Mann mit mobilem EKG vor der Brust
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Hauptsache Gesund | 30.08.2018 | 21:00 Uhr Vorhofflimmern: Wenn das Herz stolpert

Vorhofflimmern löst Ängste aus. Der Puls wir rasend schnell und unregelmäßig. Betroffene bekommen Atemnot und Schwindel. Meist gehen die Anfälle von selbst wieder vorbei. Sie können aber auch lebensgefährlich werden!

von Matthias Toying

Mann mit mobilem EKG vor der Brust
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Im Behandlungszimmer der Herzambulanz liegt ein 77-jähriger Patient: Kräftige Statur, volles graues Haar, sonnengebräunte Haut. Franz Bogdanski sieht gut aus für sein Alter. Nichts deutet darauf hin, dass er gerade in Lebensgefahr schwebt. Die Elektroden, verteilt auf Brust und Bauch, das unregelmäßige Piepsen des Pulsmessers und das besorgte Gesicht der Ärztin sprechen allerdings eine andere Sprache. Schon zwanzig Mal musste er in der Notaufnahme vorstellig werden, immer aus demselben Grund: Er leidet seit etwa drei Jahren unter Vorhofflimmern: "Viele merken das gar nicht oder nehmen es nicht wichtig", meint der pensionierte Elektroingenieur: "Ich aber spüre es deutlich an meinem Puls. Wenn’s dann schlimm wird, das heißt, längere Zeit dauert und ich gehe eine Treppe hoch oder ich bücke mich um etwas vom Boden aufzuheben, kriege ich keine Luft mehr, sobald ich wieder hochkomme."

Meuterei im Herzen

Bis heute haben die Mediziner keine schlüssige Erklärung für das Stolpern des Herzmuskels. Sie vermuten, es gibt nicht nur eine einzige, sondern verschiedene Ursachen dafür.

Computergenerierte biomedizinische Illustration des menschlichen Herzens
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Prof. Dr. Dietrich Andresen, Kardiologe am evangelischen Hubertus-Krankenhaus in Berlin, erklärt das Geschehen so: "Die Zellen, aus denen das Herz gebaut ist, spielen manchmal verrückt. Die sagen sich: ‚Wir erregen unser Herz jetzt alleine!‘ Darauf antworten andere Zellen: ‚Nein, wir erregen das Herz!‘ Unter diesem Druck gibt der "Oberbefehlshaber" des Herzens, der Sinusknoten, seine Funktion auf: ‚Na, dann macht ihr Eure Sache doch alleine.‘ Es ist fast wie bei einer Meuterei. Tausende von Zellen, die eigentlich dafür nicht zuständig sind, übernehmen das Kommando. Aber sie arbeiten nicht, wie es sein soll, also geordnet, in einem bestimmten Rhythmus, sondern in ihrem jeweils eigenen Takt. Es entstehen vollkommen chaotische Bewegungen, die wir als 'Flimmern' bezeichnen." So könne der ganze Herzmuskel nicht mehr richtig arbeiten. Er zittere nur noch, jedenfalls für eine Weile, solange der Anfall anhält. 

Vorbote des Schlaganfalls

Vorübergehende unregelmäßige Kontraktionen des Herzens wären an sich kein Problem. Doch die Natur hat uns sozusagen eine Falle gestellt. Im linken Vorhof unseres Herzens, befindet sich eine Ausbuchtung, die als "Herz-Ohr" bezeichnet wird.  Nach jeder Flimmerattacke verbleibt hier etwas Blut. Es kann nicht vollständig abgepumpt werden: "Darin liegt eine große Gefahr", erläutert Dr. Karin Rybak, Fachärztin für Herzerkrankungen in Dessau-Roßlau. Sie leitet die Arbeitsgruppe Rhythmologie des Bundesverbands niedergelassener Kardiologen: "Wenn Blut im Vorhof zurückbleibt, entstehen allmählich kleine Blutgerinnsel. Irgendwann lösen sie sich ab und wandern mit dem Blutfluss weiter, gelangen dann unweigerlich ins Gehirn. Hier können sie ein Blutgefäß, eine Gehirnarterie verstopfen. In diesem Moment tritt der Schlaganfall ein." Wenn ein Schlaganfall nicht zum Tod führt, hat er für die Betroffenen schwerwiegende Folgen. Fast immer werden einzelne Regionen des Gehirns, das Sprach- oder das Bewegungszentrum lahmgelegt. Viele müssen dann sehr mühsam wieder sprechen und laufen lernen. Schon deshalb ist es enorm wichtig, Vorhofflimmern rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Behandlung bisher unzureichend

Kardiologischer Eingriff Ärzte bei einem komplexen Eingriff mit einer biplanen Herzkathederanlage in einer Bonner Klinik.
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Die erste und wichtigste Maßnahme ist immer die Einnahme blutverdünnender Medikamente. Damit soll der Bildung von Blutgerinnseln vorgebeugt werden: "An dieser Stelle können wir übrigens mit einem Irrglauben aufräumen", sagt Dr. Karin Rybak: "Es wird vielleicht viel überraschen, dass Aspirin zur Vorbeugung von Blutgerinnseln unwirksam ist. Deshalb bringt es auch nichts, vor Flugreisen Aspirin einzunehmen." Man müsse es ganz klar sagen: Aspirin sei kein Blutverdünner und biete kein Schutz vor Thrombosen. Es gäbe neue wirksame Medikamente, sogenannte Antikoagulantia. Die verschreibe der Arzt. Nach der Blutverdünnung entscheidet der Kardiologe, ob und wie der Herzrhythmus wieder hergestellt werden kann. Die Palette der Möglichkeiten reicht von Medikamenten über den Elektroschock bis zu einem Eingriff am Herzen. Diese OP wird "Ablation" genannt und dauert etwa eine Stunde. Dabei trennt der Chirurg Lungenvenen vom Vorhof ab. Sie stehen im Verdacht, Vorhofflimmern auszulösen. Er verödet sie, entweder mit starker Kälte (Kryotechnik) oder mit starker Hitze (Lasertechnik). Die entsprechenden Instrumente werden endoskopisch, also mit langen Schläuchen, über Blutgefäße, direkt ins Herz geführt: "Doch diese Maßnahme ist leider oft unzureichend", klagt Dr. Constanze Schmidt, Leiterin eines Forscherteams an der Universität Heidelberg: "Viele Patienten müssen solche Behandlungen mehrfach über sich ergehen lassen, weil das Vorhofflimmern nicht vollständig beseitigt werden kann." Die Lungenvenen seien eben nicht die einzigen Auslöser der Erkrankung.

Neue Hoffnung für Patienten

Seit etwa zehn Jahren arbeitet Dr. Schmidt mit ihren Kollegen an der Entwicklung einer neuen wirksamen Methode, Vorhofflimmern zu behandeln. Viel Glück und der Zufall hätten dabei eine Rolle gespielt. Die Forscher untersuchten menschliche Herzzellen unter dem Mikroskop. Das Material dafür erhielten sie direkt aus ihrer Klinik. Reste menschlichen Herzmuskelgewebes fallen stets bei Operationen an und werden gewöhnlich entsorgt. Im Labor aber konnten sie zu Forschungszwecken genutzt werden. Zunächst entdeckten die Wissenschaftler, dass Zellen aus flimmernden, also kranken Herz - Vorhöfen anders aufgebaut sind, als gesunde Zellen. Sie fanden  große Mengen elektrisch leitender Kanäle, sogenannter Ionenkanäle. Wieder folgten jahrelange Experimente. Es galt eine Molekülstruktur zu finden, mit der die Kanäle verschlossen werden können, um die Weiterleitung elektrischer Signale zu unterbinden. Wie so oft in der Forschung, sei die Lösung überraschend gewesen, führt die Forscherin aus: "Es ist gelungen ein Medikament zu identifizieren, was hervorragend auf diesen Ionenkanal zur Blockade passt und bereits klinisch zugelassen ist." Eigentlich ein Medikament aus der Atemtherapie. Gegen Vorhofflimmern muss es erst getestet werden. Sein Name darf daher noch nicht genannt werden. Im Herbst 2018 beginnt eine klinische Studie. Dann werden freiwillige Patienten, die an Vorhofflimmern leiden, die Arznei testen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 30. August 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. August 2018, 13:14 Uhr

Experten im Studio

Experten im Studio

Dr. Karin Rybak
Fachärztin für Herzkrankheiten und Innere Medizin, Dessau-Roßlau

Prof. Dr. Stefan Langer
Neurologe, Universitätsklinikum Leipzig

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