Eine Lupe zeigt Haut am Unterarm
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Hauptsache Gesund | 08.11.2018 | 21:00 Uhr Neue Mittel gegen Neurodermitis

Extrem trockene, schuppige Haut. Unerträglicher Juckreiz, der die Betroffenen den Schlaf kostet. Kratzen bis aufs Blut. Neurodermitis ist bisher nicht heilbar. Doch für die am schwersten Leidenden bieten neue Medikamente nun Hoffnung.

von Jörg Simon

Eine Lupe zeigt Haut am Unterarm
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Cordula Thiel ist 61, kommt aus der Nähe von Magdeburg und hat schon ihr ganzes Leben mit den wiederkehrenden Entzündungen ihrer Haut zu tun. Als Kind litt sie unter den Blicken der anderen auf den auffälligen Ausschlag im Gesicht oder an den Armen. Zur Jugendweihe zog sie deshalb möglichst lange Sachen an. "Baden war auch immer nicht so mein Ding", erzählt sie, "weil Ausziehen und alle gucken, das mochte ich nicht." Wie die meisten Betroffenen erlebt sie die Krankheit in Phasen. Mal ist die Haut nur trocken, geschuppt und gerötet. Während akuter Schübe jedoch ist sie entzündet und juckt extrem.

Neurodermitis ist keine Nervensache!

Der Begriff "Neurodermitis" leitet sich vom griechischen Wort "neuron" für "Nerv" ab. Mittlerweile ist jedoch bekannt, dass die Nerven nichts mit der Erkrankung zu tun haben. Deswegen bevorzugen Hautärzte die Bezeichnungen "atopische Dermatitis" oder "atopisches Ekzem". "Atopisch" bedeutet: zu allergischen Reaktionen neigend. Dennoch hat sich das Wort "Neurodermitis" so eingebürgert, dass es weiterhin verwendet wird.

Eine Frau kratzt sich
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Krankheitsnamen, die mit "-itis" enden, bezeichnen stets eine Entzündung. Und um entzündliche Vorgänge geht es auch bei der Neurodermitis. Die Betroffenen haben zunächst eine genetische Veranlagung. Ihre natürliche Hautbarriere ist dadurch nicht intakt, immer wieder können Erreger eindringen. Auch Umweltreize haben so einen stärkeren Effekt. Immer wieder werden so kleinere Entzündungen ausgelöst. Das führt zu einer Störung der Immunregulation, zu einer leichteren Sensibilisierung. Die Körperabwehr reagiert mit Übereifer auf eigentlich harmlose Reize. Symptome: Die Haut trocknet aus, rötet sich, es kommt zu teils nässenden Ekzemen, die sehr stark jucken. Hautflächen können sich verdicken, Knötchen entstehen.

Cordula Thiel schildert, wie sich das anfühlt: "Dann kann ich auch nicht sagen, du willst dich jetzt nicht kratzen! Das geht nicht. Der Juckreiz ist so extrem stark, das kann man sich nicht vorstellen. Dann sieht man auch nicht schön aus, wenn es aufgekratzt ist. Die Sachen sind auch blutig."

Besonders betroffene Stellen sind oft die Beugeseiten der Arme und Beine, die Hände und der Nacken. Bis zu 13 Prozent der Kinder bekommen Neurodermitis, unter den Erwachsenen sind noch zwei bis drei Prozent betroffen. Die Zahlen zeigen an, dass die Beschwerden in einem gewissen Alter – meist bei Einschulung oder mit Beginn der Pubertät – bei vielen von allein verschwinden. Das heißt jedoch nicht, dass die Krankheitsgeschichte der Betroffenen dort endet.

Türöffner für oft lebenslange Krankheitskarriere

Noch ist nicht vollkommen entschlüsselt, was Neurodermitis auslöst und welche Vorgänge bei akuten Schüben in der Haut ablaufen. Klar ist nur: die Krankheit funktioniert gewissermaßen als Türöffner für lebenslange Allergien. Auch dann, wenn Neurodermitis nach den ersten Lebensjahren von selbst wieder verschwindet, bleibt nämlich eine Überempfindlichkeit der Körperabwehr. Die Betroffenen reagieren allergisch auf Pollen, Milbenkot im Hausstaub oder auf Tierhaare. Mediziner fassen Neurodermitis, Allergien auf Nahrungsmittel, allergischen Schnupfen und allergisches Asthma unter dem Überbegriff "atopische Erkrankungen" zusammen.

Zu viel Hygiene?

Sich mit Seife waschende Hände
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Warum sind in unserer modernen Gesellschaft so viele Menschen von Krankheiten betroffen, die mit der Immunregulation zu tun haben? Ein Verdacht: Wir wachsen in einer Umgebung auf, in der wir nicht mehr so häufig mit Keimen in Berührung kommen wie unsere Vorfahren. Unser Abwehrsystem kann deshalb womöglich nicht richtig trainieren und reagiert überschießend auch auf eigentlich harmlose Auslöser.

Kampf der Keime

Forscher in Augsburg sind einem anderen Verdacht auf der Spur. Ihre Hypothese: Neurodermitis steht im Zusammenhang mit der Bakterienbesiedlung unserer Haut. Auf unserer Körperoberfläche tummeln sich Milliarden von Keimen. Das ist zunächst völlig natürlich. Die verschiedenen Bakterienarten in diesem "Mikrobiom der Haut" stehen normalerweise in einem gewissen Gleichgewicht. Bei Neurodermitis ist dieses Gleichgewicht aber offenbar gestört. Bestimmte Keime, vor allem Staphylococcus aureus, werden übermächtig und verdrängen andere Bakterien, die unserer Gesundheit eher förderlich sind. Warum das geschieht, ist noch nicht klar. Die Forschungen zeigen aber einen neuen möglichen Ansatz zur Behandlung der Krankheit: Cremes mit bestimmten Nährstoffen, die vor allem die gesundheitswirksamen Bakterien auf der Haut "aufpäppeln" sollen. Erste Studien laufen bereits.

Die Haut – ein Spiegel der Seele?

Viele Menschen mit Neurodermitis machen die Erfahrung, dass Stress und seelische Belastungen die Krankheit fördern und sogar neue Schübe auslösen können. Alleiniger Auslöser sind psychische Faktoren aber nicht. Offenbar besteht hier eine Wechselbeziehung. Stress kann Einfluss auf den Zustand des Immunsystems haben. Umgekehrt führt ständiger Juckreiz und Schlafmangel zu neuerlichen seelischen Belastungen. Eine angebliche "Neurodermitis-Persönlichkeit" jedenfalls existiert nicht.

Was tun gegen trockene Haut, Juckreiz und Entzündungen?

Neurodermitis ist nicht heilbar. Die Behandlung setzt vor allem auf die Linderung der Symptome und das Verhindern neuer Schübe. Grundlage ist eine gute Pflege der Haut, die das Austrocknen verhindert. Betroffene müssen zudem die Auslöser ihrer Beschwerden meiden – oft sind das bestimmte Textilien, Waschmittel, Nahrungsmittel, mitunter auch Tierhaare.

Gegen den Juckreiz sollen Salben helfen, bei Bedarf mit leicht betäubenden Zusätzen wie Polidocanol. Auch gegen Histamin wirkende Tabletten werden eingesetzt. Bei schweren Entzündungsschüben kann der Arzt Cortisonsalben verordnen.

Neue Hoffnung durch Biologika – wer bekommt die Mittel?

Medikamentenfläschchen
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Mitunter wurden bisher bei schwerer Neurodermitis auch Mittel eingesetzt, welche die Immunabwehr unterdrücken sollen. Der dabei häufig verwendete Wirkstoff Ciclosporin wird auch in der Transplantationsmedizin genutzt. Doch die Arzneien hatten heftige Nebenwirkungen. Die so behandelten Patienten litten zum Teil unter Bluthochdruck und mussten mit dem Risiko einer eingeschränkten Nierenfunktion leben. Doch in vielen Fällen hatten Ärzte und Patienten keine Wahl. Das ändert sich nun mit einer neuen Gruppe von Wirkstoffen, die erst vor wenigen Monaten zur Therapie zugelassen wurden.

Dabei handelt es sich um so genannte Biologika. Biologika bedeutet: Solche Mittel werden mit Hilfe der Gentechnik aus lebenden Zellen hergestellt. Der Wirkstoff Dupilumab setzt gezielt dort an, wo die Entzündung entsteht. Er hemmt einen krankheitsfördernden Botenstoff. Die Mittel werden nicht wie bisher geschluckt, sie werden alle zwei Wochen gespritzt

Die Therapie mit den "Dupis" ist allerdings nicht billig. Eine Behandlung kostet pro Jahr mehrere zehntausend Euro. Momentan ist sie schweren Fällen der Krankheit vorbehalten. Die Entscheidung, wer die Mittel bekommt, wird mit Hilfe eines Punktesystems getroffen, eines so genannten Scores. Patientin Cordula Thiel gehörte zu den ersten Anwendern des Mittels. "Ich muss sagen, gleich nach zwei, drei, vier Tagen habe ich eine Besserung erfahren. Der Juckreiz hat gleich nachgelassen, dadurch habe ich nicht mehr diese aufgekratzte Haut. Ich bin begeistert."

Allerdings haben auch die neuen Mittel das Risiko von Nebenwirkungen. Gewarnt wird vor allem vor Augenproblemen. Es kann zu Reizungen und Entzündungen kommen.

Therapie mit Bädern und Licht

Manche Neurodermitis-Kranke beobachten, dass sich der Zustand ihrer Haut bei einem Urlaub am Meer deutlich bessert. Dabei spielen der Salzgehalt des Wassers und das Sonnenlicht eine Rolle. Der Effekt bestimmter ultravioletter Anteile des Lichts wird bei Neurodermitis und Psoriasis auch gezielt für die Therapie genutzt. Bei der sogenannten PUVA-Therapie bekommt der Patient eine Bestrahlung mit UV-A-Licht. Diese ultravioletten Strahlen sollen die Immunantwort bestimmter Hautzellen hemmen. Um die Haut für die Behandlung empfindlicher zu machen, wird zuvor der Wirkstoff Psoralen eingenommen – oder als Badezusatz angewendet. Die PUVA-Therapie hilft vielen, aber leider nicht allen Patienten, bei denen größere Hautflächen von Entzündungen betroffen sind.

Hautpflege

Patientin Cordula Thiel muss die betroffenen Hautpartien zwei bis drei Mal täglich eincremen. Meist benutzt sie eine Lotion, an Tagen mit akuten Krankheitsschüben eine Cortisonsalbe. Welche Pflegemittel angewendet werden sollten, hängt sehr vom individuellen Zustand der Haut ab. Generell wird zu Lotionen geraten, die gut rückfetten. Harnstoff soll Feuchtigkeit in der Haut binden. Bei Kindern eignen sich Produkte mit dem Zusatz von Mandelöl. Von der Verwendung reiner Öle wird aber eher abgeraten, da sie nicht so gut in die Haut einziehen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 08. November 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2018, 10:53 Uhr

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