Toilettentür zeigt "Besetzt" an
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Hauptsache Gesund | 21.02.2019 | 21:00 Uhr Reizdarm – Was hilft, wenn der Bauch rebelliert?

Heftige Unterleibsschmerzen über Tage oder Wochen, Krämpfe, dazu Durchfall oder Verstopfung. Steckt ein Reizdarm-Syndrom dahinter? Oft bringt eine konsequente Umstellung der Kost Linderung für Betroffene.

von Jörg Simon

Toilettentür zeigt "Besetzt" an
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Manche Reizdarm-Patienten leiden zwei Wochen lang unter bis zu 20 Durchfällen am Tag, begleitet von Übelkeit und Schmerzen. Die Zahl der Betroffenen ist schwer zu überblicken, Mediziner schätzen, dass bis zu 16 Prozent der Bevölkerung mit diesem Problem zu tun haben. Doch welche Auslöser verstecken sich hinter einem Reizdarm-Syndrom? Welche Therapien helfen? Die Suche nach Antworten ist für Betroffene wie für den behandelnden Arzt alles andere als simpel – nicht zuletzt, weil das System Darm so außerordentlich komplex ist.

Ein Organ mit vielen Aufgaben

Erste Aufgabe des Verdauungstraktes ist es natürlich, unsere Nahrung aufzuschließen und zu verwerten. Im Darm wird der Brennstoff für die körpereigene Energieversorgung gewonnen. Außerdem werden hier weitere für zahlreiche Körperfunktionen wichtige Stoffe erschlossen – Vitamine und Spurenelemente zum Beispiel.

Der Darm verläuft zwar im Inneren unseres Körpers, bildet aber zugleich eine Außengrenze. Hier wird unser Organismus mit zahlreichen fremden Stoffen und Reizen konfrontiert. Die Herausforderung: Einerseits sollen lebenswichtige Nahrungsbestandteile diese Grenze passieren, andererseits kommen wir hier auch direkt in Kontakt mit Krankheitserregern und Giften. Und jedes Medikament, das wir schlucken, muss hier ebenfalls durch.

Damit wird der Darm auch ein wichtiger Baustein für unser Abwehrsystem. Hier finden zahlreiche Immunvorgänge statt. Die Darmschleimhaut ist eine wichtige erste Barriere gegen Krankheitserreger. Forschungen zeigen, dass sich bis zu 80 Prozent aller Zellen, die Antikörper produzieren, hier befinden.

Nicht zuletzt befindet sich im Darm befindet auch unser "Bauchhirn". Es besteht aus mehr als 100 Millionen Nervenzellen, welche die Muskulatur des Darms steuern – und das überwiegend unabhängig von unserem Gehirn.

Symbolfoto Mikrobiom
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Damit nicht genug: Unser Darm ist auch Wohnort für hundert Billionen von Dauergästen: Bakterien, Pilze und Viren. Früher sprach man von "Darmflora", heute meist von "Mikrobiom" bzw. "Mikrobiota". Wie diese Mikroorganismen im Darm in die Steuerung zahlreicher Körpervorgänge eingreifen, ist bisher erst in Ansätzen erforscht. Manche Wissenschaftler sehen im Mikrobiom aber bereits eine Art eigenes Organ und sprechen sogar von einem "Super-Organ".

Es gibt also viele Faktoren, die für das Wohlbefinden in unserem Darm eine Rolle spielen. Und damit eben auch zahlreiche Stellen, an denen Störungen auftreten können.

Wann sprechen Ärzte von Reizdarm?

Der Reizdarm gilt als "unspezifische Verdauungsstörung". Mit dem Begriff "Reizdarm-Syndrom" fasst die Medizin eine "Gruppe funktioneller Darmerkrankungen" zusammen. "Funktionell" bedeutet, dass etwas nicht richtig funktioniert. Die einzelnen Symptome – also Unterleibsschmerzen, Blähungen, Krämpfe, Verstopfungen und Durchfall – ähneln den Zeichen anderer Darmerkrankungen. Doch es gibt einen Unterschied.

Bei anderen Darmproblemen, zum Beispiel bei Entzündungen, finden die Ärzte typische, gut sichtbare Veränderungen im Darm. Mit Tests können sie herausfinden, ob die Patienten zum Beispiel auf Milchzucker mit Beschwerden reagieren. Beim Reizdarm-Syndrom ist es anders. Hier lassen sich zunächst meist keine auffälligen organischen Veränderungen entdecken.

Das erklärt, warum Reizdarm-Patienten oft buchstäblich einen Untersuchungs-Marathon durchlaufen, bei dem am Ende zwar eine Diagnose steht, die viele Betroffene aber nur vor neue Fragen stellt. Die Krankheit hat nun zwar einen Namen, doch was genau die Darmfunktion stört, bleibt oft rätselhaft. Wenn sicher ist, dass man es tatsächlich mit einem Reizdarm-Syndrom zu tun hat, gibt es immerhin einen schwachen Trost: Die Erkrankung ist ungefährlich. Allerdings belastet sie die Betroffenen schwer.

Neue Untersuchungsmethoden werfen ein neues Licht

Nur mit neuen, aufwendigen und oft noch sehr teuren Untersuchungsmethoden kommt ans Licht, welche Störungen bei einem Reizdarm tatsächlich eine Rolle spielen. Eine davon ist ein Darmprovokationstest, die "konfokale Laser-Endomikroskopie", die derzeit vor allem im Rahmen von Studien eingesetzt wird. Dabei werden mit einer Sonde bestimmte Nahrungsmittel, die den Darm reizen können, direkt auf die Darmschleimhaut gebracht: Hefe, Milch, Weizen, Soja und Eiweiß. Dann beobachten die Ärzte die Reaktion durch ein ebenfalls in den Darm eingeführtes Spezial-Mikroskop. Oft können sie binnen Minuten oder sogar Sekunden sehen, wie die oberflächlichen Darmzellen aufbrechen und damit ein Schleimhautschaden entsteht. Resultat einer Immunreaktion, die Forscher auch als "atypische Allergie" bezeichnen.

Doch auch dieser teure Test kann nur bei einem Teil der Patienten nachweisen, worunter genau sie leiden. Weitere Mechanismen, die als Auslöser für das Reizdarm-Syndrom eine Rolle spielen können: ein gestörtes Gleichgewicht zwischen den im Darm siedelnden Mikroorganismen, mikroskopisch kleine Schäden in der Darmschleimhaut, durch Immunprozesse überaktivierte Nervenzellen. Allesamt Prozesse, die sehr unterschiedlich sind. Das Wort "Reizdarm" ist momentan also ein Dachbegriff für durchaus verschiedene Krankheitsbilder. Mediziner rechnen damit, dass man sie in wenigen Jahren als jeweils eigenständige Diagnosen ansehen wird.

Welche Rolle spielen Stress und psychische Probleme?

Nicht umsonst kennen wir die Redensart von den Dingen, die uns "auf den Magen schlagen". Stress und psychische Belastungen können den Austausch zwischen den zahlreichen Nervenzellen im Darm und unserem Gehirn beeinflussen. Klar ist aber auch: ein Reizdarm-Syndrom ist alles andere als eine nur "eingebildete Krankheit". Es ist kein "psychogenes Leiden" – auch, wenn die Betroffenen diesem Vorurteil immer noch oft begegnen.

Ernährungsumstellung – Verzicht auf das, was reizt

Messer, Gabel, Löffel
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Viele vom Reizdarm-Syndrom Betroffene machen die Beobachtung, dass es ganz bestimmte Lebensmittel sind, die bei ihnen Beschwerden auslösen. Das können Getreideprodukte sein, aber auch Milcherzeugnisse oder einige Obst- und Gemüsesorten. Eine Möglichkeit, den Darm zu beruhigen: der Verzicht auf diese Lebensmittel. Viele Reizdarm-Patienten machen damit gute Erfahrungen.

Möglicher Schlüssel – die FODMAPs

Auf den ersten Blick sind es ganz gesunde Nahrungsmittel: Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Trauben und Honig, Steinobst. Doch in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass diese Produkte Stoffe enthalten, die für Reizdarm-Patienten problematisch werden können. Es geht um die so genannten FODMAPs. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Würfelzucker
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FODMAPs ist ein Akronym und steht für "Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide And (und) Polyole". Klingt kompliziert, lässt sich aber schnell auf einen Nenner bringen – diese Stoffe sind Zuckerverbindungen bzw. Zucker-Alkohole. Sie haben eine gemeinsame Eigenschaft, die mit dem Buchstaben F in "FODMAPs" bezeichnet wird – sie sind nämlich fermentierbar. Das bedeutet, dass diese Stoffe bei der Verdauung einen Gärungsprozess auslösen. Die Zuckerverbindungen werden also nicht oder nicht komplett vom Körper aufgenommen. Sie ziehen Wasser aus dem Dünndarm und landen im Dickdarm, wo sich bestimmte Bakterien über sie hermachen. Dabei entsteht Gas. Wasser und Gas führen zu einer Schwellung des Darms, die sehr schmerzhaft sein kann. Der Verzehr von Lebensmitteln, die diese Stoffe enthalten, kann also zu Blähungen und Durchfall führen.

Hinter dem O verbergen sich die Oligosaccharide. Das sind langkettige Zuckerverbindungen, wie sie in Erbsen, Bohnen und Linsen vorkommen.

Rote Weintrauben
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Das D steht für Disaccharide, also Zweifachzucker. Die Laktose, also der Milchzucker, zählt darunter. Mit dem M werden die Monosaccharide, also die Einfachzucker, bezeichnet. Sie kommen zum Beispiel als Fruktose in Trauben, Feigen oder im Honig vor. Das A in FODMAPS heißt einfach nur "and", also "und".

Der Buchstabe P steht schließlich für Polyole. Das sind Zuckeralkohole, die in Steinobst, also in Äpfeln, Aprikosen oder Kirsche stecken.

Größere Studien fehlen noch, doch es deutet sich an – eine Kost, die auf Nahrungsmittel mit FODMAPs verzichtet, kann eine wirkungsvolle Diät beim Reizdarm-Syndrom sein.

Medikamente

Eine Ernährungsumstellung ist beim Reizdarm-Syndrom also der wichtigste Hebel der Behandlung. In bestimmten Fällen kann der Arzt jedoch auch die zusätzliche Einnahme von Ballaststoffen wie Flohsamen oder Pektin oder von bestimmten Medikamenten empfehlen.

Welche Arzneimittel angebracht sind, muss individuell entschieden werden, je nachdem, welche Symptome am meisten belasten. Das können krampflösende Medikamente sein, aber auch Mittel, die abführend wirken oder Durchfälle stoppen. Auch bestimmte Antibiotika und Antidepressiva werden mitunter verordnet.

Probiotika – ein sinnvoller Ansatz?

Derzeit wird der Nutzen sogenannter Probiotika heftig diskutiert. Diese Präparate können jedoch in bestimmten Fällen gerade für Reizdarm-Patienten hilfreich sein. Probiotika sind Bakterienkulturen in Pillenform. Die hochdosierten Mikroorganismen sollen ein gestörtes Mikrobiom im Darm wieder ins Gleichgewicht verschieben.

Bewegung, Achtsamkeit und Entspannung können helfen

Mutter und Tochter beim Yoga am Strand
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Allgemeine Bewegungsarmut kann auch den Darm träge machen. Wer den ganzen Tag sitzt, hat dann mitunter abends Bauchschmerzen. Wer das an sich beobachtet, sollte Möglichkeiten finden, mehr Bewegung in den ganz normalen Tagesablauf zu integrieren. Tipps: Hin und wieder mal die Treppe und nicht den Fahrstuhl nehmen. Sie können auch mal eine Bushaltestelle früher aussteigen als gewohnt und einen Teil des Weges zu Fuß zurücklegen.

Viele Menschen mit Reizdarm profitieren auch von einfachen Übungen, mit denen die Achtsamkeit für die Vorgänge im Körper gestärkt und die Gelassenheit beim Umgang mit Stress geübt werden kann. Gute Erfahrungen gibt es hier zum Beispiel mit Yoga.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 21. Februar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 07:56 Uhr