Ein Jahr nach dem Brand im Bukarester "Colectiv" "Wir haben kollektiv weggesehen"

Der Brand am 30. Oktober 2015 im Bukarester Musikclub "Colectiv" gilt als beispiellose Tragödie in Rumänien. Er forderte Dutzende Menschenleben, der Premier musste zurücktreten - und die Aufarbeitung lässt auf sich warten.

Junge Frau mit Brandnarben betrachtet sich im hanspiegel zwischen ihren verstümmelten Händen
Mariana Oprea: "Ich werde ein Leben lang vom Brand gezeichnet sein." Bildrechte: Annett Müller/MDR

Mariana Oprea streift ein Trägerkleid über, schlüpft in die Stöckelschuhe, in den Mantel. Ihr steckt der Arbeitstag in den Knochen, sie ist müde. "Komm, es ist Freitagnacht", motiviert sich die junge Architektin fürs Ausgehen in ihren Lieblingsclub "Colectiv" - einen der angesagtesten Musikclubs in Bukarests Innenstadt.

Am 30. Oktober 2015 gibt es dort ein Gratiskonzert. Die Luft ist zum Schneiden dick, es wird geraucht, es ist rappelvoll. Gegen 22:30 Uhr feiern rund 400 junge Leute zur Musik der Metal-Band "Goodbye to Gravity". Offiziell dürften im Club nur ein Fünftel der Fans sein - der Raum ist für 80 Menschen zugelassen. Auf der Bühne zündet ein Feuerwerk. Die Fans jubeln, während Funken fliegen.

Laxe Sicherheitsvorkehrungen

Als Architektin weiß Mariana, dass ihr Lieblingsclub grobe Sicherheitsmängel hat. Es gibt beispielsweise nur einen Notausgang. "Ich dachte, bessere Underground-Clubs haben wir in Bukarest nicht. Alles war improvisiert. Darüber haben wir kollektiv weggesehen." Als der Saal Feuer fängt, steht Mariana rauchend an der Bar, weit weg vom Ausgang. Sie bleibt ruhig. Sie wiegt sich in Sicherheit. 'Gleich kommt jemand, um den Brand zu löschen', denkt sie. Sekunden später: Panik, Angstschreie von Hunderten Menschen, die versuchen, den Flammen zu entkommen. 64 Personen sterben im Club oder Tage und Monate später an ihren Verbrennungen, an Rauchvergiftungen, an Infektionen.

Fürs Leben gezeichnet

Mariana überlebt den Brand schwer verletzt. Jener Abend verändert ihr Leben komplett, nicht nur, weil sie im Anschluss monatelang im Krankenhaus liegen muss. Die medizinische Behandlung ist bis heute nicht abgeschlossen. Ihr Oberkörper ist mit Brandnarben übersät, sie hat noch drei von zehn Fingern. Wie wäscht sie sich so, zieht sie eine Strumpfhose an, bindet sie die Schnürsenkel? Ohne die Hilfe ihrer Mutter käme die 29-Jährige nicht durch den Alltag. In dieser Woche kritisierte sie in der einheimischen Presse, dass sich zu wenig getan hätte. Manche Musikclubs seien in Sachen Sicherheit schlechter aufgestellt als der Club "Colectiv" vor einem Jahr.

Ein Brand und seine Folgen

Frau mit vielen Brandnarben hält Gitarre in ihren verstümmelten Händen
Die Bukaresterin Mariana Oprea gehört zu den Überlebenden des verheerenden Brandes im Musikclub "Colectiv" am 30. Oktober 2015. Mehr als 150 Menschen wurden dabei teils schwer verletzt, 64 Menschen starben - vor Ort oder an den Folgen des Brandes. Die 29-jährige Mariana trug schwere Verbrennungen davon. Ihr ärmelfreies Kleid von damals ist an ihren Wunden sichtbar. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Frau mit vielen Brandnarben hält Gitarre in ihren verstümmelten Händen
Die Bukaresterin Mariana Oprea gehört zu den Überlebenden des verheerenden Brandes im Musikclub "Colectiv" am 30. Oktober 2015. Mehr als 150 Menschen wurden dabei teils schwer verletzt, 64 Menschen starben - vor Ort oder an den Folgen des Brandes. Die 29-jährige Mariana trug schwere Verbrennungen davon. Ihr ärmelfreies Kleid von damals ist an ihren Wunden sichtbar. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Eine verletzte Person wird aus einem Krankwagen transportiert, mehrere Sanitärer helfen dabei.
Die Staatsanwaltschaft wirft den drei Eigentümern des Clubs fahrlässige Tötung und Körperverletzung vor. Funken eines Feuerwerks auf der Bühne hatten die Schallisolierung in Brand gesetzt, in nur einer Minute stand der gesamte Konzertsaal in Flammen. Im Saal brach Panik aus, auf dem Weg zur einzigen offenen Tür wurden zahlreiche Menschen niedergetrampelt, andere wurden durch den Rauch des Feuers bewusstlos und verbrannten. Das Hauptverfahren ist ein Jahr nach dem Brand noch nicht eröffnet. Bildrechte: dpa
altes Gebäude, zum Teil plakatiert, Aufschrift pionierul, colectiv
Die frühere Schuhfabrik "Der Pionier" ("Pionierul"): Auf dem ehemaligen Betriebsgelände siedelten in den vergangenen Jahren kleine Firmen und auch der Musikclub "Colectiv" an. Der Club galt als improvisiert und deshalb als besonders hipp. Ermittlungen ergaben später, dass die Eigentümer keine Brandschutzgenehmigung hatten. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Mann mit Brille im kurzärmligen karierten Hemd an Schreibtisch, Modell eines roten Rettungshubschraubers im Vordergrund
Warum hat niemand gemerkt, dass der Club für Partys nicht ausreichend gesichert war?  Für entsprechende Kontrollen ist die sogenannte ISU-Behörde Bukarest-Ilfov zuständig. Ihr oberster Chef: der Notfallkoordinator der rumänischen Regierung, Raed Arafat. Ermittlungen ergaben, dass zwei seiner Inspektoren wiederholt den Club kontrolliert hatten, die Mängel aber nicht an die Behörde meldeten. Warum nicht? Ein separater Prozess soll das klären, auch er hat noch nicht begonnen. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Außenansicht Stadion mit Treppenaufgang
Doch nicht nur der Club "Colectiv" besaß keine Brandschutzgenehmigung der staatlichen Behörden. Nach dem Brand im "Colectiv" musste auch die Bukarester Nationalarena wegen Brandschutzmängeln monatelang geschlossen werden - das größte Stadion des Landes. Auch hier hatten die Behörden nie kontrolliert. Bis heute fehlt für Hunderte Schulen, Krankenhäuser, Theater und Kinosäle im Land eine Brandschutzgenehmigung. Jahrelang war die staatliche ISU-Behörde äußerst lax mit der Vergabe und der Kontrolle umgegangen, nun kommt sie mit der Bearbeitung der Anträge nicht hinterher. Bildrechte: Annett Müller/MDR
großer Platz mit Wasserbecken, Grünanlagen und dreispurigen Fahrbahnen, die um Springbrunnen führen, viel großflächige Werbung
Die rumänische Hauptstadt gilt bei jungen Leuten als cool und morbide. Underground-Musikclubs schossen in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden. Sie entstanden in leerstehenden Häusern oder Fabriken. Improvisation war trendy - bis zum Unglückstag. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Junger Mann mit Brille, Rucksack und Schiebermütze auf Cityroller vor einer engen Gasse
Der PR-Berater Silviu Dancu organisiert Musikereignisse in Bukarest. "Ich habe vor dem Brand keine Minute daran gedacht, dass ich das Leben von Menschen aufs Spiel setze - an Orten, die gefährlich, aber für uns alle heilig waren." Jetzt sei man in der Branche sensibler für solche Gefahren. Doch auf die Frage, was sich durch den Brand konkret geändert habe, antwortet er: "Der Premierminister". Bildrechte: Annett Müller/MDR
Menschen legen Blumen und Grablichter nieder
Am 30.Oktober 2016, dem ersten Jahrestag des Brandes, haben sich mehr als 5.000 Menschen am Schweigemarsch beteiligt. Vor dem ehemaligen Club legten sie Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Bildrechte: Annett Müller/ MDR
viele Grabkerzen, Blumen, Fotos auf Gehweg, zwei Frauen betrachten die Trauergaben
Vor dem ehemaligen Klub liegen aber auch das ganze Jahr über Blumen und brennen Kerzen zur Erinnerung an die Brandopfer. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Frau mit vielen Brandnarben und verstümmelten Fingern schminkt sich
Mariana Oprea hat durch den Brand alle Finger ihrer linken Hand verloren, an ihrer rechten Hand funktionieren nur noch drei. Das macht einfachste Handgriffe im Alltag schwer und auch das Schminken. Bis heute ist Opreas ärztliche Behandlung nicht abgeschlossen. Für die zahlreichen Operationen kommt der Staat auf. Verbände, Creme, Schmerztabletten muss sie aus eigener Tasche zahlen. Bildrechte: Annett Müller/MDR
schwarze Handprothese auf Tisch
Für ihre linke Hand hat die junge Frau inzwischen eine Handprothese. Kosten: 75.000 Euro. Sie konnte sie sich nur dank Spenden leisten. Die Opfer des Brandunglücks erlebten eine riesige Welle von Solidarität und Anteilnahme. Oprea hofft, dass die Tragödie nicht so schnell vergessen wird. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Person in schwarzer Kleidung mit Handprothese schneidet Käse mit Messer und Gabel, Gabel wird über Handprothese gehalten
Mariana Oprea ist im Alltag auf die Hilfe ihrer Mutter angewiesen: angefangen vom Anziehen bis hin zum Essen und Einkaufstaschen tragen. Hier ein erster Versuch, mit der neuen Prothese Käse zu schneiden. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Frau mit verstümmelten Händen sitzt an Tisch, schwarzer Turban und schwarzes Kleid
Mariana Oprea ist ausgebildete Architektin. In ihr Berufsleben ist sie ein Jahr nach dem Unglück nur stundenweise zurückgekehrt. Sie sagt: "Ich werde ein Leben lang vom Unglück gezeichnet sein, doch ich betrachte mich dennoch als glücklichen Fall: Denn ich lebe." Bildrechte: Annett Müller/MDR
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Frau mit vielen Brandnarben hält Gitarre in ihren verstümmelten Händen
Die Bukaresterin Mariana Oprea gehört zu den Überlebenden eines verheerenden Brandes im Musikclub "Colectiv" am 30. Oktober 2015. Mehr als 150 Menschen wurden dabei teils schwer verletzt, 64 Menschen starben - vor Ort oder an den Folgen des Brandes. Die 29-jährige Mariana trug schwere Verbrennungen davon. Ihr ärmelfreies Kleid von damals ist an ihren Wunden sichtbar. Bildrechte: Annett Müller/MDR

Schlampig arbeitende Behörden

Ob öffentliche Gebäude Brandschutz haben, kontrolliert in Rumänien das Inspektorat für Notfallsituationen (ISU). Auch der "Colectiv"-Club stand auf der Liste zweier Prüfer. Die Sicherheitsmängel machten sie allerdings nicht aktenkundig, einen ISU-Brandschutznachweis hatte der Club ebenso wenig. Warum hatten die Bukarester ISU-Kontrolleure nichts unternommen? Hätten sie das Unglück, das so vielen jungen Menschen das Leben kostete, verhindern können?

Mann in schwarzem Pullover sitzt an Schreibtisch
Journalist Catalin Tolontan: "Der Brand steht für die Inkompetenz der Behörden." Bildrechte: Annett Müller

Alles unbequeme Fragen, auf die der Bukarester Journalist Catalin Tolontan, der seit einem Jahr in dem Fall recherchiert, Antworten haben will. Er fand heraus, dass mehrere ISU-Inspekteure in ihrer Freizeit für private Brandschutz-Beraterfirmen arbeiten, um ihren Durchschnittslohn von monatlich rund 600 Euro aufzubessern. "Warum sollten die Prüfer die Sicherheitsmängel an die eigene Behörde melden, wenn sie sich damit einen guten Nebenverdienst sichern können?", fragt Tolotan.

Regierung zu Fall gebracht

Demonstranten protestieren 2015 in Bukarest
Nach der Brandkatastrophe gingen Tausende Rumänen auf die Straße, prangerten auch die Korruption im Land an. Bildrechte: IMAGO

Tausende Bukarester gingen nach dem "Colectiv"“-Unglück auf die Straße. Wütend sprachen sie von dilettantisch funktionierenden Behörden, die ihre Bürger nicht ausreichend schützen würden. Sie wollten nicht mehr länger darüber hinwegsehen. "Das Unglück hat die gesamte Gesellschaft erschüttert", meint Tolotan. "Wir denken jetzt mehr an unser Leben". Die Proteste brachten vor einem Jahr die Regierung von Premier Victor Ponta zu Fall. Eine Behörden-Reform aber dauert länger.

60 Inspektoren für eine Millionenstadt

Noch heute haben allein in der rumänischen Hauptstadt Hunderte Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser oder Musikclubs keinen Brandschutznachweis. Tausende Menschen gehen dort täglich ein und aus. Wie sicher die Gebäude wirklich sind, vermag die ISU-Behörde erst zu sagen, wenn sie sie geprüft hat.

Mann mit Glatze und kariertem Hemd sitzt telefonierend am Schreibtisch
Der Notfallkoordinator im rumänischen Innenministerium, Raed Arafat, appelliert ans Verantwortungsbewusstsein aller. Bildrechte: Annett Müller/MDR

Derzeit durchforsten 60 Inspektoren die Millionenstadt. Bei schätzungsweise 40.000 registrierten öffentlichen Objekten, schrieb Journalist Tolontan in seinem Blog, bräuchten sie dafür zwei bis drei Jahre. Bis dahin entscheiden die Betreiber, wie riskant ihr Gebäude ist und ob sie es schließen oder nicht. Die meisten sind Laien auf diesem Gebiet.

Der Chef aller ISU-Behörden im Land, Raed Arafat, setzt auf Verantwortung. Nach dem Brandunglück im "Colectiv" gab es im Land einen Kaufansturm auf Feuerlöscher, Rauchmelder und Sprinkleranlagen. "Für Sicherheit sorgen nicht nur die ISU-Inspekteure", meint Arafat. "Auch die Besitzer müssen verstehen, dass es in ihrem Interesse ist, dass ihr Gebäude sicher ist."

Je improvisierter, desto besser

Bukarest war bis zum Brandunglück ein angesagter Partyort in der alternativen Musikszene. Allerorten gab es improvisierte Clubs in leeren Fabriken oder verlassenen Lagerhallen, die jungen Partygänger waren von der Regellosigkeit begeistert. Nach dem "Colectiv"-Unglück hieß es auf Facebook: "Ihr Kriminellen, Ihr tötet Menschen."

bärtiger Mann sitzt auf brauner Ledercouch, links neben ihm ein Feuerlöscher
Florin Olsobanu betreibt seit acht Jahren einen Club in Bukarest. Bildrechte: Annett Müller/MDR

Auch Clubbesitzer Florin Oslobanu musste sich solche Vorwürfe anhören. "Kein Betreiber eines Undergroundclubes hat je gedacht, dass er Menschenleben aufs Spiel setzt", nimmt Oslobanu seine Branche in Schutz. Vor Jahren hat der Geschäftsmann seinen "Control"-Club aus einem improvisierten Lagerkeller in ein solide ausgebautes Restaurant verlegt - nicht aus Sicherheitsgründen, sondern aus Platzgründen. Jetzt aber zahlt sich seine Entscheidung aus.

Wirtschaftlich unrentabel

schwarzes Logo Colectiv auf heller Wand
Auch "Colectiv" war ein stark improvisierter Underground-Club Bildrechte: Annett Müller/MDR

Nach dem Unglück war Oslobanu der einzige in Bukarests Innenstadt, der seinen Alternativclub weiter betreiben durfte. "Ich hatte acht Brandschutzkontrollen in zwei Wochen", sagt der Bukarester, "gefunden haben die ISU-Inspektoren nur Kleinigkeiten". Der Rest der Veranstalterszene hat laut jüngstem Regierungsentscheid bis Mitte 2017 Zeit, die improvisierten Orte in sichere Clubs zu verwandeln. "Das wird sich für viele Betreiber wirtschaftlich gar nicht rechnen", glaubt Olsobanu, "wir sprechen schließlich ein junges Publikum an, das niedrige Preise von uns erwartet."

Die Angst bleibt

Mariana Oprea geht seit einigen Monaten wieder aus, um Freunde in Clubs zu treffen, Musik zu hören, um auf andere Gedanken zu kommen. Seit dem "Colectiv"-Unglück hat sie Angst vor offenem Feuer. Sie ist den Flammen zu nahe gekommen. Sie weiß, in Bukarest wird man die Sicherheitsdiskussion noch über Jahre führen müssen. Sie hat sich deshalb ihre eigene Strategie zugelegt. Sie steht jetzt immer am Ausgang. "Dann komme ich schneller raus, falls was passiert."

Menschen legen Blumen und Grablichter nieder
Das Brandunglück im "Colectiv" ist auch ein Jahr danach noch im Bewusstsein der Bukarester: Am Jahrestag haben sich mehr als 5.000 Menschen am Schweigemarsch beteiligt. Vor dem ehemaligen Club legten sie Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Bildrechte: Annett Müller/ MDR