Proteste in Sofia nach Mord an bulgarischer Journalistin Viktoria Marinova
Nach der Ermordung kam es am Montag in Sofia und anderen bulgarischen Städten zu Protesten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ermittlungen Bulgarien geschockt über Ermordung von Journalistin

Bulgarien steht seit Jahren wegen zahlreicher Angriffe auf Journalisten in der Kritik. In mehreren Städten Bulgariens kam es am Montag zu Protestkundgebungen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Fall der ermordeten Journalistin in verschiedene Richtungen.

von Frank Stier

Proteste in Sofia nach Mord an bulgarischer Journalistin Viktoria Marinova
Nach der Ermordung kam es am Montag in Sofia und anderen bulgarischen Städten zu Protesten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit langem hat kein Gewaltverbrechen mehr die Bulgaren so erschüttert wie der Mord an Viktoria Marinova. Am Samstag war ihre Leiche am Donau-Ufer der nordostbulgarischen Stadt Russe gefunden worden. Der Mörder hatte die 30-jährige Mutter einer siebenjährigen Tochter beim Joggen überfallen, geschlagen, vergewaltigt und erwürgt.

In Windeseile verbreitete sich die Nachricht von der abscheulichen Tat in ausländischen Medien. Die EU-Kommission forderte die bulgarischen Behörden zu einer zügigen und zweifelsfreien Aufklärung des Gewaltverbrechens auf, bei dem es sich möglicherweise um einen gezielten Anschlag handeln könnte.

Erst Lifestyle, dann Politik

Viktoria Marinova war Geschäftsführerin der TV-Gesellschaft My Fi, die in Russe den regionalen Fernsehsender TVN betreibt. Eigentümer beider Firmen ist ihr früherer Mann Svilen Maximov, von dem sie sich in diesem Frühjahr getrennt hatte. Maximov besitzt außer My Fi und TVN auch das Unternehmen Networx, das zu Bulgariens führenden Internetprovidern zählt.

Marinova moderierte seit einigen Jahren die Lifestyle-Sendung "Podium", in der es vor allem um Modethemen oder gesunde Ernährung ging. Erst vor kurzem übernahm sie das politische Magazin "Detektor", das sie am 30. September nur einmal präsentierte. Doch genau diese Sendung nährt den Verdacht, es könne sich bei der Ermordung von Marinova um einen gezielten Anschlag auf die Medienfreiheit in Bulgarien handeln.

Zu Gast waren zwei Journalisten, die Mitte September bei ihren Recherchen über Veruntreuungen von den EU-Mitteln in Millionenhöhe von der bulgarischen Polizei stundenlang festgehalten worden waren. In der Sendung kritisierte Marinova die Situation der Medien in Bulgarien und kündigte an, dieses Problem auch in künftig thematisieren zu wollen. Die Investigativjournalisten interviewte sie nicht selbst, sondern ein TVN-Kollege.

 Ein Porträt der getöteten Fernsehreporterin Wiktorija Marinowa steht auf dem Freiheitsdenkmal und Rosen liegen davor.
Ein Porträt der getöteten Journalistin, davor sind Blumen abgelegt. Bildrechte: dpa

Rätseln um Tatmotiv

Von den Ermittlern hieß es am Sonntag, noch nie sei ihnen in Russe eine so grausame Tat begegnet. Es werde in alle Richtungen ermittelt, versicherte der am Montag in die Stadt geeilte Innenminister Mladen Marinov. Generalstaatsanwalt Sotir Tsatsarov hält drei mögliche Tatversionen für plausibel: Marinova könne das zufällige Opfer eines Triebtäters geworden sein oder einer vorsätzlichen Tat, die mit ihrem persönlichen Umfeld in Verbindung stehe. Auch ein gezielter Anschlag sei nicht auszuschließen.

Solange der Fall nicht aufgeklärt ist, sind Spekulationen, mit Marinova könne eine kritische Stimme mundtot gemacht worden sein, unvermeidlich. Es dürfe kein mögliches Tatmotiv ausgeschlossen werden, erklärte der in Sofia ansässige Verband Europäischer Journalisten in Bulgarien (AEJ Bulgaria). Es sei aber "unzulässig, darüber zu spekulieren, dass die Tat etwas zu tun hat mit der Meinungsfreiheit in Bulgarien, bevor es konkrete und belegende Fakten gibt", heißt es in der Erklärung weiter.

Auf Rangliste immer weiter abgerutscht

Die bulgarische Medienlandschaft und die Arbeitsbedingungen für Journalisten gelten seit Jahren als äußerst problematisch. In der von "Reporter ohne Grenzen" veröffentlichten Rangliste der Pressefreiheit rangierte das Land 2006 noch auf Rang 35, in diesem Jahr liegt das Balkanland auf Rang 111. Damit ist Bulgarien nicht nur das Schlusslicht aller EU-Mitglieder, sondern auch aller Balkanstaaten.

Zahlreiche Angriffe auf Journalisten

Häufig werden die Besitzverhältnisse von Medienhäusern verschleiert, Diskreditierungskampagnen gegen politische Gegner und wirtschaftliche Konkurrenten werden vielfach medial ausgetragen. Neben Zensur herrscht bei Journalisten viel Selbstzensur. Immer wieder kam es in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu Angriffen auf Journalisten: Sie wurden getötet, mit Metallstangen ins Koma geprügelt, mit Säure verstümmelt. Das Sexualverbrechen an Viktoria Marinova erscheint untypisch für einen Angriff auf einen Medienschaffenden, gleicht eher der Tat eines triebgesteuerten Psychopathen, glaubt der Kriminalist Botjo Botev, der jahrelang die Mordkommission im Innenministerium leitete.

Proteste nach Ermordung

Proteste in Sofia nach Mord an bulgarischer Journalistin Viktoria Marinova
Hunderte Menschen beteiligten sich am Montag an der Protestkundgebung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dennoch glauben manche an einen Zusammenhang mit Marinovas journalistischer Tätigkeit. Aktivisten der Nichtregierungsorganisation "Boez" ("Kämpfer") hatten am Montagabend eine Protestkundgebung am Vorplatz der Kirche Sveta Nedelja in Sofia organisiert, zu der Hunderte Menschen kamen. "Wo es keine Wahrheit gibt, gibt es keinen Frieden" und "Korruption tötet" stand auf den Transparenten der Boez-Leute. Ähnliche Versammlungen gab es zur gleichen Zeit in weiteren bulgarischen Städten. Auch am Freiheitsplatz in Russe legten Menschen Kerzen im Gedenken an Viktoria Marinova nieder.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio | 08.10.2018 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2018, 10:18 Uhr