bewegte Beine eilender Frauen
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Hauptsache Gesund | 10.01.2019 | 21:00 Uhr Restless-Legs-Syndrom

Etwa jeder zehnte Deutsche leidet unter "Restless Legs". Obwohl die "rastlosen Beine" so häufig sind, wird die Erkrankung oft spät diagnostiziert. Typische Symptome sind Kribbeln, Schmerzen oder Zuckungen. Sie unterscheiden sich individuell. Gemeinsam ist jedoch eines: Betroffene können häufig nachts nicht schlafen.

von Beate Splett und Raja Kraus

bewegte Beine eilender Frauen
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Für Außenstehende ist es nur schwer nachvollziehbar, was Menschen mit einem Restless-Legs-Syndrom (RLS) nicht zur Ruhe kommen lässt. Genau da liegt das Problem: Entspannt sich der Körper etwa beim Sitzen oder Liegen, dann gehen die Probleme los: Es sticht, brennt, kribbelt oder schmerzt in den Beinen. Manche Patienten beschreiben die Symptome, als würde man auf einem Ameisenhaufen stehen. Erst durch Bewegung gehen die Beschwerden zurück. Viele der Patienten leiden unter chronischem Schlafmangel. Frauen sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Die Ursache liegt nicht in den Beinen, sondern im Gehirn. Inzwischen gilt als wahrscheinlich, dass ein Defekt bei der Übertragung von Nervensignalen die Symptome auslöst. Die Funktion des Nervenbotenstoffes Dopamin ist gestört. Wie genau das die Beschwerden in den Beinen auslöst, ist bisher noch nicht völlig geklärt. Bei ungefähr einem bis zwei Prozent der Patienten muss die Erkrankung medikamentös behandelt werden. Die erste Anlaufstelle ist der Hausarzt, der andere Erkrankungen wie Diabetes, Fehlfunktionen der Schilddrüse oder Venenerkrankungen ausschließt. Der behandelnde Facharzt sollte bei Verdacht auf RLS aber ein Neurologe sein. Heilen lässt sich die Erkrankung bisher noch nicht, aber mit der richtigen medikamentösen Behandlung können die Beschwerden gelindert werden. Sind die Symptome nur leicht, können kalte Duschen, Bewegung und Massagen helfen.

Primäre und sekundäres Restless-Legs-Syndrom

Mediziner unterscheiden ein primäres RLS und ein sekundäres RLS. Beim primären, dem sogenannten idiopathischen RLS, sind die Ursachen weitestgehend unbekannt. Beim sekundären RLS gibt es Faktoren, die es möglicherweise ausgelöst haben. Werden diese Auslöser behoben, verbessern sich meist auch die Beschwerden.

Häufigste bekannte Auslöser von sekundärer RLS sind:

  • Niereninsuffizienz bei Dialysepatienten
  • Störungen der Schilddrüsenfunktion
  • Schwangerschaft
  • Blutarmut durch Eisenmangel
  • Rheumatoide Arthritis
  • Eisenmangel
  • Stoffwechselstörungen
  • Medikamente wie Antidepressiva

Kaffeetasse
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Verstärkende Faktoren sind außerdem:

  • Kaffee
  • Alkohol
  • Stress
  • schwere körperliche Arbeit
  • Wärme

Der Fall: Marion Rother

Es ist drei Uhr. Wie fast jede Nacht kann Marion Rother auch heute nicht länger als vier Stunden schlafen. Denn seit über 30 Jahren lebt die Leipzigerin mit der Diagnose "Restless-Legs-Syndrom". Die Unruhe in den Beinen zwingt sie zur ständigen Bewegung, immer dann, wenn sich ihr Körper eigentlich entspannen will. An Schlaf ist kaum zu denken. Sie hat ihr eigenes Zimmer, um ihren Mann nicht zu stören – die halbe Nacht verbringt sie malend. "Das beruhigt mich, das lenkt mich ab. Das tut mir auch gut, wenn ich vielleicht ein bisschen verzweifelt bin, weil ich nicht schlafen kann. Dann freue ich mich, wenn das Bild weiter entsteht. Und wenn‘s dann noch gelingt, ist es umso schöner", erzählt sie.

Wie bei Marion Rother ist der Leidensdruck vieler RLS-Patienten groß. Auch, weil Ärzte die Krankheit fälschlicherweise immer wieder als nervösen Tic oder als Stress-Symptome abtun. Marion Rother hatte Glück im Unglück: Sie bekam ihre Diagnose schnell. Obwohl sie inzwischen EU-Rente bekommt, möchte sie etwas tun. Zwei Mal pro Woche arbeitet sie deshalb in einem Marktforschungsinstitut. "Ich möchte auf jeden Fall nicht nur zu Hause bleiben, da fällt mir die Decke auf den Kopf. Und erst einmal ist es schön, wenn man unter Menschen kommt, wenn man eine Beschäftigung hat. Wenn man weiß, man wird gebraucht", erklärt sie. Ablenkung ist für Marion Rother eine wichtige Medizin. Und ihr hilft auch der Zusammenhalt mit ihrer jüngeren Schwester Britta Katzer. Denn vor gut zehn Jahren wurde auch bei ihr RLS diagnostiziert. "Das war, da hatte ich Nachtdienst und kam nach Hause, es war eine stressige Nacht, da habe ich mich erst einmal noch hingesetzt und dann fing das an", erinnert sich ihre jüngere Schwester. Durch ihre große Schwester und deren lange Erfahrung mit RLS wusste Britta Katzer schnell, was los ist.

Mit den richtigen Medikamenten lassen sich die Symptome lindern: "Ich kann auch ganz anders am Leben wieder teilnehmen. Mal ins Kino gehen oder mal irgendwohin gehen, wo man nur ruhig sitzt, das war vorher gar nicht möglich. Und das kann ich also jetzt nicht immer, aber fast immer", erzählt Marion Rother. Bis vor wenigen Jahren hat sie eine Selbsthilfegruppe in Leipzig geleitet. Doch sie weiß, wie wichtig die Arbeit und die Gespräche in der Gruppe sind. Aber allein kann sie die Arbeit nicht mehr bewältigen. Deshalb sucht sie jetzt Unterstützung, um die Gruppe wieder aufzubauen.

Therapiemöglichkeiten

Da es unmöglich ist, ständig in Bewegung zu bleiben, müssen andere Maßnahmen her. Das können Bürstenmassagen, kalte Güsse und Fußbäder oder Kniebeugen sein. Hilft all das nicht, kommen Medikamente wie L-Dopa, auch Levodopa, zum Einsatz. Dabei handelt es sich um eine Vorstufe des Botenstoffes Dopamin, der natürlich im Gehirn vorkommt. Die Tabletten sind schnell wirksam. Die Wirkung lässt bei regelmäßiger erhöhter Dosis leider mit der Zeit nach.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 10. Januar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2019, 10:53 Uhr