Therapeutin und Patientin bei Physiotherapie
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Hauptsache Gesund | 19.04.2018 | 21:00 Uhr Rückenschmerzen: Wenn die Wirbelsäule für Beschwerden sorgt

Rückenschmerzen sind ein Volksleiden. Statistisch gesehen geht jeder Deutsche mindestens einmal in seinem Leben wegen starker Rückenschmerzen zum Arzt. Rückenleiden und andere Muskel-Skelett-Erkrankungen machen nach einem Bericht der Krankenkasse DAK 22 Prozent aller Krankschreibungen aus. Warum ist unser Kreuz so anfällig und wie werden Rückenleiden am besten behandelt?

von Barbara Legner-Meesmann

Therapeutin und Patientin bei Physiotherapie
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Das menschliche Rückgrat ist ein Wunderwerk. 24 beweglich gelagerte Wirbel tragen Rumpf, Kopf und Arme. Prall mit Flüssigkeit gefüllte Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern puffern jeden Stoß ab. 143 Muskeln, die meisten nur wenige Zentimeter lang und nicht willentlich kontrollierbar, halten die Stütze aufrecht und reagieren blitzschnell auf  kleinste Schwankungen.

Eine Frau macht Kopfstand auf einem Feldweg
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"All diese Strukturen sind ganz dicht mit Nerven besetzt und damit sehr schmerzempfindlich", sagt der Wirbelsäulen-Experte Dr. Patrick Strube vom Waldklinikum Eisenberg in Thüringen. Jede einzelne Struktur, ob Wirbel, Bandscheibe oder Muskel, ist auch eine potentielle Schmerzquelle. Zugleich sind alle Strukturen rund um das Rückgrat so eng miteinander verflochten, dass etwa ein Problem an einer Bandscheibe auch zu Schmerzen an den Wirbeln oder den Muskeln führen kann. Daher ist es für die Ärzte immer eine Herausforderung, genau herauszufinden, was das ursprüngliche Problem ist.

Eine umfassende Erstuntersuchung

Ein Arzt zeigt einer Patientin auf einem Bildschirm eine Röntgenaufnahme der Wirbelsäule.
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Kommt ein Patient mit Rückenschmerzen zum Orthopäden, sollte dieser deswegen zunächst ein umfassendes Gespräch über mögliche Vorerkrankungen, Unfälle und Verletzungen führen. Auch die aktuelle Stressbelastung sollte zur Sprachekommen, denn psychische Belastungen können ebenfalls zu Rückenschmerzen führen. Anschließend sollte sich der Experte anschauen, ob das Becken gerade ist, die Beine gleich lang sind und ob alle Reflexe in den Beinen funktionieren. Schließlich sollte er durch Abtasten des Rückens mögliche Schmerzquellen aufspüren.

Eine teure Diagnostik mit Röntgenaufnahmen oder gar einem 3-D-Scanner sei dabei zunächst nicht vonnöten, sagt Wirbelsäulen-Experte Patrick Strube. Vielmehr sei die nur angezeigt, wenn ein Unfall vorliegt, eine schwere Vorerkrankung, wie Krebs oder Osteoporose vorhanden ist oder Lähmungserscheinungen in den Beinen auftreten. Dann sollten möglichst schnell Aufnahmen der Wirbelsäulen gemacht werden.

Die beste Therapie bei Rückenschmerzen: der multimodale Ansatz

Nach den aktuellen nationalen Leitlinien zur Behandlung von Kreuzschmerzen sollen die Patienten am besten mit einer sogenannten multimodalen Therapie behandelt werden. Sie sieht eine Kombination aus Physiotherapie, Krankengymnastik, Schmerzbehandlung und Psychotherapie vor.

Auch am Klinikum Eisenberg wird die multimodale Therapie angewandt – mit großem Erfolg. "Wir sehen immer wieder, dass das die Therapie ist, die die größten Erfolge hat und für die Patienten am besten ist", sagt Wirbelsäulenexperte Dr. Strube. Auch zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit der multimodalen Therapie. Gerade auch Patienten mit chronischen Rückenschmerzen profitieren von diesem ganzheitlichen Ansatz, so der Experte. Denn wenn jemand mehr als sechs Wochen Schmerzen hat, bildet der Körper ein sogenanntes Schmerzgedächtnis aus. Der Schmerz brennt sich quasi in den Körper ein, wird selbst dann noch empfunden, wenn vielleicht die ursprüngliche Schmerzquelle gar nicht mehr da ist. In diesem Fall muss der Patient unter Anleitung auch richtig Körper und Geist trainieren, um den Schmerz nicht mehr zu empfinden.

Obwohl der multimodale Ansatz so hilfreich ist und auch den Behandlungsleitlinien entspricht, wird er bislang nur bei den wenigsten Rückenpatienten angewendet.

"In der Realität ist es nämlich so, dass die Krankenkassen sehr hohe Hürden aufgebaut haben, ehe eine multimodale Therapie verordnet werden darf. Da muss der Patient dann schon operiert sein und über lange Zeit auf sehr starke Schmerzmittel angewiesen sein, ehe die Kasse eine multimodale Therapie bezahlt", sagt Wirbelsäulen-Experte Dr. Patrick Strube. Hier müsse sich im Sinne der Patienten noch Einiges ändern.

Hightech im Rücken – Ein variables Implantat aus Görlitz

zwei Chirurgen bei einer Operation
Dr. Marcus Eif (rechts) hat aus seiner Erfahrung mit anderen Implantaten sein eigenes Implantat entwickelt. Bildrechte: Klinikum Görlitz

Wenn die Bandscheiben, die Stoßdämpfer unserer Wirbelsäule, porös werden oder abgenutzt sind, bleibt häufig nur eine Operation mit einem Bandscheibenersatz. Der Neuro-Chirurg Dr. Markus Eif vom Städtischen Klinikum in Görlitz hat sich immer wieder über die existierenden Implantate geärgert, weil sie sich nicht an die natürliche Krümmung der Wirbelsäule anpassen ließen. Irgendwann beschloss er, selbst ein Implantat zu entwickeln. Mit Freunden werkelte er monatelang in seinem Keller, bis er den Rohling für ein neues Bandscheiben-Implantat entwickelt hatte.

Der Clou: Der Winkel seines Implantats ist variabel und lässt sich noch während der OP entsprechend der Gegebenheiten anpassen. Der findige Chirurg konnte eine Medizintechnik-Firma in Baden-Württemberg für seine künstliche Bandscheibe begeistern. Sie produziert den Gelenkersatz aus Titan nun in Serie mit dem 3-D-Drucker.

Qualitätsoffensive bei der Wirbelsäulenbehandlung

Ein Skalpell auf blauem Hintergrund.
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Generell wird in Deutschland eher zu häufig an der Wirbelsäule operiert. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung vom vergangenen Sommer ergab, dass die Anzahl der Operationen seit 2007 um 71 Prozent zugenommen hat. Die Zahl der Krankenhausaufenthalte wegen Rückenleiden stieg auf über  600.000 pro Jahr an.

Diese Zahlen haben auch die Deutsche Gesellschaft für Wirbelsäulen-Chirurgie alarmiert. Sie versucht nun, die Zahlen sowie Informationen zu den Operationen in einem eigenen Wirbelsäulenregister zu erfassen. Außerdem hat sie damit begonnen, spezialisierte Kliniken als Wirbelsäulenzentren zu zertifizieren. Die unabhängige Patientenberatung in Berlin rät allgemein dazu, sich vor einem operativen Eingriff die Meinung eines zweiten Experten einzuholen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 19. April 2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2018, 22:20 Uhr

Grafik - Wirbelsäule 1 min
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