Eine Labradorhündin neben einem Hundegeschirr mit der Aufschrift Therapiehund
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Hauptsache Gesund | 14.03.2019 | 21:00 Uhr Tierische Therapeuten

Sie helfen Demenzkranken, Schmerzpatienten oder Menschen mit Krebs. Tierische Therapeuten bringen Menschen zur Ruhe, lässt sie Wärme und Zuwendung empfinden. Wo liegen die Chancen, wo die Grenzen der Tiertherapie?

von Jörg Simon

Eine Labradorhündin neben einem Hundegeschirr mit der Aufschrift Therapiehund
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Sophie Mirolls wichtigste Helfer sind fünf Hühner und zwei Kaninchen. Mitunter stoßen noch zwei Esel zum Team. Es ist ein richtiger kleiner Zoo, mit dem sich die gelernte Krankenschwester auf den Weg in Pflegeheime rund um Dresden macht. Sophie Miroll ist, so der offizielle Titel, "Fachkraft für tiergestützte Intervention".

Die besondere Wirkung der Tiere

Ein braunes Huhn wird von der Hand eines älteren Menschens gestreichelt.
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Sie arbeitet mit Behinderten und Kindern, am liebsten aber mit Demenzpatienten. "Demente Menschen leben in ihrer eigenen Welt und schaffen es immer seltener zurück in unsere. Sie sprechen kaum noch. Wenn da aber so ein Tier kommt, das einfach da ist, unvoreingenommen und ehrlich – dann ist es egal, ob man noch einen kompletten Satz sagen kann oder zehnmal das Gleiche erzählt."

Der Kontakt mit den Tieren schließt die Menschen auf, lässt sie wieder sprechen, bringt Erinnerungen hoch. Das funktioniert gerade mit Hühnern und Kaninchen besonders gut, denn solche Tiere haben viele Heimbewohner früher selbst gehalten – nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten, im Hinterhof.

Etwas Sinnvolles tun

Viele Patienten haben plötzlich wieder das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, wenn sie einem Kaninchen auch nur ein Salatblatt hinhalten. Andere genießen einfach das Gefühl von Nähe und Wärme beim Umarmen der Tiere.

Dass sich Tiere positiv auf Demenzerkrankte auswirken, zeigen nicht nur Forschungsergebnisse deutlich. Kaum sind Sophie Mirolls Tiere auf dem Tisch, verändert sich bei den Menschen ringsum die Miene. "Es ist immer schön zu sehen, was für Freude die Tiere einfach bringen. Da wird immer viel gelacht", sagt die Dresdnerin.

Die Interaktion mit Tieren zeigt besonders bei Dementen erstaunliche Effekte. Soziale, psychische und physische Faktoren werden positiv beeinflusst. Das Gedächtnis wird aufgefrischt und die Kommunikation angeregt. "Am Anfang sitzen die Patienten einfach nur da, warten erst mal ab und gucken irgendwie ins Leere. Und sobald dann die Tiere da sind, werden sie viel wacher im Blick, und dann sieht man, okay, jetzt sind sie hier."

Motivation durch den Therapiehund

Fine ist sieben und ein weißer Pudel. Paulina ist fünf, ein silbergrauer Golden Doodle. Mit den beiden Hunden geht die gelernte Erziehungswissenschaftlerin Susanne Wille in heilpädagogische Gruppen in Kindergärten und in Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Erfurterin bildet auch Teams von Therapeuten und Therapiebegleithunden aus. Was müssen solche Hunde können? "Das hängt davon ab, was man mit dem Tier erreichen möchte", sagt Susanne Wille. Natürlich muss so ein Hund Mindeststandards erfüllen, also aggressionsfrei sein, offen, tolerant, einen Grundgehorsam haben, sich an der Leine führen lassen und auf Grundkommandos reagieren. "Wenn ich mit so einem Hund aber zum Beispiel Wachkomapatienten besuchen möchte, zu denen er sich ins Bett legen soll, dann brauche ich einen Hund, der sich eher langsam und vorsichtig bewegt und sich in fremden Betten eben auch wohlfühlt."

Schäferhund Cooper besucht eine Seniorin.
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Anders, wenn der Hund für die tiergestützte Therapie mit psychisch behinderten erwachsenen Menschen eingesetzt werden soll. Dafür braucht man ein körperlich besonders unempfindliches Tier, das auch dann nicht in Panik ausbricht, wenn es besonders fest gestreichelt wird. Für Kindergärten wiederum, erzählt Susanne Wille, eignet sich am ehesten ein Hund, der zum einen feinfühlig ist, zum anderen aber auch gut mit Lärm umgehen kann.

Was kann Susanne Wille mit den Hunden in der Therapie erreichen? Fine und Paulina sorgen bei Kindern und Jugendlichen vor allem für Motivation, für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. "Die Hunde haben eine Eisbrecherfunktion", sagt Susanne Wille. Über den Hund komme man mit Kindern schneller ins Gespräch, das gewohnte Setting wird aufgebrochen. Die Erfurterin geht mit ihren Hunden sogar in die Bibliothek, um dort Leseförderung mit Kindern anzubieten – für jede Seite, die geschafft wird, können die Kinder den Tieren ein Leckerli geben. Auch im Sport gibt es die Möglichkeit, mit den Hunden zu motivieren – da hängt der Beutel mit den Hunde-Leckerlis schon mal an der Sprossenwand, und wer den Hund füttern möchte, muss sich ein bisschen anstrengen.

Therapiehund in der Klinik

Im Leipziger Helios-Parkklinikum gibt es ebenfalls eine Therapiehündin. Sie heißt Alice, ist 20 Monate alt, hat gerade ihre Ausbildung abgeschlossen und hilft nun jungen Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Meist wird sie in der "Tagesklinik für frühe Interaktionsstörungen" eingesetzt. Chefarzt Dr. Andries Korebrits: "Der Hund hat hier eine richtige Rolle als Therapeut, der liegt nicht einfach nur so in der Ecke." Bei den Therapieeinheiten mit Alice geht es darum, das Aufbauen von Beziehungen zu üben, das Vertrauen, den Wechsel von Nähe und Distanz – all das lässt sich mit einem Hund sehr gut trainieren.

Oft kommen die jungen Patienten sehr misstrauisch in den Raum, doch wenn sie den Hund erblicken, verschwinden die Hemmschwellen. Der Hund macht sie auch zugänglicher für andere Arten von Therapien. Für viele Kinder ist es wichtig zu erfahren, dass sie den Hund auch sanft steuern können. Sie erleben, wie es ist, selbst über jemand anderen zu bestimmen und nicht immer nur Aufträge zu erfüllen.

Beliebte Therapietiere

Tiergestützte Therapien werden inzwischen mit zahlreichen Tierarten angeboten – bei weitem nicht nur mit Hunden, Hühnern, Kaninchen oder Meerschweinen. Häufig kommen sanftmütige Alpakas zum Einsatz, Lamas, mitunter auch Schweine, und die Mecklenburgerin Jessica Schroth lädt sogar zum Kuscheln und zur Reittherapie mit Kühen ein – für die Therapie von Burnout-Patienten und hyperaktiven Kindern. In die Diskussion geraten ist aus Tierschutzgründen allerdings die Delfintherapie, die eine Zeit lang für die Behandlung von Kindern angeboten wurde.

Wie wirkt Tiertherapie?

Prinzipiell kann das Tier in der Therapie mehrere Rollen einnehmen. Bei Hunden etwa gibt es zum einen die Besuchshunde, die zum Beispiel Wachkomapatienten oder Schmerzpatienten besuchen und durch ihre bloße Nähe eine Wirkung erzeugen – bei Wachkomapatienten lässt sich nach der Berührung durch das Tier zum Beispiel eine Veränderung des Pulsschlags messen. Auf der anderen Seite gibt es Therapiebegleithunde. Das können Hunde sein, die einem Menschen unmittelbar helfen, als Kraftspender oder Seelentröster in Lebenskrisen und bei psychischen Problemen. Aber auch Hunde, die einen Therapeuten bei der Arbeit unterstützen, Logopäden zum Beispiel oder Ergotherapeuten.

Gesichert ist, dass Hunde auf vielfältige Weise Einfluss auf unsere körperliche und seelische Gesundheit haben. Sie helfen dabei, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, wirken ausgleichend, ermutigen dazu, uns zu bewegen. Damit haben sie Einfluss auf Faktoren wie Übergewicht, Blutdruck und Blutfette.

Bei Pferden wiederum wirkt nicht nur die Bindung an das Tier positiv auf die Gesundheit. Eine Reittherapie kann bei Erkrankungen des Bewegungsapparates helfen. Bei Menschen mit psychischen Problemen kann der Umgang mit diesen großen Tieren auch besonderes Selbstvertrauen geben.

Wie steht es um den Tierschutz?

Sophie Miroll sieht genau, wann ihre Tiere genug haben vom Einsatz als Therapeut. Länger als eine Stunde lässt sie Hühner und Kaninchen nie bei den Patienten. Wenn eines der Tiere sichtlich gestresst ist – bei den Kaninchen sieht man das daran, dass sie die Ohren anlegen und hektisch atmen –, ist auch schon vorher Schluss. "Ich halte meine Tiere auch nicht fest", sagt sie. Wenn die Hühner zurück in ihre Kiste wollen, dann werden sie daran nicht gehindert.

Auch für Susanne Wille ist wichtig, dass ihre Hunde Spaß an der Sache haben. "Wenn Fine und Paulina schwanzwedelnd in den Kindergarten rennen, dann ist alles in Ordnung." Sie hat immer im Blick, wie es ihren Tieren bei den Therapiestunden geht. Ist der Hund noch mit Engagement dabei? Oder hängen Ohren und Rute? Mehr als dreimal pro Woche setzt sie die Hunde nicht ein, darüber wacht auch das Veterinäramt. Ihre zentrale Botschaft: Bitte nur ausgebildete Hunde in die Einrichtungen! "Wenn mein Hund zu Hause nett ist und sich mal von einem Kind streicheln lässt, heißt das nicht, dass er in einen Kindergarten passt, wo er es mit zwanzig bis dreißig kleinen Menschen auf einmal zu tun hat."

Talk mit einer Krankenschwester 5 min
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Zwei Frauen stehen vor einer Kuh 3 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 14. März 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 11:08 Uhr

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