Verschiedene Tabletten liegen auf einem Tisch.
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Hauptsache Gesund | 08.03.2018 | 21:00 Uhr Medikamente: Warum neu nicht immer besser ist

Neue Medikamente sind oft teurer als bewährte Mittel. Aber sind sie auch besser? Britische Forscher haben 48 neue Krebsmittel untersucht – und sind zu einem alarmierenden Ergebnis gekommen. Es zeigte sich, dass sie oft weniger sicher sind und mehr Nebenwirkungen haben. Denn nicht in jedem Fall wird geprüft, ob das neue Mittel der Standardbehandlung überlegen ist.

von Jeannette Averhaus

Verschiedene Tabletten liegen auf einem Tisch.
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Sabine Riesinger hat immer wieder starke Schmerzen. Dann kommt irgendwann die niederschmetternde Diagnose Liposarkom, ein unheilbarer Weichteilkrebs und auch schon mit Metastasen in der Lunge: "Das war ein Mega-Schock. Es ist schwer, das in Worte zu fassen, was in einem da vorgeht".

Die junge Mutter kämpft um ihr Leben. Sie hofft auf eine Zukunft für sich und ihre Familie. Ihr Arzt verordnet ihr keine herkömmliche Chemotherapie, die es schon lange auf den Markt gibt, sondern verschreibt ihr ein neues, teures Krebsmedikament. Doch das verursacht bei ihr extreme Nebenwirkungen, wie Sabine Riesinger erzählt: "Es war dann so schlimm, dass es zum Erbrechen kam, was natürlich kontraproduktiv ist, weil die Tabletten ja in mir bleiben sollen. Kreislaufprobleme, Schwindel, Müdigkeit. Es ist eine ganze Reihe." Dann zeigen sich die Nebenwirkungen auch äußerlich. Alle Haare werden weiß. Nur mit sehr kräftigen Farben kann sie sie färben. Die Pigmentstörung macht auch ihre Haut extrem dünn, sodass sie kaum nach draußen gehen kann. All das nimmt sie in Kauf, denn das Medikament soll ihr ein besseres und längeres Leben ermöglichen: "Wenn man diese Diagnose bekommt, dann nimmt man alles, was einem hilft. Also was einem gesagt wird, dass es hilft. Hauptsache, man wird wieder gesund."

Krebsmittel ohne Nutzen

Doch der Wirkstoff von Sabine Riesinger gehört zu den neuen Krebsmedikamenten, für die kein Nutzen erwiesen werden konnte, wie eine neue Studie zeigt. Britische Forscher des renommierten King’s College London untersuchten 48 neue Krebsmedikamente in Europa. Das Ergebnis ist alarmierend. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die meisten Wirkstoffe verglichen mit bestehenden Therapien oder Placebo keinen relevanten Nutzen aufweisen. Das heißt, keine Lebensverlängerung und keine Verbesserung der Lebensqualität.

Mediziner sind alarmiert

Die Ergebnisse aus der Londoner Studie nehmen erfahrene deutsche Krebsmediziner wie Prof. Wolf-Dieter Ludwig, der auch Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ist, sehr ernst: "Das ist eine erschreckende Zahl und ich finde es wichtig, dass sie erstmals in dieser Untersuchung für Europa so deutlich wurde. Ich denke, jetzt ist sowohl natürlich die Zulassungsbehörde, aber auch die Gesundheitspolitik gefragt, um in diesem System mehr Klarheit zu schaffen."

Sabine Riesinger ist entsetzt, dass sie die Nebenwirkungen möglicherweise umsonst ertragen hat: "Ich finde es ganz schrecklich. Wenn man diese Diagnose hat, dann hat man alles Recht der Welt, dass man ehrlich konfrontiert wird. So schwer wie es auch ist. Dass es einfach transparent ist, dass klar auf den Tisch gelegt wird, so hilft das Medikament und diese Nebenwirkungen gibt es dazu." Bei dem Medikament, welches Sabine Riesinger eingenommen hat, wurde eine verhältnismäßig kleine Studie mit nur 369 Weichteilsarkom-Patienten gemacht. Ergebnis ist, das mittlere rückfallfreie Überleben betrug 4,6 Monate gegenüber 1,8 Monaten in der Placebo-Gruppe. Der Vorteil liegt also im Durchschnitt bei 2,8 Monaten Lebensverlängerung. Lohnen sich dafür die heftigen Nebenwirkungen? Laut Beipackzettel kommt es häufig zu Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Geschmacksstörungen, Erhöhung der Leberenzyme, niedriger Blutdruck, Müdigkeit und Veränderung der Haarfarbe. Und es wird vor Leberversagen mit tödlichem Ausgang gewarnt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 08. März 2018 | 21:00 Uhr