Hauptsache Gesund | 15.03.2018 | 21:00 Uhr Parkinson: Therapien gegen das Zittern

Rund 250.000 Parkinson-Erkrankte gibt es in Deutschland. In den nächsten 20 Jahren könnte sich die Zahl verdoppelt haben, befürchten Experten. Die "Schüttellähmung" ist bis heute nicht heilbar. Aber es gibt Therapien, die Lebensqualität zurückgeben können.

Der Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra, Kurt Masur, nimmt am 10.10.2001 mit seinem Musikern nach einem Konzert im Leipziger Gewandhaus den Beifall des Publikums entgegen.
Bildrechte: dpa

Boxer Muhammad Ali, Papst Johannes Paul II. oder der Star-Dirigent Kurt Masur hatten eines gemeinsam: Sie alle hatten Parkinson. Und sie alle haben ihre Erkrankung öffentlich gemacht. Doch so selbstverständlich war das nicht. Noch immer empfinden viele Patienten die Erkrankung als Tabu. "Leider, und das sind meine persönlichen Erfahrungen, ist die Erkrankung sehr schambehaftet. Das führt dazu, dass diese stetig wachsende Patientengruppe droht, unbeachtet und vor allem nicht bestmöglich versorgt zu bleiben", sagt Professor Dirk Winkler vom Universitätsklinikum Leipzig.

Schlafstörung Vorstufe von Parkinson

Mit Bewegungsunschärfe aus der Draufsicht fotografierte Aufnahme einer unruhig schlafenden Frau.
Bildrechte: IMAGO

Die typischen Bewegungsstörungen wie das Zittern treten allerdings erst im fortgeschrittenen Stadium auf. Was viele nicht wissen: Parkinson kann sich schon viel früher bemerkbar machen, in einer Schlafstörung zum Beispiel. Dabei treten Betroffene im Schlaf plötzlich wild um sich, schreien, kratzen, beißen. Das sind Symptome einer Traum-Schlaf-Verhaltensstörung.

"Man hat herausgefunden, dass die sogenannte REM-Schlafverhaltensstörung eine Vorstufe der Parkinson-Krankheit ist, nach jetzigem Wissen die spezifischste. Das heißt: Etwa 70 bis 80 Prozent der Patienten, die im Traum um sich schlagen, entwickeln in zehn bis 15 Jahren eine Parkinsonkrankheit", erklärt Professor Wolfgang Oertel von der Uniklinik Marburg. Er erforscht die Krankheit seit Jahren. Auch ein gestörter Geruchssinn oder eine Änderungen im Schriftbild können ein Hinweis auf Parkinson sein. Im Durchschnitt sind die Patienten bei der Diagnose 60 Jahre alt. Bei etwa zehn Prozent der Patienten wird die Erkrankung schon in einem Alter zwischen 20 und 40 Jahren diagnostiziert.

Zittern und Muskelsteifheit

Verursacht wird eine Parkinson-Erkrankung durch das langsame Absterben von Nervenzellen in einer bestimmten Region des Gehirns, der Substantia nigra, der schwarzen Substanz. Diese Region ist an der Koordination von Bewegungen beteiligt. Hier wird auch der Botenstoff Dopamin hergestellt. Fehlt er, kommt es zu Zittern und Bewegungsstörungen, die anfangs oft nur einseitig auftreten. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung werden die Schritte kleiner, der Patient bekommt einen schlurfenden Gang, die Muskeln versteifen sich, auch im Gesicht. Das führt dazu, dass die Patienten wie bei einem "Maskengesicht" weniger stark Ärger oder Freude ausdrücken können und das Sprechen schwerer fällt.

Medikamente als Test und Therapie

Drei weiße Tabletten liegen neben einem Glas Wasser, in dem eine weitere Tablette aufgelöst wird
Bildrechte: IMAGO

Um zu testen, ob es sich um Parkinson handelt, wird oft testweise ein Medikament gegeben. Bessern sich die Symptome durch den Wirkstoff, ist das ein starkes Zeichen für Parkinson. Generell sind Medikamente anfangs das Therapiemittel der Wahl. Doch man muss wissen, dass Parkinson zwar behandelbar, aber nicht heilbar ist. Einige Jahre funktioniert die Therapie mit Medikamenten daher gut. Doch irgendwann lässt die Wirkung nach und es muss immer höher dosiert werden. Das führt teilweise zu unerträglichen Nebenwirkungen.

Hirnschrittmacher als letzte Option

Das Einsetzen eines Hirnschrittmachers ist die letzte Therapieoption für Betroffene. "Die sogenannte tiefe Hirnstimulation ist seit den 1990er-Jahren eine verlässliche Methode, um die Lebensqualität der Patienten deutlich zu verbessern. Ich bin dennoch immer wieder überrascht, dass viele Patienten sie nicht kennen", sagt Professor Dirk Winkler, der als Neurochirurg auf diese Operation spezialisiert ist.

3D-Darstellung eines menschlichen Gehirns im Gewitter.
Bildrechte: IMAGO

Bei dem Eingriff setzt der Neurochirurg Elektroden tief in das Gehirn ein. Ziel ist eine Region in der Tiefe des Gehirns, die unter anderem die Koordination von willkürlichen Bewegungen steuern hilft. Die Elektroden sind über Kabel, die unter der Haut liegen, mit einem Schrittmacher verbunden. Dieser sendet Impulse, die die Bewegungsstörungen unterdrücken. An der Uniklinik Leipzig setzt man bei der Operation auf eine neue Automatisierungstechnik. Dafür wird eine spezielle Apparatur für jeden Patienten individuell angefertigt. Sie ermöglicht, die Elektroden auf den Zehntelmillimeter genau im Hirn zu platzieren. "Während alle anderen Systeme eine operative Versorgung der Hirnhälften jeweils nacheinander vorsehen, erlaubt dieses System als einziges weltweit, die Operation beider Hirnhälften simultan und somit deutlich schneller zu realisieren", erklärt Professor Winkler. 

Die neue Technik entlastet die Patienten auch, in dem sie die Dauer der Operation um etwa die Hälfte der Zeit verkürzt: von vier bis sechs Stunden auf  etwa zwei bis drei Stunden. Die Patienten befinden sich während der OP zeitweise nur in einem Dämmerzustand. Um zu prüfen, ob die Elektroden im Hirn richtig sitzen, müssen sie für verschiedene Tests ansprechbar sein. "Die Wachheit ist nur in der Phase der OP nötig, in der die Mitarbeit des Patienten wichtig ist. Die Implantation des Schrittmachers oder Impulsgenerators erfolgt dann in Vollnarkose", beruhigt Professor Winkler.

Nach der Operation wird der Schrittmacher von außen langsam auf die notwendigen Stimulationsparameter angepasst. Hier brauchen die Patienten in den ersten Wochen etwas Geduld, bis die optimale Einstellung gefunden ist. Letztlich können damit dann Medikamente und die damit einhergehenden Nebenwirkungen um bis zu 90 Prozent eingespart werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 15. März 2018 | 21:00 Uhr