Frau kühlt schmerzende Schulter
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Hauptsache Gesund | 17.05.2018 | 21:00 Uhr Wie viel Belastung verträgt die Schulter?

Damit das Schultergelenk lange und ohne Schmerzen beweglich bleibt, ist das richtige Maß an Belastung entscheidend. Probleme bekommen wir, wenn wir das Gelenk überfordern – oder es auf Dauer zu wenig belasten.

von Jörg Simon

Frau kühlt schmerzende Schulter
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Kein anderes Gelenk im Körper erlaubt Bewegungsumfänge wie unsere Schulter. Der Nachteil: Die Schulter ist damit auch anfälliger für Überlastungen, Verletzungen und Verschleiß. Für Stabilität im Gelenk soll eine Kombination von Muskeln und Sehnen sorgen

Schulterverletzung beim Sport

Grafische Darstellung der Anatomie eines Schultergelenks
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Benjamin Krumm aus Leipzig ist begeisterter Beach-Volleyballer. Doch bei einem Hechtsprung passierte es – der 27-Jährige zog sich eine sogenannte SLAP-Läsion zu. Das ist eine englische Abkürzung und bedeutet: "superior labrum anterior posterior". Zur Erklärung: Der Rand der Schulterpfanne ist rundherum von einer knorpeligen Lippe umgeben, dem sogenannten Labrum. Am Labrum ist auch die lange Bizepssehne verankert, eine der beiden Sehnen des Bizepsmuskels. Vereinfacht gesagt: Eine SLAP-Läsion ist ein Riss in der Knorpellippe am Oberrand der Schulterpfanne. Die Gefahr: Die lange Bizepssehne kann sich schließlich ablösen. Eigentlich wollte Benjamin Krumm abwarten, bis die Schmerzen von allein verschwinden. Glücklicherweise entschied er sich dann doch für einen Arztbesuch, bei dem ihm eine sofortige OP empfohlen wurde.

Zuviel Ehrgeiz ist Gift für die Schulter

Viele Schulterprobleme entstehen durch Überlastung. Oft sind das scheinbar gar keine dramatischen Verletzungen. Doch selbst winzige Einrisse, sogenannte Mikrotraumen, können fatale Folgen haben. Das betrifft Menschen ab der Lebensmitte häufiger als junge Frauen und Männer. Mit zunehmendem Alter kann der Körper dieses Gleichgewicht zwar noch halten. Was er aber nicht mehr kann, ist, ein entstandenes Ungleichgewicht ohne Unterstützung wieder ins Gleichgewicht zurückzuführen. Deswegen gibt es so viele Verletzungen bei älteren, übermäßig ehrgeizigen Sportlern, die es mit den Gewichten im Kraftraum, den Distanzen beim Schwimmen oder dem Schwierigkeitsgrad beim Klettern übertreiben.

Verschiedene Schulterprobleme

Zehn bis zwölf Prozent der Deutschen klagen über schmerzhafte Beschwerden in der Schulter. Viele von ihnen hören bei der Diagnose dann das Wort Impingement-Syndrom. "Impingement" bedeutet "Engpass". Es schmerzt vor allem dann, wenn der Arm seitlich angehoben wird, aber auch beim Liegen auf der Seite. Das Problem ist eine Engstelle unter dem Schulterdach. Verletzungen oder Fehlbelastungen führen hier zu Schwellungen. Die Sehnen werden eingeklemmt und können nicht mehr frei gleiten. Mitunter verschlimmert ein Knochensporn den Engpass weiter und schränkt die Beweglichkeit weiter ein. Das Engpasssyndrom quält meist Menschen mittleren Alters, also in der Gruppe zwischen 30 und 50 Jahren.

Ein weiteres häufiges Krankheitsbild: die sogenannte Kalkschulter. Dabei bilden sich tatsächlich Kalkablagerungen zwischen den umgebenden Sehnen. Dadurch kommt es zu Verengungen. Häufig betroffen ist die Rotatorenmanschette. Bewegungen können nur noch unter Schmerzen ausgeführt werden. Was genau zur Bildung der Kalkablagerungen führt, ist bisher noch nicht geklärt. In vielen Fällen bilden sich diese Ablagerungen von allein zurück.

Bei einer Arthrose im Schultergelenk ist die schützende Knorpelschicht zwischen den Knochen angegriffen. In der Folge reiben die Knochen aneinander und schleifen sich ab. Der Arzt sieht den Befund auf dem Röntgenbild. Ursache ist meist starke Beanspruchung des Gelenks, im Beruf oder beim Sport. Die Folgen werden dann aber oft erst im höheren Alter spürbar. Bei den über 60-Jährigen mit Schulterbeschwerden ist in zwanzig Prozent der Fälle eine Arthrose die Ursache.

Frau mit Schulterschmerzen
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Schultersteife, auch Frozen Shoulder genannt, ist Folge einer schmerzhaften Entzündung der Gelenkkapsel. "Frozen" bedeutet "eingefroren". Die entzündete Gelenkkapsel schrumpft und verklebt. Nach einiger Zeit lassen zwar die Schmerzen nach, dafür wird das Gelenk immer steifer. So fällt besonders das Heben des Armes schwer. Diabetiker sind besonders oft betroffen. Außerdem leiden Frauen häufiger unter einer versteiften Schulter als Männer.

Auch ein Sehnenriss kann Schulterbeschwerden auslösen. Häufig ist es eine der Sehnen der Rotatorenmanschette, die den Oberarmkopf an seinem Platz hält. Wenn zum Beispiel die obere Sehne reißt, rutscht der Knochen im Gelenk nach oben. Die Betroffenen haben dann keine Kraft mehr im Arm, vor allem beim Heben bis über den Kopf. Schmerzen treten besonders nachts auf.

Wann zum Arzt?

Aus zunächst kleineren Schulterproblemen können später chronische Beschwerden werden. Dadurch wird auf Dauer die Beweglichkeit schmerzhaft eingeschränkt. Die Hoffnung, dass sich die Beschwerden schon von allein bessern würden, trügt in vielen Fällen. Faustregel: Halten Schmerzen länger als zwei Wochen an, treten sie regelmäßig auf oder fühlt sich der Schulterbereich kraftlos an, sollten Sie zum Arzt gehen.

Wird zu viel operiert?

Im November 2017 machte eine Studie Schlagzeilen, über die das Fachmagazin "Lancet" berichtet hatte. Laut dieser Untersuchung der Universität Oxford hatte eine OP kaum Einfluss darauf, ob sich die Beweglichkeit anschließend verbesserte oder Schmerzen abklangen. Andere Mediziner, auch in Deutschland, sehen die Studie kritisch, vor allem, was die Auswahl der dabei eingebundenen Patienten angeht. Als pauschaler Beleg dafür, dass "zu viel operiert" werde, tauge die Studie nicht. Generell empfehle sich bei Schulterproblemen immer ein abgestuftes Therapieschema, bei dem eine OP erst nach Ausschöpfung konservativer Behandlungsansätze – also zum Beispiel Physiotherapie und Medikamente – in Frage kommt.

Zu wenig Belastung schwächt die Schulter

Wenn viele Schulterprobleme durch eine Überlastung entstehen – bedeutet das umgekehrt, dass wir durch größtmögliche Schonung der Schulter am besten vorbeugen können? Irrtum! Denn auch zu wenig Bewegung und Belastung kann dem Gelenk auf Dauer schaden und zum Abbau wichtiger Gelenkstrukturen führen. Das hat zwei Gründe. Erstens: Die für die Ernährung des Knorpels wichtige Gelenkflüssigkeit wird nur dann produziert, wenn mit Bewegungen ein Reiz gesetzt wird. Fehlt dieser Reiz, entsteht zu wenig Gelenkflüssigkeit. Der Knorpel wird schlecht ernährt, schrumpft, es kommt zur Arthrose. Zweitens: Muskeln brauchen Training. Gerade in der Schulter sind die Muskeln für die Führung des Gelenks besonders wichtig. Zu wenig Bewegung führt zum Schrumpfen der Muskeln, die Führung des Gelenks leidet, Störungen der Beweglichkeit und auch Schmerzen sind die mögliche Folge. Also am besten die Schulter immer mal "durchbewegen", und zwar in alle möglichen Bewegungsrichtungen. Moderate Belastungen sind wichtig – also nicht übertreiben, mit geringen Lasten und mit einer mittleren Anzahl von Wiederholungen üben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 17. Mai 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2018, 11:00 Uhr