Hauptsache Gesund | 31.01.2019 | 21:00 Uhr Was nutzt kostenpflichtige Früherkennung? - Interview mit Dr. Christian Weymayr

Studien zeigen, dass ein Teil der Leute Vorsorgeangebote nicht nutzt, weil sie ein negatives Ergebnis befürchten. Zudem sind viele Untersuchungen unangenehm für die Patienten. Stichwort Tastuntersuchung der Prostata! Kann man sich diese ersparen, wenn man den kostenpflichtigen Bluttest, den PSA-Test, bucht? 

Dr. Christian Weymayr: Die Tastuntersuchungen wurden zu einer Zeit als Kassenleistung eingeführt, in der man noch nicht so viel über Belege aus Studien nachgedacht hat. Man weiß inzwischen, dass beim Tasten aggressive Tumore erst erkannt werden, wenn sie schon zu groß sind. Das bedeutet: Wenn ein Mann eine Früherkennung auf Prostatakrebs machen lassen möchte, dann sollte er sich lieber für den PSA-Test entscheiden. Noch müssen Männer den PSA-Test selbst bezahlen, das kann sich aber in den nächsten Jahren ändern. Die offiziellen Stellen sind beauftragt worden, zu prüfen, ob der PSA Kassenleistung werden soll.  

Wie genau ist die Tastuntersuchung der Brust auf Tumoren? Auch hier wird eine kostenpflichtige Zusatzuntersuchung angeboten, eine Brustuntersuchung mit Ultraschall. Wer gewinnt hier, das Tasten oder die Technik?

Dr. Christian Weymayr: Auch hier gilt, das Abtasten ist zu ungenau. Aggressive Tumore erkennt das Tasten zu spät, nicht aggressive Tumore hätte eine Frau auch selbst rechtzeitig bemerkt, etwa beim Duschen. Für den Ultraschall der Brust ist die Studienlage sehr unbefriedigend. Wir wissen einfach nicht, welcher Nutzen und welcher Schaden Frauen dabei entstehen. Schaden heißt, zum einen werden auffällige Befunde weiter untersucht, die sie sich dann als Fehlalarme herausstellen. Zum anderen werden wirkliche Tumor behandelt, die zeitlebens nicht aufgefallen wären.

Mammografie
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Am besten ist die Mammographie untersucht. Hier belegen Studien, dass ein Teil der Frauen vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt werden kann. Wenn Frauen die Mammographie wahrnehmen möchten, sollte sie das aber unbedingt im organisierten Screening-Programm tun. Das mag für manche unpersönlich sein, aber die Qualität der Untersuchung wird dort streng kontrolliert.

Wie verhält es sich bei Krebs der Eierstöcke? Zur Früherkennung bieten Gynäkologen auch eine Ultraschalluntersuchung an. Wie bewerten Sie hier?

Schwangere bei einer Ultraschalluntersuchung.
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Dr. Christian Weymayr:  Hier ist die Antwort ganz eindeutig: Das sollen Frauen nicht machen. Und das sagen nicht nur wir, sondern das ist auch der Rat der medizinischen Leitlinie zum Eierstockkrebs. Bei kaum einer Untersuchung ist die Datenlage so klar: Der Ultraschall kann Frauen nicht davor bewahren, an Eierstockkrebs zu sterben. Dafür verlieren viele ihre Eierstöcke, mit all den damit verbundenen Risiken. Der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung ist aus gutem Grund keine Kassenleistung. Sie ist aber, wie wir im IGeL-Monitor herausgefunden haben, diejenige Individuelle Gesundheitsleistung, die Frauen am häufigsten angeboten wird. Ärztinnen und Ärzte, die diese IGeL anbieten, handeln gegen die Empfehlung ihrer Fachgesellschaft.

Neben Angeboten zur Früherkennung von Krebs gibt es in einem Fall sogar eine Schutzimpfung, nämlich vor Gebärmutterhalskrebs. Leider nutzen nur die Hälfte der Menschen, die man Impfen könnte, dieses Angebot. Warum hat die HPV-Impfung so wenig Zuspruch?

Ein Impfpass mit einem HPV-Eintrag
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Dr. Christian Weymayr:  Eine Impfung gegen Krebs galt lange als der Stein der Weisen in der Krebsmedizin. Als es dann so weit war und die HPV-Impfung eingeführt wurde, formierte sich Widerstand – zum einen natürlich von den notorischen Impfgegnern, zum anderen auch von Vertretern der evidenzbasierten Medizin, denen der letzte Beweis für einen Nutzen fehlte. Auch Frauenärzte haben sich nicht wirklich stark gemacht für die Impfung, schließlich hätte sie dem Pap-Abstrich Konkurrenz machen können. Der sorgt ja dafür, dass jede Frau einmal im Jahr in die Praxis kommt.

Ausführliche Bewertungen zu den meisten kostenpflichtigen Gesundheitsangeboten gibt es im IGel-Monitor.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 31. Januar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2019, 12:23 Uhr