Finger greifen einen Akkord auf einer E-Gitarre
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Hauptsache Gesund | 01.03.2018 | 21:00 Uhr Künstliche Gelenke für Finger, Ellenbogen, Zeh

Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 400.000 Endoprothesen, also künstliche Ersatzgelenke, implantiert. Die meisten davon ersetzen Großgelenke wie Hüfte oder Knie. Doch auch für die kleineren Gelenke an Hand und Fuß gibt es inzwischen künstlichen Ersatz.

von Jörg Simon

Finger greifen einen Akkord auf einer E-Gitarre
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Eine Prothese soll die Funktion von geschädigten oder fehlenden Gliedmaßen oder Organen wiederherstellen. Dabei wird zwischen "Exoprothesen" und "Endoprothesen" unterschieden. Zu den Exoprothesen zählen zum Beispiel künstliche Hände oder Unterschenkel. Endoprothesen werden dagegen in den Körper implantiert. Zu ihnen gehören heute vor allem künstliche Gelenke, aber auch Zahnersatz-Lösungen. Auch Bandscheiben-Implantate zählen zu den Endoprothesen.

Hüfte und Knie werden am häufigsten ersetzt

MRT-Aufnahme eines Kniegelenks mit Prothese
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Fast jeder hat inzwischen in seinem Bekanntenkreis jemanden mit einer künstlicher Hüfte oder einem künstlichem Knie. 210.000 Hüftprothesen und 165.000 Knieprothesen werden jährlich in Deutschland eingesetzt. Meist handelt es sich um einen Routineeingriff, von dem sich die meisten Patienten rasch erholen.

Alles andere als Routine sind Operationen, bei denen künstlicher Ersatz für kleinere Gelenke im Körper implantiert wird. Noch relativ häufig setzen Ärzte dabei Endoprothesen an der Schulter ein, etwa 25.000 Mal im Jahr. Deutlich seltener werden Sprunggelenke oder Ellenbogen durch Kunstgelenke ersetzt. Jährlich bekommen 1.500 Patienten eine Sprunggelenks-Endoprothese und nur 150 eine Prothese im Ellenbogen. Auch Implantate an den Händen, etwa im Handgelenk, im Daumensattelgelenk oder an den Fingergelenken, sind vergleichsweise selten.

Das hat verschiedene Gründe. Einer davon: "Wenn zum Beispiel das Handgelenk nur eingeschränkt beweglich ist, kann das der Körper meist gut kompensieren", erklärt der Chirurg Dr. Dieter Werner aus dem thüringischen Breitungen. "Man macht Ausweichbewegungen oder nimmt die andere Hand zur Hilfe. Viele Patienten wissen sich einfach zu behelfen." Anders ist es allerdings, wenn Knie oder Hüftgelenk durch Verschleiß zerstört sind. Hier sind die Einschränkungen so stark, dass die Betroffenen vor Schmerz kaum noch laufen können. Dann werden die Ärzte eher zu einem Kunstgelenk raten.

Kein Geheimnis ist aber auch, dass das Einsetzen von Endoprothesen in den kleineren Gelenken aufgrund der anatomischen Gegebenheiten eine Herausforderung ist. Die Knochen, in denen die Prothesen halten sollen, sind hier eben viel dünner. Die Gelenke sind oft nur von Sehnen ummantelt, aber kaum von stützender Muskulatur. Das Risiko, dass sich die Endoprothesen lockern, ist darum höher als bei den Großgelenken. Deswegen müssen die Ärzte gemeinsam mit dem Patienten bei Endoprothesen für Hand, Finger, Sprunggelenk oder Zehen sehr sorgfältig abwägen, ob der Betroffene von einem Kunstgelenk tatsächlich profitiert oder zum Beispiel eine Versteifung des Gelenks die bessere Lösung ist.

Prothesen für Handgelenk und Finger

Eine Hand steckt einen Finger in ein Honigglas.
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Patienten, bei denen Rheumatoide Arthritis oder manchmal auch Arthrose ein Handgelenk oder die Gelenke von Fingern und Daumen angegriffen haben, kann mitunter mit einem künstlichen Gelenk geholfen werden. Vor allem bei den Fingern ist aber Voraussetzung, dass die Krankheit die Gelenke noch nicht zu stark zerstört hat und zum Beispiel die Sehnen noch intakt sind. Für eine Prothese kommen vor allem die Grund- und die Mittelgelenke in Frage. Bei den Fingerendgelenken raten die Ärzte in der Regel zu einer Versteifung.

Auch das Daumensattelgelenk kann in bestimmten Fällen durch ein Implantat ersetzt werden. Die Prothese ähnelt äußerlich einem Kunstgelenk für die Hüfte, sie hat einen kleinen Kugelkopf und einen Stift, mit dem sie im Daumen verankert wird.

Für die Grund- und Mittelgelenke der Finger gibt es Prothesen aus unterschiedlichen Materialien. Häufig werden Silikon oder Keramik verwendet. Es ist durchaus möglich, während eines einzigen operativen Eingriffs gleich mehrere Gelenke mit einer Prothese zu versorgen. Dann ist der Operierte in der Pflicht: Damit das Gelenk mit der Prothese wieder gut beweglich und belastbar wird, muss der Patient nämlich lange und intensiv üben. Außerdem muss der richtige Sitz des Implantats regelmäßig kontrolliert werden.

Kunstgelenke für den Ellenbogen

grafische Darstellung der Anatomie des Ellenbogengelenks
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Auch für Ellenbogen-Kunstgelenke kommen vor allem Menschen mit Rheuma in Frage. Mitunter kann so ein Implantat aber auch nach schweren Unfällen die Beweglichkeit wieder herstellen. Allerdings gilt die Versorgung mit solch einer Prothese als absoluter Sonderfall. Die Kunstgelenke werden von vielen Medizinern als technisch noch nicht ausgereift eingeschätzt.

Gerade nach Verletzungen neigt das Ellenbogengelenk zum Versteifen. Oft kann mit intensiver Physiotherapie die Beweglichkeit wiederhergestellt werden, doch in bestimmten Fällen hilft nur noch ein Kunstgelenk. Bei der OP wird erst einmal der zerstörte Knochen entfernt. In die Elle und in den Oberarmknochen wird dann je ein Teil der Prothese einzementiert und mit einem Gelenk verbunden. Das Kunstgelenk erreicht nicht ganz die Beweglichkeit des Originals. Mediziner schätzen seine Haltbarkeit auf zehn bis 15 Jahre. Allerdings müssen übermäßige Belastungen vermieden werden.

Prothesen für das Sprunggelenk

grafische Darstellung eines Fußgelenks
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Auch beim Sprunggelenk steht die Frage: Kunstgelenk oder Versteifung? Vielen Patienten mit einem verschlissenen Sprunggelenk kann mit einer Versteifung sehr gut geholfen werden, sie sind fortan schmerzfrei. Wenn die anderen Gelenke im Fuß intakt sind, muss eine Versteifung auch keine allzu große Einschränkung der Beweglichkeit bedeuten. Ein Kunstgelenk kommt eher für Menschen in Frage, bei denen auch die Gelenke oberhalb und unterhalb des Sprunggelenks schon stark geschädigt sind. Voraussetzung ist allerdings, dass die Knochenstruktur stabil genug ist. Ein künstliches Sprunggelenk hat zudem nur eine begrenzte Lebensdauer. Mediziner sprechen davon, dass 20 Prozent der Patienten innerhalb der ersten zehn Jahre ein zweites Mal operiert werden müssen. Verglichen etwa mit einer Endoprothese im Knie ist das ein relativ hoher Anteil.

Implantate für die Zehengelenke

Kunstgelenke am Großzehen-Grundgelenk werden äußerst selten eingesetzt und in der Medizin kontrovers diskutiert. Manche Ärzte sprechen von einer "Problemprothese". In der Regel bevorzugen die Chirurgen hier andere Therapiemethoden, etwa die Versteifung. Bei einem Krankheitsbild wie Hallux rigidus, bei dem das Abrollen der großen Zehe sehr schwerfällt, kann jedoch eine Endoprothese für dieses Gelenk in Erwägung gezogen werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 01. März 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. März 2018, 10:11 Uhr

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