Eine blaue Computermaus, deren Kabel wie eine EKG-Kurve gelegt ist
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Hauptsache Gesund | 13.09.2018 | 21:00 Uhr Gesund mit Dr. Google?

Viele Menschen googeln nach einer Erklärung für ihre Symptome, bevor sie zum Arzt gehen. Chronisch Kranke oder Angehörige von Patienten tauschen in Online-Foren ihre Erfahrungen aus. Doch wo ist Vorsicht geboten?

von Jörg Simon

Eine blaue Computermaus, deren Kabel wie eine EKG-Kurve gelegt ist
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Das Internet – Konkurrenz für den Hausarzt?

Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung gehört "Dr. Google" für viele Patienten zu den drei wichtigsten Ansprechpartnern neben dem Arzt und den Angehörigen. Die Mediziner, vor allem die Hausärzte, stehen dem allerdings eher skeptisch gegenüber. Sie machen die Erfahrung, dass Patienten, die vor der Sprechstunde nach Informationen im Netz gesucht haben, mitunter mit falschen Erwartungen in die Praxis kommen. Diese zu korrigieren kann Zeit rauben. Viele Experten sehen aber auch große Chancen darin, dass ein Patient zusätzliche Informationen zu seiner Diagnose oder seiner Therapie einholt. Patienten, so die Beobachtung, wollen sich beteiligen, sich in ihre eigene Behandlung einbringen. Das kann die Chancen auf einen Therapieerfolg erhöhen. Wer das Netz nutzt, entdeckt eigene gesundheitliche Defizite mitunter früher und geht rechtzeitig zum Arzt. Und für viele chronisch Kranke werden Online-Angebote wie etwa Patientenforen wichtige Begleiter im Alltag. Die Autorinnen der oben genannten Bertelsmann-Studie urteilen: Das volle Potenzial von Dr. Google wird von Patienten wie Ärzten noch gar nicht genutzt.

Dr. Google richtig fragen

Wer mit seinen Symptomen eine Suchmaschine konsultiert, bekommt nicht selten tausende Ergebnisse. Viele begnügen sich dann damit, auf ein oder zwei Links aus der ersten Seite der Ergebnisliste zu klicken. Doch wenn Internet-Seiten bei Google ganz vorn auftauchen, heißt das nicht, dass sie zu dem Thema auch die wichtigsten Informationen zu bieten haben. Suchmaschinen sortieren ihre Treffer nicht zuerst nach Richtigkeit oder inhaltlicher Relevanz. Also – besser nicht den erstbesten Links vertrauen, sondern genauer hinschauen.

Suchbegriffe zum Thema «Krankheiten a-z» auf einem Computerbildschirm der Suchmaschine Google
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Ohnehin hilft Dr. Google bei der Suche nach der richtigen Diagnose häufig wenig weiter. Auf vielen Seiten bekommt man schnell den Eindruck, die Symptome, die man an sich festzustellen meint, müssten zu einer schlimmen Krankheit gehören. Vor allem in Patienten-Foren werden negative Erfahrungen eher geteilt als positive. Ansgar Jonietz vom Dresdner Online-Portal "Was hab’ ich" spitzt es zu: "Wenn man lange genug sucht, ist es am Ende immer Krebs." Ein Termin bei Dr. Google kann einen also kranker machen, als man es eigentlich ist. Vorsicht!

Viele Experten raten – besser NACH einem Termin beim Hausarzt die dort gestellte Diagnose mit einer Internetsuche vertiefen. Dann hilft Dr. Google am effektivsten.

Wie zuverlässig sind Gesundheitsinfos aus dem Netz?

Ein Stethoskop, ein Smartphone, eine Spritze und Medikamente liegen auf einer Computertastatur.
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Die Zeitschrift ÖKOTEST nahm letztes Jahr zwölf beliebte Gesundheits-Seiten im Netz genauer unter die Lupe. Sie wurden bewertet nach Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität, Verständlichkeit und Neutralität. Prinzipiell gab es gute Noten – fast überall waren die Informationen vollständig und aktuell. Bei einigen Seiten war es für den Leser aber nur schwer zu erkennen, wo die Trennung von Inhalt und Werbung verlief.

Ob eine Webseite wirklich zuverlässige Informationen liefert, hängt von vielen Gesichtspunkten ab. Wie aktuell sind zum Beispiel die Daten, mit denen der Anbieter arbeitet? Stützt er sich auf wissenschaftliche Fakten? Welche Quellen werden benutzt? Werden die Informationen ausgewogen präsentiert?

Bei vielen Webseiten ist schwer zu durchschauen, wer hier Informationen anbietet und mit welchem Interesse. Ein Blick ins Impressum der Seite hilft. Steht womöglich eine Pharma-Firma hinter dem Angebot? Ein Berufsverband oder eine einzelne Klinik, die auf diesem Wege auf ihre Leistungen aufmerksam machen will? Für den Nutzer ist die Orientierung bisher nicht einfach, eine "Stiftung Warentest" für das Internet existiert nicht.

Immerhin – es gibt verschiedene Qualitätssiegel für Internet-Seiten. Eines der verbreitetsten ist das HON-Siegel. Dahinter steht der "HON Code of Conduct", eine Art Selbstverpflichtung des Anbieters, die von der Schweizer Stiftung "Health on the Net Foundation" auch überprüft wird. Ein Garant für die absolute Korrektheit der Informationen ist so ein Siegel aber nicht.

Gute Anhaltspunkte, um die Qualität einer Internetseite mit Gesundheitsinformationen zu bewerten, finden Sie auf www.patienten-information.de. Die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung halten dort eine Checkliste bereit.

Hände auf einer Tastatur
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Ganz neu: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) arbeitet zurzeit an einem nationalen Gesundheitsportal im Internet. Ziel: ein zentrales deutsches Internet-Angebot für alle Fragen zur Gesundheit. Die dabei kooperierenden Anbieter sollen sich auf gemeinsame Qualitätsstandards einigen. Oberster Maßstab für die hier veröffentlichten Informationen soll die Evidenz sein, also die wissenschaftliche Nachprüfbarkeit. Das neue Portal soll auch den Zugang zu telefonischen oder persönlichen Beratungsangeboten einfacher machen.

Übersetzer für Ärztelatein

Anette Heller aus Filderstadt bei Stuttgart ist schon seit Jahren in kardiologischer Behandlung. Die schriftlichen Befunde ihres Facharztes geben ihr aber regelmäßig Rätsel auf. Was bedeutet "ventrikuläre Extrasystolie" oder "Herzspitze komplett akinetisch"? Wie Frau Heller geht es vielen Patienten, die zum Beispiel nach einer Röntgenuntersuchung oder einem MRT wenig mit dem "Fachchinesisch" der Experten anfangen können und von der Vielzahl der Fremdwörter eher beunruhigt sind. Sie alle fragen sich – was hab ich?

Antworten in diesen Fällen liefert ein in Dresden ansässiges Projekt. Es heißt treffend "Was hab'ich?". Anette Heller scannt zuhause ihren Befund ein und reicht ihn über die Internet-Seite des Projekts ein. Jetzt machen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von "Was hab’ ich" an die Übersetzung aus dem Ärztelatein. Am Projekt beteiligt sind 200 ehrenamtliche Mitarbeiter – Medizinstudenten höherer Semester, für die der Umgang mit den oft komplizierten Befunden Teil ihrer Ausbildung ist. Sie lernen so, komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären. Im Hintergrund stehen Fachärzte bereit. Für Patienten ist die Nutzung des Portals kostenlos. Wenige Tage nach der Einsendung hält auch Anette Heller eine Übersetzung ihres Befundes in den Händen.

Therapieangebote im Netz

Das Internet ist mittlerweile weit mehr als nur bloßes Lexikon für Medizin-Informationen. Es gibt vor allem für Menschen mit psychischen Problemen tatsächlich auch Therapie-Angebote. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass Therapieplätze für solche Patienten knapp sind. Wichtiger noch ist aber der Wunsch vieler Betroffener, psychische Erkrankungen aus eigener Kraft zu bewältigen. Dabei können Online-Angebote eine wichtige Hilfe sein. Fachleute sprechen hier von "Internet- und mobil-basierten Interventionen (IMI)" für psychische Störungen.

Einige Krankenkassen haben solche Hilfsangebote im Programm. Bei der Techniker Krankenkasse gibt es den "DepressionsCoach", bei der AOK das kostenlose Onlinetraining "Moodgym". Die Barmer bietet das Gesundheitstraining "Get.On" an. Außerdem gibt es das Therapieprogramm "deprexis", für das unter anderem die DAK und die IKK Südwest die Kosten übernehmen. Diese Therapieangebote helfen nachweisbar unter anderem bei schweren Depressionen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 13. September 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018, 10:43 Uhr