Kazan
Symbol der ethnischen Vielfalt Tatarstans: Die orthodoxe Mariä-Verkündigungs-Kathedrale (mit Goldkupel) neben der 2005 errichteten Kul-Scharif-Moschee (Mitte) und dem Sujumbike-Turm (rechts), einer heiligen Stätte tatarischer Muslime. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Russland Republik Tatarstan: Reich, muslimisch und ein bisschen zu mächtig

Ob Südossetien oder die Ostukraine: Russland unterstützte in den vergangenen Jahren mehrfach Separatisten. Im eigenen Land versucht Moskau, solche Tendenzen aber im Keim zu ersticken, wie etwa in Tatarstan.

Kazan
Symbol der ethnischen Vielfalt Tatarstans: Die orthodoxe Mariä-Verkündigungs-Kathedrale (mit Goldkupel) neben der 2005 errichteten Kul-Scharif-Moschee (Mitte) und dem Sujumbike-Turm (rechts), einer heiligen Stätte tatarischer Muslime. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Bauman-Straße im Zentrum Kasans ist eines der Prunkstücke der Wolga-Metropole, 800 Kilometer östlich von Moskau. Akkurat gestutzte Linden säumen die eineinhalb Kilometer lange Fußgängerzone, dutzende Cafés und Bänke laden zum Verweilen ein, Musiker und Künstler sorgen für die passende Unterhaltung. Die zwei- bis dreistöckigen Gebäude mit ihren restaurierten Fassaden versprühen den Charme des vorkommunistischen Russlands.

Im Westen endet die Prachtstraße direkt vor dem Kasaner Kreml, der fast 500 Jahren alten Zitadelle der Stadt. Dort steht die orthodoxe Mariä-Verkündigungs-Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert. Direkt daneben erhebt sich die Kul-Scharif-Moschee, das zweitgrößte muslimische Gotteshaus Europas. Wenige Meter weiter wehen die rot-grünen Flaggen der Republik Tatarstan, deren Hauptstadt Kasan ist.

Region mit besonderer Geschichte

Tatarstan ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Teil Russlands und nirgendwo wird das klarer, als im Herzen Kasans. Etwas mehr als die Hälfte der 3,8 Milllionen Bewohner der Region sind tatarische Muslime. Seitdem die Truppen des russischen Zaren Iwan des Schrecklichen das Gebiet 1552 erobert haben, genießen sie eine weitgehende Gleichbehandlung mit orthodoxen Russen. In der Bauman-Straße flanieren Kopftuch- und Minirock-tragende Russinnen unbehelligt nebeneinander.

1920, kurz vor der Gründung der Sowjetunion wurde Tatarstan von den Bolschewiki zur "Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik" (ASSR) erklärt. Während des Zerfalls der Sowjetunion verkündete Tatarstan 1990 jedoch seine Unabhängigkeit, unterschrieb aber bereits vier Jahre später einen Föderationsvertrag mit Russland, so wie 45 weitere Regionen des Landes. Kasan erkämpfte sich in den Verhandlungen mit Moskau jedoch weitreichende Sonderrechte, die keine andere Region erhielt.

Karte Tatarstan
Tatarstan liegt etwa 800 Kilometer östlich der russischen Hauptstadt Moskau. Die Region an der Wolga ist reich an landwirtschaflticher Nutzfläche und Rohstoffvorkommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wirtschaftskraft als Machtfaktor

Rustam Nurgalijewitsch Minnichanow, ehemaliger Ministerpräsident dvon Tatarstan
Staatsoberhaupt mit Sendungsbewusstsein: Der tatarische Präsident Rustam Nurgalijewitsch Minnichanow. Bildrechte: IMAGO

So hatte Tatarstan in der Folge weitreichende Selbstverwaltungsrechte im Steuer-, Sicherheits- und Justizwesen. Diese Sonderrechte wurden in der russischen Verfassung verankert und konnten ohne die Zustimmung des tatarischen Parlaments nicht verändert werden. Mit Rustam Minnichanow hat Tatarstan auch einen eigenen Präsidenten, der wie das Oberhaupt eines unabhängigen Staates agiert. Er ernennt etwa Minister und vertritt Tatarstan auf Auslandsreisen.

Darüber hinaus haben tatarische Behörden eine Mitspracherecht bei kulturellen, ökologischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Besonders auf seiner ökonomischen Bedeutung für Russland fußt der weitreichende Einfluss Tatarstans, das über enorme Erdöl- und Erdgasvorkommen verfügt. Die autonome Republik gilt nach dem Großraum Moskau als wirtschaftlich stärkste Region der russischen Föderation.

Auch im wichtigen IT-Sektor ist Tatarstan auf dem Vormarsch. So entsteht 40 Kilometer außerhalb Kasans mit Innopolis gerade Russlandes erste "Smart City", ein Wissenschaftsstandort für die Software- und Robotik-Forschung. Minnichanow wirbt auf seinen Auslandsreisen unentwegt um Wirtschaftskooperation mit westlichen Unternehmen, insbesondere in Deutschland. Entsprechend selbstbewusst tritt Tatarstan auch gegenüber dem Kreml auf, dessen Politik Minnichanow mehrfach kritisiert hat.

Gezielte Entmachtung durch Moskau

Die Privilegien waren Tatarstan unter dem damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin gewährt worden. So wollte Moskau eine Unabhängkeitsbewegung wie im ebenfalls muslimisch geprägten Tschetschenien vehindern, wo während der 1990er Jahren zwei blutige Kriege zwischen Separatisten und russischer Armee tobten. Auch andere Regionen erhielten damals mehr Privilegien, die jedoch nicht mit denen Tatarstans vergleichbar waren.

Nach dem Amtsantritt von Wladimir Putin im Jahr 2000 veränderte Moskau jedoch seine Politik gegenüber den autonomen Regionen und Republiken in Russland. Seitdem wurden keinen neuen Sondervereinbarungen mehr geschlossen. Denn in Moskau fürchtet man einen "Dominoeffekt", durch den immer mehr Regionen eine Selbstverwaltung nach tatarischem Vorbild fordern - oder sogar eine echte Unabhängigkeit. Und so wurden die regionalen Privilegien vom Kreml stückchenweise zurückgenommen.

Ende der Sonderrolle mit unabsehbaren Folgen

Die meisten der 22 offiziell autonomen Republiken in Russland haben heute keine Sonderrechte mehr. 2007 wurde der Sondervertrag zwischen Russland und Tatarstan zwar um zehn Jahre verlängert, jedoch mit erheblichen Einschnitten bei den Privilegien der Republik. Im Juli 2017 endete auch die Laufzeit dieser Vereinbarung. Trotz mehrfacher Aufforderungen Tatarstans zu einer weiteren Verlängerung ließ der Kreml ihn nahezu kommentarlos auslaufen. Seitdem sind die meisten Privilegien Tatarstans de facto hinfällig.

Tatarische Politiker gaben sich nach dem politischen Affront auffällig defensiv. Zwar werben sie seit dem Sommer weiter für eine Erneuerung des Vertrags, eine realistische Chance darauf zeichnet sich aber nicht ab. Auch der tatarische Präsident gab sich bei seiner jährlichen Ansprache im September zurückhaltend. "Die Beziehungen zum Zentrum (Moskau) sind wichtiger als ein Stück Papier", sagte Minnichanow, schob jedoch hinterher: unter den derzeitigen Umständen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 07.07.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017, 18:30 Uhr

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