Männer vom Militär beim Morgenappell
Russische und chinesische Militärs üben bereits seit Jahren gemeinsam verschiedene Szenarien, wie hier 2016 bei einer Anti-Terror-Übung. Nun nimmt China erstmals an einem taktischen Manöver der russischen Streitkräfte teil. Bildrechte: dpa

China beim russischen "Wostok"-Manöver: Ziemlich beste Konkurrenten

Seit 11. September findet im Fernen Osten Russlands das Großmanöver mit 300.000 Soldaten statt. Auch chinesische Truppen nehmen daran teil. Das soll der Welt die Kooperation beider Staaten zeigen, aber auch Probleme überdecken.

von Alexander Hertel

Männer vom Militär beim Morgenappell
Russische und chinesische Militärs üben bereits seit Jahren gemeinsam verschiedene Szenarien, wie hier 2016 bei einer Anti-Terror-Übung. Nun nimmt China erstmals an einem taktischen Manöver der russischen Streitkräfte teil. Bildrechte: dpa

300.000 Soldaten, 36.000 Fahr- und 1.000 Flugzeuge nehmen nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums an dem sechstägigen Manöver teil. Damit ist "Wostok" die größte russische Militärübung seit dem Ende des Kalten Krieges.

Die Übung findet in den Gebieten Transbaikalien, Ferner Osten, dem Japanischen Meer, in der Beringsee und im Ochotskischen Meer statt. Beteiligt sind mehrere russische Militärbezirke, sowie die Pazifik- und die Nordflotte der Marine. Hinzu kommen circa 3.200 chinesische Soldaten, 900 Panzern, sowie 30 Flugzeuge. Es ist das erste Mal, das Chinas an einem taktischen russischen Manöver teilnimmt.

Neue Qualität der Zusammenarbeit

Parallel dazu treffen sich Chinas Präsident Xi Jingping und Wladimir Putin in Wladiwostok bereits zum dritten Mal in diesem Jahr zu Gesprächen. "Das ist eine graduelle Weiterentwicklung der militärischen Beziehungen. Es ist aber nichts grundlegend Neues: Es gab schon mehrere gemeinsame Marine-, Raketenabwehr- und Antiterrorübungen“, sagte Thomas Eder vom Mercator Institute for China Studies (MERICS) "Heute im Osten".

So sei Russland seit der Jahrtausendwende der größte Waffenlieferant Chinas gewesen. Doch das werde sich nun ändern. Nachdem China zuletzt Russlands modernste SU-35-Jagdbomber erworben hat würde es zunehmend auch selbst Waffensysteme entwickelt. Es fehle dem chinesischen Militärs aber an Anwendungserfahrungen, sagt Eder:

"Das ist quasi eine Weiterbildungsmaßnahme. Die Chinesen haben viele nagelneue Waffensysteme, wissen aber noch nicht, wie man die in der Realität anwendet", erklärt der China-Experte: "Russland hat diese Erfahrungen in Georgien, der Ukraine und Syrien gesammelt und kann nun berichten, wie diese Technologien angewendet werden."

Erfahrungsaustausch mit Grenzen

Der Erfahrungausstausch funktioniert auch andersherum, sagt Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP): "Etwa in der Terrorbekämpfung und Geheimdienstarbeit. Da interessiert sich Russland vor allem für Chinas Erfahrung bei der Kontrolle des Internets und will von Peking lernen." Insbesondere seit dem Beginn des Ukrainekonflikts 2013 und den westlichen Sanktionen gegen Russland habe es eine Annäherung beider Staaten gegeben.

Das Hauptziel besteht für den Russland-Experten daher auch in der Außenwirkung der Zusammenarbeit: "Es geht zum einen um Prestige. Man will der Westen zeigen: 'Wir arbeiten zusammen'. Zum anderen will sich Russland als Global Player präsentieren, auch in Asien. Man will sagen: 'Russland ist einsatzfähig und ein Akteur, den man hier ernst nehmen muss.'"

Konkurrenz in Zentralasien

Denn dort zeigen sich für Meister auch die Grenzen der Kooperation: "Es ist asymmetrisches Verhältnis, und die Asymmetrie wächst. Vor allem ökonomisch und erst recht demografisch. China ist mittlerweile ein Machtfaktor in Russlands Hinterhof. Mit der 'Seidenstraßen'-Initiative wird die Bedeutung weiter wachsen."

So sei China in Ländern wie Kasachstan bereits ein größerer Machtfaktor als Russland. Auch in anderen postsowjetischen Staaten wie der Ukraine und Georgien ist China – wenn auch nur ökonomisch – aktiv. Mit der Kaukasusrepublik hat Peking zuletzt ein Freihandelsabkommen geschlossen.

Daher gäbe es "längerfristig gesehen ein latentes Konfliktpotential", glaubt auch China-Experte Thomas Eder vom MERICS: "Vor allem, wenn in der innerrussischen Debatte klar wird, wie weit der chinesische Aufstieg bereits gediehen ist. Auch, wenn es dann bereits zu spät ist, diesem entgegen zu wirken." Gerade in  Zentralasien, wo große Rohstoffvorkommen liegen, könne es daher zu Konflikten beider Staaten kommen.

Kooperation und argwöhnisches Beäugen

Unter diesem Vorzeichen müsse man auch das "Wostok"-Manöver betrachten, meint MERICS-Experte Thomas Eder: "Die militärische Zusammenarbeit bleibt sehr limitiert. Es herrscht ein gegenseitiges Misstrauen. Auch 'Wostok' ist offiziell ein russisches Manöver, an dem China limitiert teilnimmt. Nicht nur, was die Zahlen an Soldaten angeht, sondern auch beim Gerät, bei dem Peking nicht seine neuste Technologie geschickt hat. Auch Russland lässt seine besten Einheiten ohne China üben."

Voneinander lernen, ohne einander zu viel über die eigene Schlagkraft zu verraten und dabei dem Rest der Welt die momentane Eintracht zu beweisen: Das ist für Eder daher das Hauptziel der Zusammenarbeit: "Moskau würde China im Moment nicht als Konkurrenten bezeichnen. Denn die politische Linie ist ganz klar: China ist ein großer Freund und Verbündeter gegenüber dem Westen."

Für Stefan Meister von der DGAP ändert das aber nichts an der Grundkonstellation: "Im militärischen Bereich arbeitet man jetzt enger zusammen, aber die Ängste und die Skepsis gegenüber dem anderen bleiben. Es gibt derzeit mehr Interessenüberschneidung gegenüber dem Westen, aber das kann sich auch ganz schnell ändern."

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 11.09.2018 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018, 17:13 Uhr