Frau riecht an einem Zitronenbaum
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Hauptsache Gesund | 11.10.2018 | 21:00 Uhr Wenn der Geruchssinn streikt

50.000 Patienten in Deutschland haben einen gestörten Geruchssinn. Wir erklären, wie Riechstörungen diagnostiziert und therapiert werden können und wann sie ein Vorbote für andere Erkrankungen sind.

Frau riecht an einem Zitronenbaum
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Unsere Nase kann frischen Kaffeeduft erschnuppern oder vor Gefahren wie Brandgeruch warnen. Ohne Geruchssinn sind wir zwar nicht lebensbedrohlich erkrankt, aber wir verlieren ein wichtiges Sinnesorgan. Anosmie, Geruchsblindheit, tritt jährlich bei etwa 50.000 Menschen in Deutschland auf.

Nicht weniger unangenehm sind „falsche“ Gerüche, die manche Patienten wahrnehmen, Parosmie genannt. „Patienten beschreiben dann zum Beispiel, dass der Kaffee nach Benzin riecht“, sagt Prof. Hilmar Gudziol, Studioexperte bei Hauptsache Gesund. Seit 40 Jahren ist der HNO-Arzt von der Uniklinik Jena auf Patienten mit Riechstörungen spezialisiert. An großen Kliniken wie in Jena oder der Uniklinik Dresden finden solche Patienten in speziellen Riechsprechstunden Hilfe.

Stürze, Infekte und Krankheiten als Auslöser für Geruchsverlust

Häufige Ursachen für den Verlust des Riechsinns sind ein Sturz auf den Hinterkopf, Infektionen und chronische Entzündungen der Nase. Hinzu kommt, dass Medikamente, einzelne Antibiotika oder eine Chemotherapie zum Beispiel, sowie Chemikalien eine Riechstörung auslösen können. "In Einzelfällen kann eine Riechstörung auch einer Erkrankung wie Parkinson vorausgehen. Etwa sechs Jahre vor den kognitiven Störungen findet man schon Symptome einer Riechstörung", so Prof. Gudziol. Häufig können auch Menschen mit einer Demenz schlecht riechen. Was umgekehrt aber nicht heißt, dass jeder, der eine Riechstörung hat, auch eine Demenz oder Parkinsonerkrankung entwickelt.

Tests mit Riechstiften

Eine junge Frau riecht an ihrer Bluse
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Neben der Untersuchung des Nasen-Rachen-Raums, der Nasennebenhöhlen und der Schleimhaut der Riechspalte werden auch bildgebende Verfahren wie ein MRT zur Ursachenforschung eingesetzt. Zudem kann mit Riechstiften, sogenannten "Sniffin‘ Sticks", das Ausmaß einer Riechstörung bestimmt werden. Diese Stifte enthalten unterschiedliche Düfte, die der Patient etwa drei Sekunden unter die Nase gehalten bekommt. Dabei wird überprüft, ob der Patient die Gerüche benennen kann, wie gut er sie voneinander unterscheiden kann und wie intensiv ein Duft sein muss, damit er ihn wahrnehmen kann. Das Schmeckvermögen wird mit süßen, sauren, bitteren und salzigen Testlösungen oder Filterpapierstreifen getestet. Mit der Aufzeichnung sogenannter "olfaktorisch oder gustatorisch evozierter Potentiale" kann der Geruchs- und der Geschmackssinn ganz objektiv gemessen werden. Dazu leitet der Arzt während einer standardisierten Riechprüfung die Hirnströme ab (EEG).

Behandlung braucht Geduld

Je nach Diagnose wird die der Riechstörung zugrunde liegende Erkrankung behandelt. Chronische Entzündungen der Nase und Nasennebenhöhlen haben gute Prognosen. Antientzündliche Medikamente oder kleinere operative Eingriffe können hier für Besserung sorgen. Bei Riechstörungen durch Medikamente kann der Wechsel des Präparates Besserung bringen. Sehr eingeschränkt sind die therapeutischen Möglichkeiten dagegen bei Riechstörungen durch ein Schädel-Hirn-Trauma. "Hier ist die Prognose leider nicht besonders gut. Aber man sollte trotzdem die Hoffnung nicht verlieren. Ich hatte mal einen Patienten, der nach sieben Jahren wieder riechen konnte", macht Professor Hilmar Gudziol Mut.

Training für die Riechzellen

Eine junge Frau hält sich Räucherstäbchen unter die Nase
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Wichtig für die betroffenen Patienten ist, dass sie auch selbst ihre Riechzellen schulen. Denn der Riechssinn kann trainiert werden wie ein Muskel. Neuroplastizität nennt das der Fachmann. "Wir wissen, dass der Riechsinn ein Sinnesorgan ist, das sich regenerieren kann. Man kann durch Training das Riechen verbessern“, so Professor Gudziol. Bei Infekt bedingten Riechstörungen beispielsweise ist ein Riechtraining mit vier Gerüchen und jeweils drei Schnüffelserien morgens und abends sind eine wichtige Zusatztherapie. Um einen Erfolg zu sehen, sollte man das Riechtraining allerdings mindestens vier Monate lang durchhalten. Für das Riechtraining gibt es kommerzielle Duftstifte, man kann aber auch herkömmliches Aromaöl oder Gewürze benutzen. "Vor allem sollte man sich angenehme Gerüche aussuchen wie Rose, Eukalyptus oder Zitrone. Der Mensch soll ja Freude am Training haben", empfiehlt Prof. Gudziol.

Schon gewusst?

Der Mensch riecht nicht nur beim Einatmen.

Unsere Riechschleimhaut in der Nase ist drei bis fünf Quadratzentimeter groß. Auf ihr befinden sich rund 30 Millionen Riechzellen. Düfte erreichen diese Riechzellen allerdings nicht nur über das Einatmen mit der Nase, sondern auch beim Ausatmen oder beim Schlucken. Wir können also auch "von hinten" durch die Nase riechen. Wenn wir uns die Nase zuhalten, fehlt uns der Feingeschmack. Denn unser Geschmacksinn allein unterscheidet nur fünf Richtungen: süß, salzig, sauer, bitter und umami, ein Geschmack ähnlich einer Fleischbrühe.

Frauen können besser riechen als Männer.

Der Geruchssinn ist bei Frauen sensibler als bei Männern. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Frauen Gerüche besser erkennen und zuordnen können als Männer. Vermutlich liegt das an unseren genetischen Anlagen. Frauen waren in der Steinzeit schließlich als Sammler von Früchten und Blüten unterwegs.

Der Geruchssinn wird im Alter schlechter.

Riechzellen können sich immer wieder regenerieren. Allerdings nimmt diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter ab. Es sterben mehr Zellen ab, als neue gebildet werden. Statistisch gesehen haben Männer ab 85 Jahren den schlechtesten Geruchssinn.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 11. Oktober 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2018, 09:24 Uhr