Der Brexit und die Folgen in Osteuropa Briten sagen: "Wir wollen Euch eigentlich nicht"

Über eine Million Zuwanderer aus Osteuropa sind in den vergangenen Jahren nach Großbritannien gezogen. Vielen der Brexit-Befürworter waren sie ein Dorn im Auge. Durch den Brexit steht ein zentraler Wert auf dem Spiel: Das Recht jedes EU-Bürgers in der Union leben und arbeiten zu können. Werden die osteuropäischen Arbeitskräfte weiterziehen? Ein Interview mit dem Ifo-Wirtschaftsexperten Gabriel Felbermayr über die Folgen des Brexit für Osteuropa und worüber sich Kremlchef Putin jetzt freut.

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder erklärt, dass der Brexit indirekte Folgen auf die Wirtschaft osteuropäischer Länder haben wird. Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Die osteuropäischen Mitgliedstaaten sind stark an Zulieferketten beispielsweise für die westeuropäische Automobilbranche beteiligt. Ein wichtiger Absatzmarkt für diese Autohersteller war bislang Großbritannien. Nun müssen sie davon ausgehen, dass ihre Produkte durch die Einfuhrzölle teurer werden und die Nachfrage auf der Insel deutlich sinkt. Das wird natürlich auch Negativfolgen für die osteuropäischen Zulieferwerke haben.

In Großbritannien leben über eine Million osteuropäische Zuwanderer, viele von ihnen arbeiten. Welche Folgen müssen diese Arbeitnehmer im Land befürchten?

Solange Großbritannien EU-Mitglied bleibt, wird nichts passieren. Immerhin haben die beteiligten Seiten jetzt zwei Jahre Zeit, einen Austrittsvertrag zu verhandeln. Doch höchstwahrscheinlich wird Großbritannien in Zukunft stärker selektieren, wen es als Zuwanderer künftig akzeptiert. Das wird vor allem die weniger qualifizierten Arbeitnehmer treffen, nicht aber die Facharbeiter. Die werden weiterhin stark auf der Insel gebraucht.

Umfragen zufolge, die im Vorfeld des Referendums geführt wurden, erwägt fast jeder vierte Pole eine Rückkehr in seine Heimat. Für wie realistisch halten Sie eine massive Rückwanderung der Osteuropäer aus Großbritannien?

Ich glaube nicht, dass es zu einer großen Rückkehrwelle kommen wird. Für die Polen ist Großbritannien weiterhin attraktiv - auch nach dem Brexit. Denn wenn das Pfund nicht allzu stark an Wert verliert, sind die Gehälter, die man in Großbritannien verdienen kann, weiterhin deutlich attraktiver als die Löhne in Polen.

Doch wird sich die britische Insel sicherlich auch auf ein neues Migrationsrecht verständigen, sodass Zuwanderer, die noch kein Arbeitsrecht auf der Insel haben, keine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung bekommen werden. Das betrifft übrigens nur einen geringen Teil der Zuwanderer. Es ist im Zuge des Referendums viel über die osteuropäischen Arbeitskräfte  - allen voran über die Polen - gestritten und diskutiert worden. Sie sind - wie Brexit-Anhänger behaupten - übrigens keine Belastung für die britischen Sozialversicherungssysteme. Das Gegenteil ist der Fall. Weisen die Briten die Polen aus, würden sie merken, wie viele Jobs unbesetzt blieben, und welche Lücken im eigenen Sozialversicherungssystem entstehen würden.

Die Brexit-Befürworter haben stark mit der Diskussion um die Zuwanderung gepunktet. Schreckt das neue osteuropäische Arbeitskräfte ab?

Gabriel Felbermayr
Ifo-Wirtschaftsexperte Gabriel Felbermayr Bildrechte: ifo Institut München

Das Signal der Briten an die Osteuropäer ist eindeutig. Mit dem Brexit sagen sie: "Wir wollen Euch eigentlich nicht". Eine solche Botschaft reicht sicherlich schon aus, um die Nettozuwanderung abzuschwächen. In den kommenden zwei Jahren werden sich mit Sicherheit weniger osteuropäische Arbeitnehmer auf den Weg nach Großbritannien machen.

Doch auch der deutsche Arbeitsmarkt boomt. Es wird möglicherweise eine Umleitung der Zuwandererströme zu uns nach Deutschland geben. Dann schicken die osteuropäischen Arbeitnehmer eben nicht mehr Pfund, sondern Euro nach Hause. Das würde auch die Negativauswirkungen auf die Finanzmärkte in Osteuropa abschwächen.

Der tschechische Premier Bohuslav Sobotka hat am Freitag schnelle Austrittsgespräche mit Großbritannien gefordert. Sollte sich die EU nun schnellstmöglich von Großbritannien trennen?

Man muss hier zwei Aspekte unterscheiden: Das eine ist der Austrittsprozess. Hier wäre es für alle besser, wenn wir schnell zu Ergebnissen kommen würden, damit die Unsicherheit auch an den Finanzmärkten schwindet.

Der zweite Aspekt bezieht sich auf die Frage, wie sich die EU nun verhalten soll. Ist nun das Allerwichtigste, dass möglichst wenig Porzellan zerschlagen wird? Oder setzt sich jene Fraktion durch, die einen harten Kurs fordert und sagt: 'Wir dürfen den Briten keine neue Extrawurst braten, sonst werden auch andere Länder Extrawürste einfordern.'?

Das Geld, das die Briten in die EU einzahlen, wird demnächst ausbleiben. Wird das Auswirkungen auf die EU-Förderzahlungen nach Osteuropa haben?

Davon ist auszugehen. Wenn man das EU-Budget nicht den neuen Umständen anpasst, dann würde Deutschland als wichtigster Nettozahler der EU zwischen 2,5 bis drei Milliarden Euro netto mehr einzahlen müssen. Hier stellt sich die Frage, ob nicht einfach auch die Netto-Empfänger Federn lassen müssen und das sind mehrheitlich die osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten.

Gibt es denn auch wirtschaftliche Vorteile eines Brexits für Osteuropa, über die nur noch keiner redet?

In bestimmten Branchen sind die denkbar: Bei Waren, die bislang aus Großbritannien kamen und nunmehr aus Osteuropa kommen könnten. Da wäre Schafwolle zu nennen oder Schaffleisch. Rumänien hat beispielsweise eine starke Landwirtschaft, die genau diese Produkte herstellt. Dennoch fallen die Vorteile für einzelne Branchen im Vergleich zu den Nachteilen sehr gering aus. Im Großen und Ganzen hat Osteuropa vom Brexit nichts Positives zu erwarten.

Wie wird der Kreml Ihrer Meinung nach mit dem Brexit umgehen?

Geostrategisch war es ein Freudentag für Kremlchef Wladimir Putin. Europa ist geschwächt: Der EU ist die zweitgrößte Volkswirtschaft in Europa abhandengekommen. Großbritannien ist zudem eine Militärmacht in Europa, mit Sitz im UN-Sicherheitsrat. Künftig wird die EU nur noch durch Frankreich in diesem wichtigen Gremium vertreten sein.

Für Länder, die an einem zerstrittenen, schwachen Europa interessiert sind, war der Freitag ein guter Tag. Was der Brexit für die Wirtschaftsbeziehungen mit Russland bedeutet, ist schwer abzusehen. Es ist aber durchaus denkbar, dass man die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zurückfährt, um alte Absatzmärkte wiederzubeleben. Schließlich verliert man jetzt den britischen Absatzmarkt  in großen Teilen.

London war für viele Oligarchen ein wichtiger Finanzplatz. Wird sich das durch den Brexit ändern?

London ist für viele ein wichtiger Standort, weil er global vernetzt ist, weil man dort gute Geschäfte machen kann. Diese Vorteile fallen künftig weg. Die Oligarchen werden nun eher andere Länder ansteuern: Das kann die Schweiz sein, Monaco oder andere Orte. London wird an Standortattraktivität verlieren.

Vielen Dank für das Gespräch.