Verschiedene Tabletten liegen auf einem Tisch.
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Hauptsache Gesund | 07.02.2019 | 21:00 Uhr Mehrfacherkrankungen oft schwerer behandelbar

Wenn Menschen unter mehreren Krankheiten leiden, sprechen Mediziner von "Multimorbidität". 20 bis 30 Prozent sind hierzulande davon betroffen. Medikamente können Wechselwirkungen entwickeln - und so Probleme verstärken.

von Jörg Simon

Verschiedene Tabletten liegen auf einem Tisch.
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Je älter wir werden, desto größer das Risiko, im Laufe der Jahre an gleich mehreren chronischen Leiden zu erkranken. Fast jeder Dritte über 65 hat nicht nur mit einer einzelnen Erkrankung zu tun, sondern mit zwei, drei oder mehr chronischen Leiden zugleich. Mediziner sprechen von "Multimorbidität". Die Krankheiten können sich gegenseitig ungünstig beeinflussen, auch die jeweiligen Therapien kommen sich mitunter in die Quere.

Welche Krankheiten treten am häufigsten gemeinsam auf?

Wissenschaftler haben Krankenkassen-Daten analysiert und entdeckt, dass bestimmte Krankheits-Kombinationen besonders oft vorkommen. Von den sechs typischen Altersleiden Bluthochdruck, Rückenschmerz, Diabetes, Fettstoffwechselstörung, rheumatoide Arthritis und koronare Herzkrankheit haben sehr viele Patienten eine Dreier-Kombination.

Häufig sind zudem auch Verschleißerscheinungen der Gelenke oder Erkrankungen der Atemwege wie COPD. Im höheren Alter kommen Hirnleistungsstörungen dazu. "Das Problem daran ist, die meisten dieser Krankheiten können wir nicht heilen", sagt Dr. Christoph Tümmler, Altersmediziner und Studio-Experte bei HAUPTSACHE GESUND. "Wir können sie nur managen.“"

Dieses Krankheits-Management jedoch ist für Ärzte wie Patienten eine gewaltige Herausforderung. Denn die Krankheiten bestehen nicht einfach nebeneinander. Sie können sich gegenseitig ungünstig beeinflussen. Diabetes und Fettstoffwechselstörungen verschlechtern den Zustand der Blutgefäße und erhöhen das Risiko für Herzerkrankungen. Herzprobleme wiederum können auch auf die Funktion der Niere zurückschlagen. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass sie gesundheitlich nicht nur "viele kleine Baustellen" haben, sondern dass die Summe dieser Erkrankungen zu einer ganz eigenen Bedrohung wird.

Warum ist Multimorbidität ein wachsendes Problem?

So paradox es klingt – die Tatsache, dass heute so viele Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen leben, ist auch ein Beleg für den Siegeszug der modernen Medizin. "Wir ernten die Früchte unseres unglaublichen Erfolges", sagt der Intensivmediziner Prof. Uwe Janssens aus Aachen. "Patienten, die früher mit Mitte 50 an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben wären, überleben heute, behalten aber Begleiterkrankungen."

Betroffen sind nicht nur Patient und Arzt

Ein Arzt misst in einer Praxis einer Patientin den Blutdruck.
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Im Alltag sind nicht nur die Patienten selbst und die verschiedenen betreuenden Ärzte von der Problematik betroffen. Unser Studiogast, Prof. Christoph Tümmler, sagt: "Schauen wir uns doch mal einen typischen geriatrischen Patienten an:  79 Jahre, lebt allein in einer Wohnung im 1. Stock ohne Fahrstuhl, Herzinsuffizienz, chronisch obstruktive Atemwegserkrankung, Niereninsuffizienz, Vorhofflimmern, Bluthochdruck, Diabetes. Kinder oder Enkelkinder und Nachbarn helfen bei der Versorgung, der Pflegedienst kommt, um Insulin zu spritzen." Entgleist der Blutzucker oder gerät die Atemwegserkrankung durch einen Infekt außer Kontrolle, muss der Patient womöglich in die Klinik, wo dann auch noch eine oder mehrere Klinikabteilungen mit seinem Fall befasst sind.

Gefährliche Therapiekonflikte

Wer mehrfach krank ist, muss viele Medikamente nehmen. Medikamente, die nicht nur Nebenwirkungen haben, sondern sich auch gegenseitig in die Quere kommen können. Hier muss gemeinsam mit Hausarzt oder Apotheker darauf geschaut werden, wie sich Wechselwirkungen möglichst vermeiden lassen. Die Gefahr – durch solche Wechselwirkungen können neue Symptome auftreten, die dann mitunter als Zeichen einer ganz neuen Erkrankung gewertet werden und für die dann weitere Arzneimittel verschrieben werden. Das ist ein Teufelskreis.

Während eines Herz-Kreislaufstillstand wird der Patient von Hand beatmet
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Besonders gefährliche Therapiekonflikte gibt es aber dann, wenn ein Patient in die Klinik muss, weil sich eine seiner Vorerkrankungen akut verschlimmert hat oder zusätzlich zu den bestehenden Krankheiten ein ganz neues Problem auftaucht – ein Herzinfarkt oder ein Sturz, bei dem Oberschenkel oder Arm brechen. Verträgt der Patient, der ein CT bekommen soll, mit seinen Nierenproblemen überhaupt das Kontrastmittel? Wie lässt sich eine innere Blutung stillen, wo der Patient wegen seiner künstlichen Herzklappe doch Gerinnungshemmer nehmen muss? Oft stellt sich dann die Frage, ob der Betroffene mit seinen Vorerkrankungen überhaupt noch in der Lage ist, den nötigen Eingriff zu überstehen. Gerade in der Intensivmedizin steht die Absicht, Leben zu retten, dann im Konflikt mit dem Anspruch, Schäden zu vermeiden.

Neue Wege in der Altersmedizin

Wie können Patienten mit so vielen gleichzeitig bestehenden Erkrankungen besser versorgt werden? In den jeweiligen Fachabteilungen der Kliniken, der Orthopädie oder der Kardiologie etwa sind sie nicht unbedingt am besten aufgehoben. Am Helios Park-Klinikum in Leipzig gibt es jetzt ein besonderes Zentrum für Altersmedizin, in dem sich ein Team aus Ärzten, Pflegern, Therapeuten und Vertretern der Sozialdienste speziell um die älteren, multimorbiden Patienten kümmert. So genannte "Geri-Nurses", besonders geschulte Pflegekräfte, suchen in allen Abteilungen der Klinik nach Patienten, die in der Akut-Geriatrie des Zentrums besser betreut werden können.

Dort geschieht dann das, was Prof. Christoph Tümmler "aktivierende Pflege" nennt. "Die Patienten können es sich nicht leisten, über Tage irgendwo im Bett zu liegen." Über zwei bis drei Wochen arbeitet das Team daran, den Patienten wieder so fit zu machen, dass er zurück nach Hause kann und dort zurechtkommt. Dazu gehört auch schon mal, mit dem Patienten das Treppensteigen zu üben, damit für den täglichen Weg in die Wohnung genug Luft bleibt.

Mehrfach krank – mehr miteinander sprechen!

Seit Ende 2017 gibt es eine neue Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin für den Umgang mit multimorbiden Patienten. Das ist eine Art Wegweiser für Hausärzte. Dabei wird dem ausführlichen Gespräch mit dem Betroffenen eine besondere Rolle eingeräumt. "Eine wesentliche Voraussetzung für die Bewältigung komplexer Problemlagen bei Multimorbidität ist hinreichend Zeit für die Kommunikation zwischen Arzt und Patient"" heißt es in der Leitlinie. Ärzte sind dafür, dem betroffenen Patienten mehr Eigenverantwortung zu übertragen, ihn in die Behandlungsentscheidungen mehr einzubinden und ihn auch ehrlich auf mitunter begrenzte Behandlungsmöglichkeiten hinzuweisen. Professor Uwe Janssen: "Die Medizin darf nicht definieren, was mit dem Patienten werden soll, sondern muss berücksichtigen, was die Patienten selber wollen."

Dazu sollten unbedingt auch die Angehörigen mit ins Boot geholt werden. Professor Thümmler: "Jeder sollte seine sozialen Kontakte pflegen und den anderen Menschen auch sagen, was ihn bewegt." Seelische Hygiene ist immens wichtig. Niemand sollte sich durch seine Erkrankungen in eine Isolation oder Depression treiben lassen. "Auf der anderen Seite", betont der Altersmediziner, "muss man auch seine Grenzen kennen und akzeptieren. Ich kenne Menschen, die selbst unter vielen chronischen Erkrankungen leiden und dennoch den erkrankten Lebenspartner in vollem Umfang allein zu Hause versorgen wollen."

Besser: In der Familie oder im erweiterten sozialen Netzwerk immer wieder Gespräche führen und Positionen gegebenenfalls neu bestimmen. Nicht vergessen, es gibt Hilfe von außen. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt, informieren Sie sich über verfügbare Hilfsangebote – von der Tagesklinik über Sozialstationen und Pflegedienst bis hin zu Kurzzeitpflege und Pflegeeinrichtungen. Informationen gibt es auch bei den Krankenkassen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 07. Februar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2019, 22:53 Uhr