Polen Offenbar weitere Absturzopfer von Smolensk bei Beerdigung vertauscht

Bei der Exhumierung der Opfer der Flugzeugkatastrophe von Smolensk hat die polnische Staatsanwaltschaft offenbar eine schockierende Entdeckung gemacht. In einem der bisher geöffneten Gräber war die falsche Leiche beerdigt worden. Medienberichten zufolge handelt es sich um das Grab von Piotr Nurowski, dem ehemaligen Präsidenten des Polnischen Olympischen Komitees. Darin soll der Leichnam eines anderen Opfers der Katastrophe gelegen haben. Die polnische Generalstaatsanwaltschaft machte keine Angaben zur Identität der vertauschten Leichen, ging aber in einer kurzen Mitteilung auf die Medienberichte ein. Darin heißt es, dass sich mit hoher Wahrscheinlichkeit "in einem der Gräber der Leichnam einer anderen Person befand". Endgültige Klarheit über die Identität der ins falsche Grab gelegten Leiche sollen Gentests bringen, die noch nicht abgeschlossen sind.

83 Leichname werden exhumiert

Die Generalstaatsanwaltschaft lässt seit 14. November alle 83 erdbestatteten Toten der Flugzeugkatastrophe vom 2010 aus den Gräbern holen und noch einmal gerichtsmedizinsich untersuchen. Die Behörde begründet die Exhumierungen damit, dass bei der Rückführung der Leichen nach Polen zahlreiche Fehler gemacht worden seien. Darüber hinaus zweifeln viele Politiker und Anhänger der regierenden PiS-Partei die offiziellen Untersuchungsberichte, die von einem Unglücksfall aufgrund von Fahrlässigkeit ausgehen, an und vertreten die These von einem möglichen Anschlag. Auch die polnische Regierung betrachtet den Fall als noch nicht abgeschlossen.

Bisher sind erst einige wenige Leichname, angefangen beim verunglückten polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und seiner Ehefrau Maria - noch einmal von Gerichtsmedizinern untersucht worden. Dabei stellten sie für Flugzeugabstürze typische tödliche Verletzungen fest, fanden aber keine Hinweise auf ein Attentatsszenario.

Schon 2011 und 2012 Fehler bei Bestattungen festgestellt

Bereits in den Jahren 2011 und 2012 waren neun Absturzopfer exhumiert und erneut untersucht worden. In diesen neun Fällen bestanden allerdings konkrete Anhaltspunkte, dass Leichen vertauscht wurden. In sechs der Fälle hatte sich damals dieser Verdacht bestätigt. Außerdem stellte die Militärstaatsanwaltschaft fest, dass in diesen Fällen rund 90 Prozent der medizinischen Dokumentation, die aus Moskau übermittelt worden war, fehlerhaft war.

Exhumierungen im katholischen Land höchst umstritten

Die Exhumierung aller Opfer von Smolensk ist in Polen sehr umstritten. Auch die Hinterbliebenen haben dazu unterschiedliche Meinungen. HEUTE IM OSTEN hat mit Magdalena Merta gesprochen, der Ehefrau des beim Absturz ums Leben gekommenen Vize-Kulturministers Tomasz Merta. Sie bat selber die Staatsanwaltschaft um die Exhumierung. Pawel Deresz, der bei der Katastrophe seine Frau Jolanta Szymanek-Deresz, die damalige Chefin des Präsidialamtes von Aleksander Kwasniewski, zeigte sich empört.

Absturz bei Smolensk ist neues nationales Trauma

Bei dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine am 10. April 2010 war ein Großteil der politischen und militärischen Elite Polens ums Leben gekommen. Insgesamt 96 Menschen war an Bord des Flugzeuges. Es stürzte bei schlechten Sichtverhältnissen beim Anflug auf die russische Stadt Smolensk ab. Der damalige Präsident Lech Kaczynski und seine Begleiter waren auf dem Weg, um an einer Veranstaltung zur Erinnerung an die Opfer des Massakers von Katyn teilzunehmen. Bei Katyn hatten Angehörige des sowjetischen Geheimdienstes NKWD auf Stalins Anordnung vom 3. April bis 11. Mai 1940 etwa 4.400 gefangene Polen erschossen. Die meisten Opfer waren Offiziere. Katyn steht seitdem symbolisch für die Ermordung von bis zu 25.000 Angehörigen der militärischen und intellektuellen Elite Polens im Zweiten Weltkrieg durch die Sowjetunion. Die UdSSR räumte erst 1990 die Verantwortung für diese Massaker ein. Staatschef Michail Gorbatschow entschuldigte sich beim polnischen Volk.

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2016, 16:18 Uhr