Atlas-Figur auf dem Turm des Alten Rathauses in Potsdam.
Auf dem Turm des Alten Rathauses in Potsdam trägt Atlas das Himmelgewölbe auf seinen Schultern. Bildrechte: IMAGO

Hauptsache Gesund | 05.04.2018 | 21:00 Uhr Schwindel, Schmerzen, Ohrgeräusche: Ist der Nacken schuld?

In der griechischen Sagenwelt trug der Titan Atlas das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern. Nicht zufällig bekam auch unser erster Nackenwirbel den Namen "Atlas". Er trägt die Last unseres Schädels, immerhin fünf Kilogramm. Bewegungsmangel und Verschleiß führen in diesem Abschnitt der Wirbelsäule immer wieder zu Schmerzen. Doch Probleme rund um den Atlas können auch ganz andere Folgen haben.

von Jörg Simon

Atlas-Figur auf dem Turm des Alten Rathauses in Potsdam.
Auf dem Turm des Alten Rathauses in Potsdam trägt Atlas das Himmelgewölbe auf seinen Schultern. Bildrechte: IMAGO

Der Nacken gilt als einer der beweglichsten Abschnitte unserer Wirbelsäule. Direkt unter dem Schädel sitzt der Atlas, der erste Wirbel. Das Wort "Atlas" ist mit dem altgriechischen Begriff für "tragen, erdulden" verwandt. Der Atlas trägt nicht nur den Kopf, sondern erlaubt uns auch das Nicken, also die Bewegung nach vorn und nach hinten. Dann folgt der zweite Wirbelkörper, den Mediziner Axis nennen. Er ermöglicht Drehbewegungen des Kopfes – wir können damit nach links und rechts schauen. Nach unten hin schließen sich fünf weitere Wirbel an, zwischen denen jeweils Bandscheiben sitzen. Die gesamte Konstruktion wird durch die Muskulatur von Schultern, Nacken und Rücken umhüllt und gestützt.

Auf einer Darstellung der Nackenwirbelsäule und des Schädels eines Menschen ist der oberste Wirbel, der Atlas-Wirbel, farblich hervorgehoben
Der Atlas-Wirbel sorgt für die Beweglichkeit des Kopfes. Er ermöglicht uns Nickbewegungen. Bildrechte: IMAGO

Darüber hinaus verlaufen durch den Nacken zahlreiche Nervenbahnen. Die Halswirbelsäule ist, so gesehen, die direkte Verlängerung des Kleinhirns. Im Nacken, vor allem rund um den Atlas, liegen aber auch viele Rezeptoren, die für Körperhaltung und Gleichgewicht zuständig sind. Damit wird der Nacken zu einer Schlüsselregion für zahlreiche Beschwerden, nicht nur für den Bereich zwischen Kopf und Schultern.

Nackenprobleme mit Ausstrahlung

Das kennt fast jeder: Sind die Muskeln im Nacken oder in den Schultern verspannt und steif, dann entstehen Schmerzen, die auch in den Kopf und in die Schultern ausstrahlen können. Solche Probleme, die oft durch Fehlhaltungen oder Bewegungsarmut begünstigt werden, sind zum Glück meist nur vorübergehend. Wird an den Auslösern nichts geändert, geraten viele Betroffene allerdings in einen Teufelskreis aus immer neuen Verspannungen. Wer versucht, den Schmerzen durch Schonhaltungen auszuweichen, schafft sich neue Probleme. Auch Bandscheibenvorfälle oder Verschleiß an den Wirbelkörpern können dazu beitragen, dass die Beschwerden chronisch werden.

Schwindel oder Tinnitus: Ist es der Nacken?

Mitunter sind die Auslöser für Beschwerden, die ihre Wurzeln im Nacken haben, jedoch nicht klar auf einem Röntgenbild oder einem MRT erkennbar. Bei manchen Patienten, die unter Schwindel, Tinnitus oder einem unsicheren Gang leiden, kann die Ursache in einer sogenannten "Gefügestörung" im Nacken liegen, wie Privatdozent Dr. Thomas Wilhelm von den Sana Kliniken Leipziger Land erklärt: "Solche Gefügestörungen in der Wirbelsäule nehmen dann Einfluss auf Muskeln und Sensoren."

Eingefärbte Röntgenaufnahme des Kopfes eines 13-jährigen Jungen.
Schwindel oder Ohrengeräusche können ihre Ursache im Atlas-Wirbel haben. Bildrechte: IMAGO

Manchmal wird in diesem Zusammenhang auch von einer " Atlas-Blockade " gesprochen, einer Bewegungsstörung zwischen dem Hinterkopf und dem erstem Halswirbel. Solch eine Störung muss nicht unbedingt Schmerzen auslösen. Sie kann sich aber darauf auswirken, was die Rezeptoren in diesem Bereich über unsere Körperhaltung, die Stellung von Kopf und Gliedmaßen, zurückmelden. Passt diese Meldung nicht zu anderen Sinneseindrücken, die wir zum Beispiel von unseren Augen oder vom Gleichgewichtsorgan im Ohr erhalten, kann ein schwer fassbares Schwindelgefühl entstehen. Manche Betroffene berichten auch von einer "Aura" die sich anfühlt, als würde eine Sinnesstörung oder Berührungsempfindung vom Nacken her über den Kopf wandern.

Wie lassen sich Atlas-Probleme erkennen?

Eine "Atlas-Blockade" lässt sich durch einen erfahrenen Manual-Therapeuten aufspüren. Er kann durch bestimmte Untersuchungstechniken mit den Händen ertasten, ob es eine Bewegungseinschränkung gibt, und auch eine Behandlung einleiten. Bei Symptomen wie Schwindel, Schmerzen oder Tinnitus ist es jedoch wichtig, zuvor andere Auslöser der Beschwerden mit geeigneten Untersuchungen sicher auszuschließen.

Therapie-Angebote für den Atlas

Eine Manual-Therapeutin behandelt den Nacken einer Frau.
Einige Atlas-Probleme können mit manueller Therapie behandlet werden. Bildrechte: IMAGO

Für die Behandlung von Atlas-Problemen gibt es in der manuellen Therapie verschiedene Ansätze. Bei der Atlas-Therapie nach Arlen zum Beispiel wird mit Impulsen gearbeitet. Das heißt, der Therapeut stößt mit dem Finger mehrmals schnell an den Querfortsatz des Atlaswirbels. Von welcher Seite und in welche Richtung die Stöße erfolgen, hängt davon ab, welche Fehlfunktion korrigiert werden soll. Die einzelne Therapiesitzung dauert kaum länger als fünf Minuten. Die Behandlung muss drei bis fünf Mal wiederholt werden. Generell werden durch Manual-Therapeuten hier nicht Störungen in der Anatomie behandelt, sondern Funktionsstörungen, zum Beispiel, wenn die Muskulatur nicht zulässt, dass beim Drehen des Kopfes der normale Bewegungsspielraum ausgeschöpft wird.

Vorsicht vor dem "Einrenken"

Manuelle Behandlungen am Nacken gehören in die richtigen Hände. Nur ein qualifizierter Mediziner oder Therapeut kann einschätzen, welche Techniken im konkreten Fall zum Einsatz kommen sollten. Vor dem früher üblichen kräftigen "Einrenken" an der Halswirbelsäule wird heute gewarnt. Das Risiko bleibender Schäden an den Knochen – vor allem bei Osteoporose –, den Blutgefäßen oder den Nerven im Hals ist zu hoch. Manuelle Therapie im Bereich der Halswirbelsäule setzt inzwischen seltener auf "Manipulation", sondern eher auf "Mobilisation". Sanfte manuelle Verfahren unterstützen die Strukturen des Nackens dabei, in ihre natürliche Beweglichkeit zurückzufinden.

Was muten wir unserem Nacken zu?

Ein junger Mann sitze auf einer Stufe und schaut auf sein Smartphone
Eine typische Haltung unserer Zeit. Wer zu viel aufs Smartphone schaut, riskiert allerdings einen schmerzhaften "Handy-Nacken". Bildrechte: IMAGO

Der Nacken ist ein sehr beweglicher Abschnitt unseres Körpers. Wird er aber ständig unterfordert oder in unnatürliche Positionen gezwungen, geht das auf Kosten der stützenden Muskulatur. Beobachten Sie sich doch einmal selbst, wie Sie am Schreibtisch vor einem Monitor sitzen: Meist ist der Oberkörper nach vorn gebeugt und das Kinn angehoben. Diese oft über Stunden unverändert eingenommene Zwangshaltung löst früher oder später schmerzhafte Verspannungen aus. Auch der berühmte "Handy-Nacken" ist keine Legende. Studien zeigen, dass Menschen, die ihren Blick über Stunden fest auf ihr Smartphone-Display heften, zu muskulären Problemen im Nacken neigen. Glücklicherweise sind das in der Regel kurzfristige, vorübergehende Beschwerden.

Übungen für einen gesunden Nacken

Ein Mann sitzt allein in einem Konferenzraum vor seinem Laptop
Schreibtischarbeit führt oft zu einer stundenlangen ungesunden Haltung. Bewegung zwischendurch hilft, Problemen vorzubeugen. Bildrechte: IMAGO

Um unseren Nacken beweglich und schmerzfrei zu halten, braucht es kein stundenlanges Training an speziellen Geräten. Es genügt, das starre Sitzen am Schreibtisch oder hinter dem Steuer eines Fahrzeugs immer wieder zu unterbrechen und die Halswirbelsäule in Bewegung zu bringen. Ziel: die Muskulatur zu lockern und zu kräftigen. Beispiel: schieben Sie das Kinn mehrmals bewusst vor und zurück. Wiederholen Sie diese Übung immer wieder, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Andere Möglichkeiten sind Schulterkreisen oder das Nachzeichnen einer "liegenden Acht" mit der Nasenspitze. Wichtig: Führen Sie die Übung etwa 30 Sekunden lang durchführen und wiederholen Sie sie mehrmals am Tag.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 05. April 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. April 2018, 09:33 Uhr