Plakat mit angedeutenem Hitlerkonterfei über dem Eingang vom KZ Auschwitz. Daneben der Text: "Death Camps were Nazi German"
"Vernichtungslager waren Nazi-deutsch. ZDF, entschuldige dich!" Bildrechte: https://twitter.com/PolandRR

Deutsche, nicht polnische Vernichtungslager!

Die einstigen deutschen Vernichtungslager in Polen sollen in den internationalen Medien nicht mehr als "polnisch" bezeichnet werden - das fordern polnische Aktivisten und machten sich im Februar 2017 auf zu einer Tour durch Europa. Hintergrund der Aktion ist ein Streit zwischen einem Holocaustüberlebenden und dem ZDF.

Plakat mit angedeutenem Hitlerkonterfei über dem Eingang vom KZ Auschwitz. Daneben der Text: "Death Camps were Nazi German"
"Vernichtungslager waren Nazi-deutsch. ZDF, entschuldige dich!" Bildrechte: https://twitter.com/PolandRR

Sechs Meter lang und zwei Meter hoch ist die Anzeigetafel. Darauf: ein Foto des Eingangs zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Darüber ein stilisierter Hitlerscheitel. "Vernichtungslager waren Nazi-deutsch. ZDF, entschuldige dich!", prangt daneben in Großbuchstaben.

Mit dieser mobilen Botschaft sind polnische Aktivisten Anfang Februar 2017 rund 1.600 Kilometer durch Europa gefahren. Von Breslau über den ZDF-Standort Mainz, Bonn und Brüssel bis ins englische Cambridge. Ihr Anliegen: mehr Aufmerksamkeit für eine historische Wortwahl, die in Polen immer wieder die Gemüter erregt.

"Die Idee ist einfach. Wir fordern historische Wahrheit. Wir wehren uns gegen den Begriff 'polnische Konzentrationslager', der häufig in westlichen Medien benutzt wird", sagte der Initiator der Aktion, Dawid Hallmann, gegenüber dem polnischen öffentlich-rechtlichen Radiosender "Polskie Radio".

Holocaustüberlebender klagt gegen falsche Wortwahl

Karol Tendera
Karol Tendera vor Gericht Bildrechte: dpa

Zurück geht die Aktion auf einen seit 2013 schwelenden Streit zwischen einem Holocaustüberlebenden und dem ZDF. Damals hatte der Sender eine Dokumentation über die NS-Vernichtungslager Auschwitz und Majdanek als Film über "polnische Konzentrationslager" beworben. Der Holocaustüberlebende Karol Tendera verklagte daraufhin den Sender. Im Dezember 2016 bekam Tendera schließlich Recht und das ZDF musste sich öffentlich entschuldigen. In den Augen des Klägers tat der Fernsehsender dies aber nur unzureichend. So stand die Entschuldigung nicht auf der ZDF-Startseite. Außerdem verlinkte der Sender den Text nur, statt ihn direkt auf der Seite darzustellen.

Dabei ist das ZDF-Urteil nur das jüngste Beispiel für einen Streit um die korrekte Bezeichnung der Vernichtungslager. Polnische Bürger und alle Regierungen reagieren extrem sensibel auf die fälschliche Beschreibung der Vernichtungslager der Nationalsozialisten im von den Deutschen besetzten Polen als "polnisch".

Angst vor der Umdeutung der Geschichte

Mai 2000, der polnische Widerstandskämpfer Jan Karski.
Polnischer Widerstandskämpfer Jan Karski Bildrechte: dpa

So löste eine Rede des amerikanischen Präsidenten Barack Obama im Jahr 2012 fast eine Krise in den polnisch-amerikanischen Beziehungen aus. In der besagten Rede hatte Obama fälschlicherweise von "polnischen Konzentrationslagern" gesprochen. Das Weiße Haus entschuldigte sich umgehend und sprach von einem Versehen. Doch die polnischen Medien beschäftigten sich wochenlang mit dem Thema. Das Kuriose dabei: In seiner Rede hatte Obama den Widerstandskämpfer Jan Karski mit der höchsten amerikanischen Ehrenmedaille gewürdigt. Karski hatte sich 1942 in das Warschauer Ghetto eingeschmuggelt und Beweise für die Existenz deutscher Vernichtungslager und den systematischen Mord an den Juden gesammelt.

Immer wieder führen solche Fehler von Politikern und Medien zu einem Sturm der Entrüstung. Nationalistisch gesinnte Kommentatoren vermuten hinter diesen Fehlern oder Ungenauigkeiten zuweilen eine absichtliche Umdeutung der Geschichte, um die Schuld der Nationalsozialisten zu relativeren.

Deutungsstreit um den Holocaust

Die anhaltende Diskussion ist aber Teil einer größeren geschichtspolitischen Auseinandersetzung in Polen. Das Verhältnis Polens zum Holocaust führt seit Jahrzehnten zu erbitterten Debatten. Vor allem das Thema polnischer Kollaborateure erhitzt dabei die Gemüter.

So löste ein 2001 erschienenes Buch über Pogrome polnischer Bürger an Juden in der nordostpolnischen Kleinstadt Jedwabne im Jahr 1942 bis heute heftige Diskussionen aus. Kern der Auseinandersetzung ist die Frage, wie antisemitisch Teile der polnischen Bevölkerung während und nach dem Zweiten Weltkrieg waren. 

Das ist eine Frage, die nicht ins nationalkonservative Geschichtsbild passt, dass die Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) vertritt. Diese pflegt ein "reines" Bild der Polen während der Besatzung. Polen seien entweder Opfer der Nationalsozialisten gewesen oder heroische Widerstandskämpfer. In diesem Kontext sind die "polnischen Konzentrationslager" zum geschichtspolitischen Kampfbegriff geworden.

In diesen Kampf um die Deutungshoheit greift auch die nationalkonservative Regierungspartei PiS ein. Justizminister Zbigniew Ziobro erklärte zum Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, eine von ihm angestoßene Gesetzesreform gegen die falsche Bezeichnung der Konzentrationslager sei fast fertig. Wer künftig von "polnischen Konzentrationslagern" spreche, dem würden Geldstrafen, schlimmstenfalls drei Jahre Gefängnis drohen.

Auschwitz
Das Konzentrationslager Auschwitz. Bildrechte: IMAGO

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell auch im: TV | 05.10.2016 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2019, 16:45 Uhr