereits schlechte Erfahrungen mit dem Selbstzahlen gemacht. Auf dem Online-Portal "IGeL-Ärger" der Verbraucherzentralen wurden bereits zehntausende Beschwerden veröffentlicht.

Fragwürdige Kosten

Arzt untersucht liegende Patientin
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In einem Erfahrungsbericht schildert ein Zahnarzt-Patient beispielsweise, dass er für eine Professionelle Zahnreinigung anstatt 100 Euro – wie zuvor telefonisch vereinbart – plötzlich 190 Euro zahlen sollte. So einen großen Preisunterschied müssen die Patienten nicht hinnehmen, sagt die Verbraucherzentrale. Nur falls im Behandlungsverlauf unvorhersehbare Komplikationen eintreten, dürfe der Betrag vom ursprünglich genannten abweichen – und selbst dann nur um maximal 20 Prozent. Andere Patienten berichten auf der Online-Plattform, dass ihnen erst nach der durchgeführten Untersuchung mitgeteilt wurde, dass sie diese selbst zahlen müssten. Da es sich vor allem um kleinere Beträge handelte, zückten die Patienten kurzerhand ihr Portemonnaie. Doch die Verbraucherzentrale macht deutlich: Ein Arzt darf nur dann eine Vergütung vom Patienten fordern, wenn er den Versicherten vor Beginn der Behandlung schriftlich auf die voraussichtlichen Kosten hingewiesen und der Patient schriftlich zugestimmt hat.

IGeL-Monitor

Welche der Selbstzahlerleistungen sind medizinisch sinnvoll? Um mehr Transparenz im IGeL-Markt zu schaffen, wurde 2012 der "IGeL-Monitor" ins Leben gerufen. Auf der entsprechenden Internetseite werden einzelne IGeL wissenschaftlich fundiert bewertet – das alles im Auftrag des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS). "Unsere Bewertungen zeigen, dass vieles, was in den Praxen angeboten wird, der wissenschaftlichen Bewertung nicht standhält. Beim überwiegenden Teil können wir nicht von Hinweisen für einen Nutzen, sondern eher von Hinweisen für einen Schaden für den Patienten sprechen", sagt Dr. Michaela Eikermann, Leiterin des Bereichs "Evidenzbasierte Medizin" beim MDS. Von den bisher 51 bewerteten Leistungen, sahen die Wissenschaftler bei 24 der Leistungen einen größeren Schaden als Nutzen. Bei 19 weiteren Bewertungen schätzten sie die Schaden-Nutzen-Bilanz mit unklar ein.

Übertherapien durch Vorsorge

Viele der IGeL-Angebote umfassen Vorsorgeuntersuchungen. "Auch wenn Früherkennungsuntersuchungen meist sehr positiv von Patienten und Ärzten gesehen werden – sie sind nicht per se nützlich. Sie können schaden – durch Übertherapien, Überdiagnosen, Belastung durch Tests oder auch dadurch, dass sie dem Patienten eine falsche Sicherheit vorgaukeln", erklärt Dr. Michaela Ekermann. Zum Beispiel zeigten Studien, dass der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsvorsorge nicht dazu führt, dass weniger Frauen an Eierstockkrebs sterben. Stattdessen würden die Frauen durch Fehlalarme häufig unnötig beunruhigt und sogar eigentlich gesunde Eierstöcke entfernt.

Laut dem wissenschaftlichen Institut der AOK stammen die meisten IGeL-Angebote von Facharztgruppen, vor allem von Gynäkologen und Augenärzten. Eine beliebte IGeL ist beispielsweise die Glaukomvorsorge. Eine Augenspiegelung in Kombination mit einer Augeninnendruckmessung soll dazu beitragen, den Grünen Star möglichst früh zu erkennen und zu therapieren. Doch auch hierfür gibt es laut Eikermann keine wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass durch die Vorsorge Sehbeeinträchtigungen verhindert werden können. Stattdessen bestünde auch hier das Risiko von Fehlalarmen oder von Nebenwirkungen einer weiteren Behandlung.

PSA-Test

Der sogenannte PSA-Test – eine Blutentnahme zur Früherkennung des Prostatakarzinoms – ist eine häufig angebotene IGeL für Männer ab 45 Jahren. "Der PSA-Wert sagt nur allgemein etwas über den Zustand der Prostata aus – nicht aber darüber, ob es sich um eine Krebserkrankung handelt", erklärt der Hamburger Internist Dr. Karl-Christian Münter. Eine Erhöhung des PSA-Werts könne viele Ursachen haben – die Prostata könne zum Beispiel durch eine Fahrradtour ein Tag vor der Untersuchung oder Sex in der Woche vor dem Test gereizt werden. Deshalb raten viele Urologen erst zu einer Gewebeentnahme, wenn der Test mehrmals zu hoch ausfällt. Während es Fälle gibt, in denen bei Männern mit Hilfe des PSA-Tests ein aggressiver Tumor in der Prostata entdeckt und entfernt werden konnte, zeigen andererseits Studien, dass der PSA-Test auch Tumore findet, die den Männern mit hoher Wahrscheinlichkeit nie Beschwerden bereitet hätten. Die häufig anschließende Operation birgt jedoch immer die Gefahr, impotent und inkontinent zu werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 26. April 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2018, 23:25 Uhr