Abtreibung in Polen Null Toleranz für Schwangerschaftsabbruch

Demonstration für das Recht auf Abtreibung
450.000 Menschen haben für ein totales Abtreibungsrecht unterschrieben. Bildrechte: IMAGO

In Warschau hat das polnische Parlament mit seinen Beratungen über eine gesetzliche Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs begonnen. Zwei Vorschläge fordern ein Totalverbot. Treibt eine Frau trotzdem ab, sollen sie und der behandelnde Arzt mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Ein von der katholischen Kirche unterstützter Entwurf will ebenfalls ein kompromissloses Abtreibungsverbot, die Frauen sollen jedoch straffrei bleiben, wenn sie ihre Schwangerschaft illegal beenden. Einem dritten Vorschlag, der einen Schwangerschaftsabbruch zwölf Wochen straffrei stellen will, werden keine Chancen eingeräumt.

Eine Bürgerinitiative hatte in den vergangenen Monaten 450.000 Unterschriften für ein totales Abtreibungsverbot gesammelt. Ministerpräsidentin Beata Szydlo und der Chef der Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski, haben die Initiative der Abtreibungsgegner unterstützt.

Abtreibung schon jetzt kaum möglich

Abtreibungsgegner während einer Demonstration gegen Abtreibung in Warschau.
Arbeiten mit Schockbildern: Die Abtreibungsgegner ziehen alle Register. Bildrechte: IMAGO

Zurzeit dürfen Frauen in Polen eine Schwangerschaft in drei Fällen legal abbrechen: wenn sie vergewaltigt wurden, wenn der Fötus irreversibel schwer geschädigt ist und wenn Gefahr für das Leben der Mutter besteht. Doch tatsächlich ist es kaum möglich, eine Schwangerschaft legal abzubrechen. Denn viele Ärzte haben eine Gewissensklausel unterschrieben, mit der sie sich verpflichten, keine Abtreibungen durchzuführen. Entsprechend wenige Schwangerschaftsabbrüche gibt es. 2013 wurden offiziell 744 Abtreibungen registriert.

Mit dem Reisebus zum Schwangerschaftsabbruch

Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Nach Schätzungen der Konrad-Adenauer-Stiftung werden zwischen 60.000 und 120.000 Abtreibungen illegal durchgeführt. Wer es sich leisten kann, fährt in eine Klinik nach Deutschland, Österreich, Tschechien oder in der Slowakei. Preiswerter ist ein Schwangerschaftsabbruch in Bulgarien zu haben. Frauen, denen die Mittel für einen illegalen Abbruch in Polen oder einen Klinikaufenthalt im Ausland fehlen, vertrauen auf Hausmittel.

"Ich hätte bewusst mein Leben riskiert"

Eine Mutter spielt mit ihrem Kind
Karolina mit ihrem Töchterchen. Es ist ein Wunschkind. Doch die junge Polin hat auch schon einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich. Eine schwierige Sache im katholischen Polen. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Eine Mutter spielt mit ihrem Kind
Karolina mit ihrem Töchterchen. Es ist ein Wunschkind. Doch die junge Polin hat auch schon einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich. Eine schwierige Sache im katholischen Polen. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Eine Frau weint
Das werde zu noch mehr Tragödien führen, ist sich Karolina sicher. Sie wisse, wozu Frauen bereit seien, die ein Kind nicht haben wollen, meint sie und kämpft mit den Tränen. "Ich hätte damals völlig bewusst mein Leben riskiert." Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Eine Momentaufnahme eines Neubaugebietes. Eine Mutter schiebt einen Kinderwagen.
Karolina hatte sich zu jung gefühlt für ein Kind und die Beziehung zum Kindsvater hatte keine Zukunft. Doch solche Befindlichkeiten reichen nach geltendem Recht in Polen nicht aus, um eine Schwangerschaft abzubrechen. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Ultraschallbild
Das ist derzeit nur möglich, wenn eine Frau vergewaltigt wurde, ihr Kind schwer geschädigt geboren werden würde oder wenn Schwangerschaft und Geburt das Leben der Mutter gefährden. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Ein Haus in Polen
Diese Klinik in Warschau hat regen Zulauf. Denn dort praktiziert der Gynäkologe Romuald Debski. Er führt Schwangerschaftsabbrüche durch. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Ein Arzt gibt ein Interview
Und ist überlastet. Er helfe, wo er kann, sagt er. Doch er sei einfach nicht im Stande, Frauen aus ganz Polen zu behandeln. Dazu kommt, dass seine chirurgischen Eingriffe gesellschaftlich umstritten sind. Er sei sich bewusst, dass seine Handlungen ständig überwacht würden. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Ein Pärchen sitzt im Wartesaal eines Krankenhauses
Wer keine Hilfe bei einem Gynäkologen wie Romuald Debski findet, sucht im sogenannten Untergrund nach Hilfe. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Ein Gesicht einer Frau nah
Etwas anderes war damals auch Karolina nicht übrig geblieben. Ein ausgesprochen gefährlicher Weg. Dilettantisch sei der Eingriff gewesen, erinnert sie sich. Sie habe sogar "irgendwelche" Instrumente halten müssen. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Ein roter Kleiderbügel
Dieser rote Kleiderbügel steht als Symbol für illegale und medizinisch oft laienhaft ausgeführte Abtreibungen. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Ein Polnisches Wort auf einer Tafel
Der Verein für Frauen und Familienplanung. Er versucht Frauen wie Karolina zu helfen. Doch viel tun können die Mitarbeiter nicht. Dürfen allenfalls darauf hinweisen, was andere Frauen in vergleichbaren Situationen tun. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Eine blonde Frau telefoniert im Büro
"Wir erleben viele tragische Geschichten von Frauen", sagt Vereinsmitarbeiterin Krystyna Kacpura. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Eine Momentaufnahme einer Straße
Die Abtreibungsgegner gehen seit Monaten in die Offensive. Sie sammeln Unterschriften und "klären auf". Dabei greifen sie zu durchaus ausdruckstarken Mitteln, wie man im Hintergrund sieht. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Eine Expertin spricht zum Thema Abtreibung
Anna Kiljan vom Verein "Recht auf Leben" rechtfertigt das Arbeiten mit Schockfotos. Man wolle, dass die Frauen auch wirklich verstünden, was eine Abtreibung sei, sagt sie. Es handele sich eben nicht um einen kosmetischen Eingriff. Bildrechte: ARD-Studio Warschau
Eine Mutter nimmt ihr Kind hoch
Dessen war und ist sich Karolina durchaus bewusst. Sie wisse aber auch, dass selbst die strengsten Gesetze nichts bewirken, wenn eine Frau zur Abtreibung entschlossen sei.
Für ihre Tochter wünscht sich Karolina, dass sie einmal frei über ihren eigenen Körper entscheiden darf.
Bildrechte: ARD-Studio Warschau
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Ein roter Kleiderbügel
Dieser rote Kleiderbügel steht als Symbol für illegale und medizinisch oft laienhaft ausgeführte Abtreibungen. Bildrechte: ARD-Studio Warschau

Einzigartig in Osteuropa

Dabei war es für Frauen in Polen bis 1993, als das derzeit geltende Abtreibungsgesetz in Kraft trat, völlig unproblematisch, sich gegen ein gezeugtes Kind zu entscheiden, so wie in nahezu allen anderen damaligen Ostblock-Ländern. Dort gelten auch heute noch die liberalen Abtreibungsregeln aus der sozialistischen Ära. In den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft können Frauen dort problemlos legal abbrechen.

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2016, 16:27 Uhr