Ein Schild das auf Radioaktivität hinweist.
Bildrechte: Katrin Molnár / MDR

32 Jahre nach Tschernobyl Belarus: Landwirtschaft auf verstrahlten Feldern?

Belarus hat bis heute mit den Folgen von Tschernobyl zu kämpfen. Doch die Regierung ist bemüht, Normalität herzustellen. Deshalb werden immer mehr kontaminierte Böden für die landwirtschaftliche Nutzung freigegeben. Ein Experiment mit Risiken und Nebenwirkungen.

von Martin Hlady und Katrin Molnár

Ein Schild das auf Radioaktivität hinweist.
Bildrechte: Katrin Molnár / MDR

Am 26. April 1986 explodierte Block vier des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine. Große Mengen an Radioaktivität wurden freigesetzt. Ein erheblicher Teil ging im benachbarten Belarus nieder. Ein Viertel des weißrussischen Territoriums wurde verstrahlt - vor allem im Gebiet Gomel, im Südosten des Landes. Große Flächen mussten gesperrt, 140.000 Menschen umgesiedelt werden. Belarus verlor ein Viertel seines Wirtschaftswaldes, etliche Minerallagerstätten und viele Industriebetriebe. Am schlimmsten für das traditionell landwirtschaftlich geprägte Land war jedoch der Verlust von Ackerboden. Ein Fünftel der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Belarus wurde kontaminiert. Allein dadurch gehen dem Land nach Angaben der weißrussischen Botschaft mehr als 700 Millionen US-Dollar pro Jahr verloren.

Osteuropa

Verstrahlt aber schön: Ein Naturparadies in Belarus nahe Tschernobyl

Sarkophag Tschernobyl
In Sichtweite des neuen Sarkophags, der den Unglücksreaktor im ukrainischen Tschernobyl verhüllt, erstreckt sich in Belarus eine Sperrzone. Seit 1988 ist sich die Natur hier völlig selbst überlassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Sarkophag Tschernobyl
In Sichtweite des neuen Sarkophags, der den Unglücksreaktor im ukrainischen Tschernobyl verhüllt, erstreckt sich in Belarus eine Sperrzone. Seit 1988 ist sich die Natur hier völlig selbst überlassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Strahlenmessgerät liegt im Grass und zeigt 2,61 millisievert an.
Das Dosimeter misst 2,6 Mikrosievert pro Stunde - mehr als das Zwölffache der durchschnittlichen radioaktiven Strahlung in Deutschland. Ein dauerhaftes Leben ist hier auch 32 Jahre nach der Reaktorkatastrophe unmöglich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Männer stehen vor einem Fluß der die weißrussisch-ukrainische Grenze markiert.
Wissenschaftler untersuchen an der weißrussisch-ukrainischen Grenze regelmäßig die Strahlungswerte. Radioaktiver Niederschlag verseuchte hier 1986 den Boden nicht nur mit Cäsium und Strontium, sondern auch mit Plutonium, das besonders lange strahlt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine alte verwitterte Bushaltestelle.
Eine Bushaltestelle an der ehemaligen Straße, die vom weißrussischen Gomel ins ukrainische Kiew führte. Seit 1986 hielt hier kein einziger Bus mehr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Haus hinter Bäumen.
Die Natur eroberte sich das damals evakuierte Gebiet Stück für Stück zurück, seitdem die weißrussische Regierung die Zone zum radiologisch-ökologischen Naturschutzgebiet "Polessja" erklärt hat.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Wisente stehen am Waldrand neben einer Straße.
Sogar Wisente haben sich angesiedelt. Eine Nuklearkatastrophe und eine mehr als drei Jahrzehnte folgende Abwesenheit des Menschen, haben ein Paradies für seltene Tierarten geschaffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Blick auf unberührte Natur.
Wie schon auf ukrainischer Seite rund um Prypjat will man auch hier in Belarus Extrem-Touristen eine Attraktion bieten. Unberührte Natur: verstrahlt aber schön. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann steht vor einer grünen Hecke und schaut Richtung Kamera. Nikolaj Woronetzki.
Nikolaj Woronetzki will den Tourismus in der Sperrzone aufbauen. Das an Attraktionen arme Weißrussland hofft, sich so eine Einnahmequelle zu erschließen. Mit dem Geld könnte das Land die Schäden, die der Reaktorunfall von 1986 verursacht hat, wenigstens zum Teil ausgleichen.
(Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: 27.04.2018)
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Osteuropa

Eine alte verwitterte Bushaltestelle.
Eine Bushaltestelle an der ehemaligen Straße, die vom weißrussischen Gomel ins ukrainische Kiew führte. Bis 1986 fuhr regelmäßig ein Bus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

1,3 Millionen Weißrussen leben in den Fallout-Gebieten

Mehr als 1,3 Millionen Menschen, darunter fast 500.000 Kinder und Jugendliche, leben nach wie vor in den vom Fallout betroffenen Gebieten. Das Trauma "Tschernobyl" wirkt bis heute nach. Die Umsiedlungen, der Verlust des Arbeitsplatzes, die Angst vor der Strahlung, die Sorge zu erkranken - all das hat auch sozial-psychologische Auswirkungen. Umso mehr sehnen sich die Menschen in der Oblast Gomel nach Normalität und einer Perspektive für die Zukunft.

Schon im Jahr 2000 hat die belarussische Regierung die Wiederherstellung der betroffenen Gebiete beschlossen und mit der systematischen Entgiftung der Böden begonnen. Seit einigen Jahren investiert der Staat auch in den Wiederaufbau und die Entwicklung der verstrahlten Regionen. Immer mehr Böden werden revitalsiert und in den Landwirtschaftskreislauf zurückgeführt. Es entstehen neue Betriebe, die Milch-, Käse- und Fleischprodukte sowie herstellen.

Saubere Lebensmittel aus der Fallout-Region?

Zwar strahlen die Isotope Cäsium-137 und Strontium-90 inzwischen nur noch halb so stark wie 1986, doch bis sie gänzlich zerfallen sind, wird es weitere 300 Jahre dauern. Landwirt Nikolaj Sadtschenko blickt trotzdem optimistisch in die Zukunft. "Mit einer kompetenten Arbeit, und wenn man jedes Feld und dessen Verschmutzung genau kennt, kann man hier saubere Lebensmittel erzeugen", ist Nikolaj Sadtschenko überzeugt. Als die Katastrophe geschah, war er Vorsitzender einer Kolchose im Gomeler Kreis Choiniki, direkt an der Grenze zum Reaktor. Er kennt sich aus im Umgang mit der Radioaktivität.

Nikolaj Sadtschenko mit Getreide
Landwirt Nikolaj Sadtschenko blickt optimistisch in die Zukunft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um die Ansammlung der gefährlichen Radionuklide in den Pflanzen so gering wie möglich zu halten, müssten die oberen Erdschichten regelmäßig tief untergepflügt und die Böden mit Spezialdünger behandelt werden. Darüber hinaus würden nur Pflanzen angebaut, die keine oder wenig radioaktive Nuklide anreichern wie Raps, Mais und Weizen. "Wenn es zu Mehl verarbeitet wird", so Sadtschenko, "ist das Getreide sauber, denn die Radionuklide befinden sich nur in der Schale". Landwirtschaft im verstrahlten Gebiet ist eine Wissenschaft für sich.

Gewonnen werden die Kenntnisse und Technologien auch auf der Grundlage von Experimenten in der "Sperrzone", die 1986 im Umkreis von 30 Kilometern um den Unglücksreaktor errichtet wurde. Seit 1998 existiert an ihrem äußeren Rand eine "experimentelle Wirtschaftszone". Wissenschaftler und Agrarökonomen erforschen dort, wie man in kontaminierten Gebieten Landwirtschaft und Tierhaltung betreiben kann. "Wir wissen, wie wir die Tiere füttern müssen, um die Cäsium-Normen einzuhalten", erklärt der Leiter der Experimentierzone, Nikolaj Woronetzki. "Die Tiere können sich auf kontaminiertem Gebiet befinden, aber wenn sie vier Monate lang sauberes Futter bekommen, verschwindet das Cäsium aus ihrem Körper." Cäsium-137-Ionen verteilen sich insbesondere im Muskelgewebe. Ihre biologische Halbwertszeit beträgt 110 Tage. Danach ist die Hälfte des Cäsiums wieder ausgeschieden. Mit Strontium-90 ist es problematischer: Aufgrund seiner chemischen Ähnlichkeit mit Calcium lagert es sich in den Knochen ein, reichert sich dort an und wird nicht ausgeschieden. Strontium zu messen ist aufwendig und sehr teuer. Es ist allerdings viel seltener als Cäsium in der Fallout-Region vorhanden.

Osteuropa

Unverantwortliche Experimente? Landwirtschaft in der Tschernobyl-Sperrzone

Überreste eines verfallenen Hauses im Wald.
96 Dörfer und Siedlungen wurden 1986 in Weißrussland nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl evakuiert und 216.000 Hektar Land gesperrt. Die Reste der ehemaligen Dörfer sind noch immer zu sehen - eine gespenstische Atmosphäre. Der Zutritt ist bis heute nur mit einer Sondergenehmigung möglich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Überreste eines verfallenen Hauses im Wald.
96 Dörfer und Siedlungen wurden 1986 in Weißrussland nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl evakuiert und 216.000 Hektar Land gesperrt. Die Reste der ehemaligen Dörfer sind noch immer zu sehen - eine gespenstische Atmosphäre. Der Zutritt ist bis heute nur mit einer Sondergenehmigung möglich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Schild mit kyrillisch geschriebenen Daten zur Strahlenbelastung an einer Straße. Im Hintergrund einige Häuser.
Im ehemaligen Dorf Babtschyn befindet sich der Stützpunkt der Experimentierzone, die 1998 eingerichtet wurde. 0,57 Mikrosievert pro Stunde beträgt die durchschnittliche Strahlung hier - fast das Dreifache der durchschnittlichen Strahlungsbelastung in Deutschland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Erlenmeierkolben in einer Reihe in einem Labor.
41 Wissenschaftler sind derzeit hier beschäftigt. Aufgrund der erhöhten Strahlung besteht ein Gesundheitsrisiko. Sie dürfen deshalb nur maximal zwölf Tage am Stück im Labor arbeiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Braune Wildpferde aus der Nähe auf einer grünen Wiese.
Obwohl die Pferde in der kontaminierten Zone weiden, entspricht ihr Fleisch den weißrussischen Cäsium-Grenzwerten. Durch spezielle Zufütterung wird die Ansammlung von Radionukliden im Pferdefleisch vermindert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Blutproben
Das Blut der Pferde wird regelmäßig kontrolliert. Einige Tiere werden auch als Zuchtpferde verkauft. Sogar der Präsident von Belarus, Alexander Lukaschenko, hat Interesse und will einen Hengst und eine Stute aus dem "Tschernobyler Gestüt" kaufen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Labor mit diversen Messinstrumenten. Rechts ein Mann am Schreibtisch vor einem Computer.
In der Experimentierzone gibt es ein Labor. Wissenschaftler und Agrarökonomen erforschen hier, wie man in radioaktiv kontaminierten Gebieten Landwirtschaft und Tierhaltung betreiben kann. Ihre Erkenntnisse helfen Weißrussland, die 1986 verstrahlten Regionen zu rekultivieren und wieder landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Braune Pferde auf einer Wiese. In der Ferne ein weißer Gebäudekomplex.
In der Experimentierzone lebt eine Herde halbwilder Pferde. Sie werden hier als Arbeitstiere gezüchtet, aber auch für die Fleischverarbeitungsbetriebe der Umgebung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann in Hemd und Sakko auf einer Wiese.
Nikolaj Woronetzki ist Chef der Experimentierzone. Rund 740 Menschen arbeiten unter seiner Leitung in der Sperrzone - darunter 360 Waldarbeiter, 41 Wissenschaftler, 90 Feuerwehrmänner, 20 Sicherheitsleute. Wer in der Sperrzone zehn Jahre gearbeitet hat, darf zehn Jahre früher in Rente gehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mehr als ein dutzend bunte Bienstöcke in einem umzäunten Garten. Links und rechts jeweils ein kleines Haus mit Giebelgeldach.
Auch mit Honig wird in der Sperrzone experimentiert. Im Gegensatz zu Pferden lassen sich Bienen nicht auf ein bestimmtes Territorium begrenzen. Umso interessanter ist für die Wissenschaftler, inwieweit die radioaktive Strahlung auf den Honig wirkt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Dessertglas mit dunklem Hönig und Löffel darin.
Die saubere Honigproduktion hängt von vielen Faktoren ab, wie Temperatur, Niederschlag und Wind. Im letzten Jahr war der Honig weit unter den erlaubten Grenzwerten und konnte sogar verkauft werden - wichtige Einnahmen für weitere Experimente. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Nikolaj Woronetzki mit Fahrer
Nikolaj Woronetzki und sein Fahrer sind stolz auf die Arbeit der Experimentierzone. Sie trägt maßgeblich dazu bei, dass Weißrussland heute führender Experte im Umgang mit Spätfolgen nuklearer Verstrahlung ist. Selbst Japan holt sich seit Fukushima regelmäßig Rat von Weißrussland. Solange weiter Kernenergie betrieben wird, sind solche Erkenntnisse wie aus der Experimentierzone unverzichtbar.
(Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: 27.04.2018)
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Schild mit kyrillisch geschriebenen Daten zur Strahlenbelastung an einer Straße. Im Hintergrund einige Häuser.
Im ehemaligen Dorf Babtschyn befindet sich der Stützpunkt der Experimentierzone, die 1998 eingerichtet wurde. 0,57 Mikrosievert pro Stunde beträgt die durchschnittliche Strahlung hier - fast das Dreifache der durchschnittlichen Strahlungsbelastung in Deutschland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weißrussische Strahlungsnormen für Lebensmittel sind strenger als in der EU

Tschubenoks Kühe
Spezialfutter macht's möglich: Milchwirtschaft auf verstrahltem Boden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Belarus fördert im Gebiet von Gomel vor allem die Milchwirtschaft. Nikolaj Tschubenok war Chef einer Firma für LKW-Ersatzteile in Minsk. 2015 stieg er im Gomeler Kreis Choniki ins Milchgeschäft ein. Der Staat erlässt ihm die Pacht und gewährt Steuervergünstigungen. Bis 2014 galt der Boden seines Betriebs als kontaminiert, heute weiden seine Kühe drauf. Stolz erklärt Tschubenok: "Vor kurzem kamen Leute zum Messen. Unser Gras ist in Ordnung und unsere Milch entspricht den Strahlungsnormen. Wir liegen sogar unter den Grenzwerten." Und die sind in Belarus sogar um einiges strenger als in der EU. Lebensmittel, die in Weißrussland als verseucht gelten, würden in der EU und damit auch in Deutschland immer noch als "sauber" eingestuft und verkauft werden dürfen.

Tschubenoks Milch wird von der staatlichen Molkerei im selben Ort zu Käse verarbeitet. Die Produkte werden sogar ins Ausland exportiert. Erst vor kurzem wurden Verträge mit China geschlossen. Dass alles innerhalb der Normen sei, versichert uns auch Wladimir Bondar, der Chef der Molkerei. Allerdings sei es sehr aufwendig und ohne Hilfe aus Minsk kaum möglich, sauber Milch zu produzieren. "Der Staat liefert uns den Spezialdünger", erklärt Bondar, und Futter und Milch müssten mit modernsten Geräten ständig auf Strahlung kontrolliert werden.

Landwirtschaft in den Fallout-Gebieten - nicht wirtschaftlich?

Juri Woroneschtsew, Physiker und Liquidator von Tschernobyl, betrachtet die Entwicklung mit Sorge. Mit gesundem Menschenverstand sei Landwirtschaft im Gebiet Gomel schwer zu erklären, sagt er. Die Investition in diese Böden würde letztlich viel weniger Gewinn abwerfen als die Investition in saubere Böden, von denen es in Belarus immer noch mehr als genug gebe. Woroneschtsew war als leitender Sekretär der sowjetischen Tschernobyl-Kommission dafür verantwortlich, die Ursachen des Unglücks von 1986 zu untersuchen und die Maßnahmen der Beamten nach der Katastrophe auszuwerten und zu beurteilen. Er arbeitete auch maßgeblich an einem Gesetzesentwurf zum Umgang mit der Katastrophe mit. Dieser Entwurf sah vor, selbst das geringste Risiko für die Bevölkerung auszuschließen.  Dass die Menschen auf kontaminierten Böden wieder Landwirtschaft betreiben, sei damals niemals auch nur in Betracht gezogen worden, so Woroneschtsew. Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko ist dagegen von der Richtigkeit dieser Entscheidung überzeugt. Als Beweis dafür sieht er die wachsende Geburten- und sinkende Sterberate in den "Tschernobyl-Regionen". Sicher scheint: Die Lebensmittel, die ins weißrussische Handelsnetz gelangen, werden streng kontrolliert. Das bestätigt auch das unabhängige Strahleninstitut "Belrad" mit Sitz in Minsk.

"Jede Dosis ist schädlich!"

Seit den 1990er-Jahren testet das unabhängige Strahleninstitut "Belrad" regelmäßig Lebensmittelprodukte aus den Geschäften und hat noch nie eine Überschreitung der weißrussischen Grenzwerte festgestellt. Doch so streng Grenzwerte auch sein mögen, eine gewisse Belastung lassen sie in den Lebensmitteln generell doch zu. Und genau das sieht Alexej Nesterenko, der Leiter von "Belrad", skeptisch: "Wir sehen zurzeit nur die Spitze des Eisbergs, was den Einfluss der Strahlung auf die Gesundheit angeht. Wenn man also darüber redet, welche Strahlungsdosen schädlich sind und welche nicht - ich finde, jede Dosis ist schädlich!"

Zu hohe Strahlenwerte bei Kindern

Tatjana Pantjuk im Garten
Tatjana Pantjuk in ihrem Garten im Gomeler Kreis Choiniki, rund 40 Kilometer vom ukrainischen Unglücksreaktor entfernt. Wie viele Weißrussen kauft sie kein Gemüse ein, sondern baut alles selber an - auch um Geld zu sparen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch die Schüler im Gebiet Gomel schaut sich das Strahleninstitut regelmäßig an. Seit 1998 werden die Kinder und Jugendlichen auf Cäsium-137 untersucht. Bis heute wurden über 500.000 solcher Untersuchungen durchgeführt. Sie zeigen: Im Gebiet Gomel haben viele Kinder höhere Cäsiumwerte als Kinder in nicht kontaminierten Gebieten. Mancherorts misst "Belrad" acht bis zehn Mal höhere Werte. Im Choiniki-Kreis, wo auf ehemals versuchten Böden Weizen angebaut und Milchwirtschaft betrieben wird, hat das Strahleninstitut kürzlich 20 bis 30 Becquerel pro Kilogramm Körpergewicht bei den Kindern gemessen. Doppelt so viel wie in der Hauptstadt Minsk. Hauptursache für höhere Werte, so Nesterenko, sei vor allem der Verzehr von Beeren und Pilzen aus den Wäldern. Aber auch das Obst und Gemüse aus dem eigenen radioaktiv belasteten Garten werde oft genug unkontrolliert gegessen, obwohl es auch belastet sein könnte.

Belastete Lebensmittel aus den Gärten und Wäldern

 "Das Problem ist, dass wir hier einen Flickenteppich haben", erklärt Physiker und Liquidator Juri Woroneschtsew. Im Radius von 50 Metern könne man sehr unterschiedliche Verschmutzungen finden. Während eine Fläche sauber sei, könne der Boden zehn Meter weiter versucht sein. Bis 0,40 Mikrosievert pro Stunde sei die Strahlung im Normalbereich, sagt der Physiker.

Das Dosimeter in Tatjana Pantjuks Garten, der sich nur 40 Kilometer vom Unglücksreaktor befindet, zeigt 0,31 Mikrosievert pro Stunde an. Das ist unterhalb des Grenzwertes, aber fast doppelt so viel, wie in der 100 Kilometer weiter nördlich gelegenen Gebietshauptstadt Gomel. Angst vor der Strahlung habe sie nicht, sagt Tatjana. Auch ihr Ehemann Iwan gibt sich entspannt. Wenn man hier lebe, gewöhne man sich daran. Auch um die Gesundheit ihrer drei Kinder sorgen sich die beiden nicht. Die ganze Familie werde schließlich regelmäßig auf Strahlung untersucht. Alles in Ordnung also?

Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl

Schilddrüsen Ultraschall Untersuchung
Seit 1992 engagiert sich die niedersächsische Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl" im Kampf gegen den Schilddrüsenkrebs. Unverzichtbar für seine Therapie sind moderne Ultraschallgeräte. Seit ihrem Bestehen hat die Stiftung schon über 320 Geräte im Wert von 10,5 Millionen Euro an Krankenhäuser in Weißrussland, der Ukraine und Russland gespendet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch wenn sich weißrussische Ärzte und Mediziner offiziell dagegen sträuben, von einer "Tschernobyl-Pathologie" zu sprechen, lassen sich die erhöhten Krebsraten nicht wegdiskutieren. Dr. Gisbert Voigt, Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsens und Vorsitzender des Kuratoriums der niedersächsischen Stiftung "Kinder von Tschernobyl",  sieht noch bei vielen anderen Krankheiten einen Zusammenhang mit Tschernobyl: Hormonstörungen, Diabetes, endokrinologische Erkrankungen, Erkrankungen des Nerven- und des Herz-Kreislaufsystems, psychiatrische Erkrankungen und auffällige Schwangerschaften. Wobei es, das muss auch Voigt zugeben, im Einzelfall tatsächlich sehr schwierig sei, eine direkter Zusammenhang wissenschaftlich nachzuweisen.

Dr. Gisbert Voigt
Kinderarzt Dr. Gisbert Voigt, Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsens, ist seit 2013 Vorsitzender des Kuratoriums der niedersächsischen Stiftung "Kinder von Tschernobyl". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am meisten verbreitet ist nach wie vor Schilddrüsenkrebs - und das obwohl längst kein radioaktives Jod-131 mehr aktiv ist. Nach dem Reaktorunfall 1986 hatten es viele Menschen eingeatmet oder über die Nahrung aufgenommen. Die Zahl der Menschen, die an Schilddrüsenkrebs erkrankten war explodiert. Vor allem Kinder hatte es getroffen. Doch auch 32 Jahre nach Tschernobyl gebe es eine erhöhte Schilddrüsenkrebsrate in Belarus - auch bei Kindern, die keinen direkten Kontakt mit der Katastrophe gehabt hätten, betont Dr. Voigt. Er geht davon aus, dass diese Kinder schon im Mutterleib radioaktiv verstrahlt worden sind. Dr. Voigt ist davon überzeugt, dass die größte Gefahr in Weißrussland heute von den Radionukliden ausgeht, die mit der Nahrung aufgenommenen werden und sich im Körper anreichern. Denn jede Dosis, egal wie hoch, erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Zelle in eine Krebszelle verwandele oder dass das Ungeborene schon im Mutterleib belastet werde.

Im Labor: Gute und schlechte Werte

Das Strahleninstitut "Belrad" in Minsk untersucht auch industriell hergestellte Milch und Käse aus Gomel, Mohrrüben aus Tatjana Pantjuks Garten, der nur 40 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt ist, und Weizenkörner aus dem Kreis Choiniki. Die Cäsium-Analyse ergibt: alles sauber! Nirgendwo ist Cäsium enthalten. "Stellen Sie sich vor, was für eine Werbung Sie damit für die internationale Atomenergiebehörde und die Atom-Lobby machen könnten!", sagt Belrad-Chef Nesterenko ironisch. Seine Anspielung gilt auch Weißrusslands erstem Kernkraftwerk, das derzeit mit russischer Hilfe gebaut wird. Da würden Erinnerungen an Tschernobyl natürlich stören. Die Strontium-Analyse fällt weniger gut aus. Der Weizen aus Choiniki enthält doppelt so viel Strontium-Nuklide wie die weißrussische Norm erlaubt. Trotzdem liegt der Wert weit unter jenem, der in der EU erlaubt ist. Also doch ein sauberer, unbedenklicher Weizen? Die Radionuklide befinden sich ja ohnehin "nur" in der Schale.

Wie gefährlich selbst niedrigste Strahlungsdosen für den Menschen und seine Nachkommen sind, wenn man ihnen tagtäglich ausgesetzt ist, ist noch nicht endgültig erforscht und wird sich erst zeigen. In der Sperrzone, im Umkreis von 30 Kilometern um den Unglücksreaktor von Tschernobyl entfernt, hat die Menschheit vorerst keine Zukunft mehr. Dort wurde der Boden zum Teil auch mit Plutonium-240 kontaminiert. Bis es nur noch halb so stark strahlt wie heute, werden mehr als 6.500 Jahre vergehen müssen …


Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: 27.04.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. April 2018, 12:14 Uhr