Karneval im litauischen Vilnius
Faschingsbegeisterte hier auf der Straße von Vilnius. Bildrechte: IMAGO

Litauen Vom Speckmann, Juden-Masken und deutschen Kobolden

Die Litauer wollen mit ihrem Faschingsfest den Winter vertreiben. Bis zum vorigen Jahr verkleideten sie sich dafür auch noch mit Juden-Masken. Nach einer hitzigen Debatte steht dieser Brauch nun offenbar vor dem Aus.

von Vytene Stasaityte

Karneval im litauischen Vilnius
Faschingsbegeisterte hier auf der Straße von Vilnius. Bildrechte: IMAGO

In Litauen feiert man Fasching, um den Winter zu vertreiben. Das Fest heißt im Litauischen "Uzgavenes" und steht für nichts anderes als den Ausdruck  "vor der Fastenzeit".

Schlemmen vorm Fasten

Das litauische Faschingsfest gehört zu den ältesten in Euorpa: An den heidnischen Bräuchen, die aus den Dörfern stammen, wird noch heute festgehalten. Dazu gehört auch, vor der Fastenzeit noch einmal richtig zu Schlemmen. Gegessen wird ein reichhaltiger Eintopf aus Schweinefleisch, Getreide und Kartoffeln. Auch tanzen die Narren und bitten in ihren Liedern um "Blynai", um Kartoffelpuffer sowie Pfann- oder Eierkuchen, die Glück im kommenden Jahr bringen sollen.

Weg mit dem Winter ...

... ist das Motto für den Fasching in Litauen. Es gibt reichhaltiges Essen und Narren. Das größte Faschingsfest findet im litauischen Rumsiskes statt, am Sonnabend vor den letzten Faschingstagen.

Besucher vom Faschingsfest im litauischen Rumsiskes am 10. Februar
Diesmal strömten 15.000 Menschen zum litauischen Faschingsfest in Rumsiskes, bei dem der Winter bezwungen werden soll. Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte
Besucher vom Faschingsfest im litauischen Rumsiskes am 10. Februar
Diesmal strömten 15.000 Menschen zum litauischen Faschingsfest in Rumsiskes, bei dem der Winter bezwungen werden soll. Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte
Masken-Basteln beim Faschingsfest im litauischen Rumsiskes am 10. Februar
Vor Ort konnte man traditionelle Masken bewundern oder eigene aus Pappe basteln. Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte
Figuren beim Faschingsfest im litauischen Rumsiskes am 10. Februar
Männer verkleiden sich als Bräute, Frauen kleben sich Schnurrbärte an - Rollentausch für ein paar Stunden. Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte
Frauenfigur Morė bei Fasching in Litauen
Die weibliche Strohpuppe im Hintergrund - More genannt - verkörpert in Litauen alles Schlechte, was im Winter geschehen ist. Sie wird verbrannt. Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte
Menschen an einem Stand mit Essen
Essen beim Fasching ist besonders wichtig. Motto in                              
Rumsiskes diesmal: “Iss, bis dein Bauch härter ist als die Stirn!“
Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte
Kostümierte Menschen
Faschingsbrauch ist auch ein Duell des Speckmannes, mit Würsten am Hals, der den Winter verköpert und einer schmächtigeren Person, die für das Frühjahr steht. Natürlich ist der Frühling der Gewinner. (Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio : 11.02.2018 | 12:00 Uhr Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte
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Winter duelliert sich mit Frühling

Ein anderer litauischer Faschingsbrauch, um das ersehnte Ende des Winters zu erreichen, ist der Kampf zwischen "Lasininis", dem dicken Speckmann, der den Winter darstellt und "Kanapinis", seinem Gegenspieler, einer dünnen, schmächtigen Person, die den Frühling symbolisiert. Natürlich gewinnt der Frühling das Duell. Den Kindern wird mit dem Brauch vermittelt, warum man in der anschließenden Fastenzeit, die bis Ostern dauert, auf Fleisch verzichten muss. Denn der Speckmann hat schließlich das Duell verloren.

Die Welt auf den Kopf gestellt

Figuren beim Faschingsfest im litauischen Rumsiskes am 10. Februar
Die Faschingsbegeisterten lassen sich gern fotografieren. Bildrechte: Vytene Stasaityte/MDR

Eines der größten Faschingsfeste in Litauen wird jährlich im Freilichtmuseum in Rumsiskes ausgetragen, rund 85 Kilometer von der Hauptstadt Vilnius entfernt. Tausende Menschen kommen, allerdings verkleiden sich nur noch wenige Hunderte - im Gegensatz zum deutschen Karneval, wo jeder Neck oder Narr auch sein eigenes Kostüm trägt.

Zu den beliebtesten Faschingskostümen gehören neben Tieren wie Bären oder Störchen auch Märchenfiguren wie der Sensenmann und Hexen. Der Fasching ist schließlich das Fest, wo der Alltag auf den Kopf gestellt wird: Männer verkleiden sich als Bräute, Frauen als Bräutigamme. Es gibt Bettler und Könige, die natürlich im wahren Leben etwas vollkommen anderes sind. Den Narren wird Essen und Trinken spendiert. Sie stehen symbolisch für die Toten. In Litauen ist es Brauch, die Toten gut zu behandeln, weil man die Vorstellung hat, dass sie das eigene Leben auf Erden und nach dem Tod beeinflussen.

Fremde Identitäten übernehmen

Der litauische Fasching sorgte im vergangenen Jahr wegen seiner archaischen Traditionen für zahlreiche Negativ-Schlagzeilen, denn zu den Bräuchen gehört bis heute, sich als Ungar, Deutscher, Roma oder Jude zu verkleiden – die Fremden galten von jeher als Symbole einer anderen Welt.

Die Ungarn waren lange beliebt, weil im 16. Jahrhundert Litauens Großfürst, Stephan Bathory, aus Ungarn kam und viele Ärzte mitbrachte. Daher werden die Ungarn oft als Ärzte dargestellt. Die Deutschen hingegen - vor dem Zweiten Weltkrieg gab es im Land rund 90.000 - werden als Kobolde dargestellt, denn die Beziehungen zu den Litauern waren nicht immer die besten: Sie tragen ein Sieb auf dem Kopf, Schulter und Arme werden verlängert. In Litauen lebten vor dem Zweiten Weltkrieg mehr als 220.000 Juden, die Hauptstadt Vilnius wurde einst "Jerusalem des Ostens" genannt,  die eine andere Kultur prägten. Deshalb waren auch immer Narren als Juden verkleidet.

Politische Diskussion entbrannt

Chef der regierenden Partei (Der Bund der Bauern und Grünen), Ramūnas Karbauskis, hatte im Februar 2017 folgende Einladung zum Faschingsfest auf seinem Facebookprofil geteilt. Auf dem Koffer des als Juden verkleideten Faschingsnarren steht: "Verkaufe Läuse oder tausche die gegen Imobilien"
Umstrittene Einladung vom Februar 2017 - Auf dem Koffer steht: "Verkaufe Läuse oder tausche sie gegen Immobilien". Bildrechte: Litauische Gemeinde Naisiai

Im vorigen Jahr war in den litauischen Medien eine Debatte entbrannt, weil der Chef der Regierungspartei "Bund der Bauern und Grünen" (LGPU), Ramunas Karbauskis, eine Faschings-Einladung seiner Dorfgemeinde Naisiai auf Facebook teilte, auf der ein als Jude verkleideter Faschingsnarr zu sehen war. Auf dessen Koffer stand: "Verkaufe Läuse oder tausche sie gegen Immobilien." Das Bild sorgte in Windeseile für heftige Diskussionen, auch darüber, wie zeitgemäß solche alten Bräuche überhaupt noch seien.

Das Online-Portal "15 min" schrieb damals: "Das heutige Litauen sollte die Masken von Juden und Zigeunern nie wieder hervorholen und muss begreifen, dass diese Minderheiten in unserem Staat integriert sind." Der litauische Philosoph Vytautas Alisauskas rief in der Tageszeitung "Lietuvos zinios" zu einem Ende der Tradition auf und begründete: "Ich habe gesehen, wie meine jüdischen Freunde von den Bildern auf Facebook angeekelt waren und sich verletzt fühlten."

Ethnologe beruft sich auf Tradition

Arūnas Vaicekauskas von der Vytautas Magnus Universität
Ethnologe Arunas Vaicekauskas Bildrechte: MDR/Vytene Stasaityte

Der Ethnologe und Historiker Arunas Vaicekauskas von der Universität "Vytautas Magnus" im litauischen Kaunas hält die Juden-Masken hingegen für unbedenklich. Wer hinter der Verkleidung Fremdenfeindlichkeit vermute, der kenne die Traditionen nicht: "Der einzige Weg ist die Bildung, man muss über Traditionen mehr informieren. Leider werden sie oft zum rein politischen Thema.“

Tradition sei es vor dem Zweiten Weltkrieg auch gewesen, dass die jüdischen Händler, die als Juden verkleideten Faschingsgäste in ihren Laden riefen, sagt Vaicekauskas. Der Besuch galt als Segen und sollte Erfolg für den Handel bringen.

Trend: Auf Juden-Kostüme verzichten

Die Diskussion im vorigen Jahr hat offenbar etwas bewirkt: Beim Faschingsfest in Rumsiskes waren in diesem Jahr weniger Juden-Masken zu sehen. Auch die Dorfgemeinde Naisiai verzichtete auf eine Einladung, die den Juden zum Lausverkäufer degradiert.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 11.02.2018 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2018, 15:05 Uhr

Fasching in Osteuropa

Eine Frau in einem grünen Drachenkostüm.
Wie in Köln oder Mainz nimmt die ganze Stadt am Karneval teil. Ohne Kostüm wagt sich an den Tagen vor Aschermittwoch kaum jemand auf die Straße. Höhepunkt ist der Karnevalssonntag: Rund zehntausend Narren aus allen Teilen des Landes kommen zum größten Maskenumzug Kroatiens. Bildrechte: imago/Pixsell

Thüringen

Gorale in typischen Trachten und mit Äxten zeigen einen Tanz auf einer Bühne.
Echte Bergbewohner, so die Übersetzung für Góralen, werfen sich dann außerdem in ihre Lederhose und Feiertagstracht und tanzen den "Taniec Zbojnicki", den Räubertanz. Der mit Beilen ausgeführte Tanz ist ein Relikt der wilden Vergangenheit der Goralen. Bildrechte: MDR/Wojciech Kubina