Russland Verfilmte Zaren-Affäre sorgt für Ärger

Ein Film über die Affäre des letzten russischen Zaren Nikolaus II. mit einer Ballerina schlägt derzeit in Russland Wellen. Der Streifen gehört verboten, finden russische Monarchisten und strenggläubige orthodoxe Christen. Im Oktober soll der Film mit Schauspieler Lars Eidinger in der Hauptrolle in die Kinos kommen, sofern Demonstrationen und Boykott-Aufrufe das nicht verhindern.

Es gibt bislang nur die Trailer zum Film, doch der reicht Kritikern aus, eine Anzeige wegen Verletzung religiöser Gefühle zu stellen. Der Film brüskiere Nationalgefühle und beschmutze das Andenken eines Heiligen, wettern Russlands Konservative. Sie fordern deshalb, den Film zu verbieten.

Vulgäre Primaballerina

Einige Wissenschaftler haben sogar eine Expertise zum Film verfasst. Auf 39 Seiten legen sie ausführlich dar, warum der Streifen "Matilda" inakzeptabel sei – geschrieben auf Grundlage des Drehbuchs und des Trailers. Gesehen haben sie den Film nicht. Die Vorwürfe lauten etwa: Die polnische Schauspielerin Michalina Olszanska, die die Titelrolle der Primaballerina spielt, sei vulgär und benehme sich wie ein Pornostar. Außerdem sei sie viel zu hübsch für diese Rolle – alle wüssten doch, dass das historische Vorbild schiefe Zähne gehabt habe.

Mit Porno-Industrie nichts am Hut

Auch am deutschen Schauspieler Lars Eidinger reiben sich die konservativen Geister: Er sei ein ehemaliger Pornodarsteller, behaupten sie. An Eidinger perlen die Vorwürfe ab: "Gegenüber der Porno-Industrie habe ich keine großen Vorbehalte, ich habe mit ihr überhaupt nichts zu tun."

Eidinger treibt in einem Interview mit der "Deutschen Welle" dagegen die Angst um, dass der Film nicht gezeigt werden darf. Doch alle Vorwürfe und Unterstellungen reichen bislang noch nicht aus, den Film offiziell verbieten zu lassen – deshalb rufen die Konservativen nun zu landesweiten Demos auf. Und verschicken Drohbriefe an Kinos, die den Film eventuell ins Programm nehmen könnten.

Der letzte russische Zar

Der letzte Zar wurde 1918 mit seiner Familie von den Bolschewiken in Jekaterinburg ermordet. Die Russisch-Orthodoxe Kirche betrachtet ihn deshalb als einen Märtyrer und hat ihn im August 2000 heiliggesprochen. Das nun der Film "Matilda" sich ausgerechnet mit einer Affäre dieses Heiligen beschäftigt, mit dem vorehelichen Verhältnis von Nikolaus II. mit der Primaballerina des Mariinski-Theaters, Matilda Kschessinskaja, erzürnt russische Monarchisten und strenggläubige orthodoxe Christen.

17. Juli 1918 Die Zarenfamilie und ihr Ende

Die russische Zarenfamilie wird ein Jahr nach ihrem Sturz im Frühjahr 1918 nach Jekaterinburg gebracht. In der Nacht auf den 17. Juli wird sie dort von den Bolschewiki erschossen. Leben, Herrschaft und Ende der Romanows.

Ein Mann mit Bart, in Uniform mit vielen Auszeichnungen
Die Romanows sind eine über 300 Jahre alte russische Dynastie. Aus ihr gingen die russischen Zaren hervor. Nikolaus Alexandrowitsch Romanow regierte als Nikolaus II., der letzte Zar, von 1894 bis 1917. Bildrechte: IMAGO
Ein Mann mit Bart, in Uniform mit vielen Auszeichnungen
Die Romanows sind eine über 300 Jahre alte russische Dynastie. Aus ihr gingen die russischen Zaren hervor. Nikolaus Alexandrowitsch Romanow regierte als Nikolaus II., der letzte Zar, von 1894 bis 1917. Bildrechte: IMAGO
Historisches Bild: Ein Ehepaar im Kreise seiner fünf Kinder. Alle sind sehr festlich angezonge, die Ehefrau udn die Mädchen mit langen Gewändern.
Verheiratet war Nikolaus II. mit Alexandra Fjodorowna. Sie war die Enkelin der britischen Königin Viktoria und hieß vor der Hochzeit Alix von Hessen-Darmstadt. Zusammen hatten sie vier Töchter und einen Sohn: Olga, Tatjana, Marija und Anastasia sowie den Zarewitsch Alexej. Der jüngste Spross der Familie und Thronfolger litt an einer unheilbaren Bluterkrankheit. Bildrechte: IMAGO
Zar Nikolaus II. und sein Cousin, Prinz George of Wales
Nikolaus (rechts) als Zarewitsch 1890 gemeinsam mit seinem Cousin, dem britischen Thronfolger Prinz George of Wales (links). Die Familienähnlichkeit ist frappierend. Bildrechte: IMAGO
Auf dem Vorsprung eines Gebäudedachs sitzen und stehen sechs Personen
Nach der Abdankung des Zaren im März 1917 wurde die Familie zunächst im Alexanderpalast in Zarskoje Selo im heutigen Ort Puschkin in der Nähe von St. Petersburg unter Arrest gestellt. Im August wurde sie nach Sibirien gebracht, wo sie zunächst am Sitz des Gouverneurs in Tobolsk interniert wurde. Im Bild: Der Zar und seine Kinder 1917 auf dem Dach ihres Arrestgebäudes in Tobolsk. Bildrechte: IMAGO
Gebäude in Jekaterinburg, in dem die Zarenfamilie eingesperrt war
Nach der Machtergreifung der Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917 wird die Familie im Frühjahr 1918 nach Jekaterinburg gebracht und in der Villa Ipatjew interniert. Eigentlich planten die Bolschewiki unter Lenins Führung ursprünglich einen großen Schauprozess gegen den Zaren. Später erschien ihnen das aber zu riskant. Daraufhin beschlossen sie die Hinrichtung der ganzen Zarenfamilie. Bildrechte: IMAGO
Zar Nikolaus II. in sibirischer Gefangenschaft
Wenige Wochen vor der Ermordung der Zarenfamilie entstand diese Aufnahme von Nikolaus II. mit drei seiner Töchter in sibirischer Gefangenschaft. Im Hintergrund stehen zwei Soldaten der Bolschewiki, die die verbannte Zarenfamilie bewachen. Bildrechte: IMAGO
Blick in ein Kellergewölbe. In einer Ecke an der hinteren linken Wand sind dunkle Flecken zu sehen.
Wenige Wochen später - in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 - werden Zar Nikolaus II. und seine Familie in Jekaterinburg in einem Keller erschossen. An der Rückwand des Raumes sind zahlreiche Einschusslöcher zu sehen. Die Zarin und ihre Töchter trugen bei der Erschießung Korsetts mit heimlich eingenähtem Schmuck. An diesen Diamanten- und Perlengürteln prallten die ersten Kugeln ab. Gegen das darauf folgende Massaker mit Bajonetten waren sie aber kein Schutz. Zwanzig lange Minuten soll die Hinrichtung gedauert haben. Danach wurden alle Spuren verwischt und die Leichen verscharrt. Bildrechte: IMAGO
Archivbild: Eine alte Frau in einem Sessel
Mehr als 39 Jahre nach der Ermordung der Zarenfamilie sorgt im März 1957 eine Frau für Schlagzeilen, die behauptet, die Zarentochter Anastasia zu sein: Anna Andersons Fall wurde am 2. April 1958 vor Gericht in Wiesbaden verhandelt. Sie wird nicht als russische Zarentochter anerkannt. Ihr Fall beschäftigt nicht nur die deutsche, sondern auch die britische Öffentlichkeit: 20 Millionen Rubel hatte Zar Nikolaus II. als Erbschaft für seine Kinder bei der Bank of England hinterlegt. Bildrechte: IMAGO
Ein Waldweg, der zu einer Kirche mit mehreren grünen Türmchen führt.
1991 wurden die Überreste der ermordeten Zarenfamilie gefunden. Im Jahr 2000 wurde am Fundort die Ivinon Kirche Ganina Yama errichtet. Sie ist der Eingang zum Kloster der Märtyrer. Bildrechte: IMAGO
Die Blutkirche in Jekaterinburg, Russland
Auch diese gewaltige Kathedrale wurde in Jekaterinburg zur Erinnerung an die Zarenfamilie errichtet: Im Jahr 2000 erklärte die Russisch-orthodoxe Kirche die Romanows zu Märtyrern. Das wiederum steht im Gegensatz zur historischen Einordnung des Zaren: Seine grausame Herrschaft hatte ihm nicht umsonst den Beinamen "Nikolaus der Blutige" eingetragen. Im Vergleich zu der späteren Schreckensherrschaft der Bolschewiki unter Lenin und vor allem unter seinem Nachfolger Stalin nimmt sich das rigide Regime des Zaren aber noch vergleichsweise harmlos aus.
(Über dieses Thema berichtete MDR ZEITREISE auch im TV: 07.11.2017 | 21:15 Uhr.)
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Wer hinter der Kampagne steckt

Medienberichten zufolge ist die treibende Kraft hinter der Kampagne eine schillernde Persönlichkeit des russischen Politestablishments: Natalja Poklonskaja, 37 Jahre.

Sie verdankt ihren kometenhaften Aufstieg der Krim-Krise. Kurz nach der russischen Annexion hielt sie, damals eine einfache Juristin, die gerade erst auf die russische Seite gewechselt war, eine Pressekonferenz, die sie über Nacht berühmt machte.

Die junge Frau fiel durch ihre Attraktivität auf, die Internet-Gemeinde wurde auf sie aufmerksam. Videos von der Konferenz erreichten innerhalb eines einzigen Tages einige Hunderttausend Zugriffe. Das ebnete Poklonskaja den Weg zu einer schnellen Karriere, zuerst als Generalstaatsanwältin der Krim, heute als Abgeordnete der Staatsduma.

Abgöttischer Kult um Nikolaus II.

Der Moskauer Politologe Stanislaw Bielkowskij meint: "Poklonskaja vergöttert Nikolaus II., ich habe den Eindruck, sie ist regelrecht in ihn vernarrt." Aus ihrer Zeit als Generalstaatsanwältin der Krim wird erzählt, dass ihr Amtszimmer mit Porträts und Ikonen tapeziert war, die Nikolaus II. darstellten. Einer Büste des Zaren, die im Innenhof der Generalstaatsanwaltschaft in Simferopol steht, schrieb Poklonskaja wundertätige Wirkung zu. Die Büste habe echte Tränen über Russland vergossen, das seine alten Herrscher nicht mehr in Ehren halte, sagte sie kürzlich in einem Interview.

Premier verurteilt Kampagne

Aus liberalen Teilen der russischen Gesellschaft gibt es inzwischen Unterstützung für den Film. Man wolle jene Kinos, in denen "Matilda" gezeigt wird, wenn nötig mit körperlichem Einsatz vor religiösen Fanatikern verteidigen, heißt es. Inzwischen hat auch der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedew, der als Anführer des liberalen Flügels der Regierungspartei "Einiges Russland" gilt, die Kampagne gegen den Film scharf verurteilt. Kremlchef Wladimir Putin schweigt hingegen noch.

Auf welche Seite stellt sich Putin?

Putin
Bild vom Kremlchef Wladimir Putin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kenner der russischen Politszene glauben, der "Zar" des 21. Jahrhunderts warte ab, schaue sich die Lage an. Die Präsidentschaftswahlen seien noch zu weit entfernt, das Thema lasse sich dafür noch nicht benutzen. Beobachter gehen aber davon aus, dass Putin sich vermutlich auf die Seite der Konservativen stellen wird. So könnte er sich als Verteidiger der traditionellen russischen Werte und der Gefühle des einfachen Mannes profilieren, die der Film angeblich verletzt.

Im kommenden Präsidentschaftswahlkampf würden Fragen der russischen Identität jedenfalls eine große Rolle spielen – und damit auch die Abgrenzung gegen den angeblich unmoralischen Westen, der Russland vernichten wolle und das Land mit Sanktionen belegt. Unter diesem Vorzeichen könnte Poklonskaja mit ihren Anhängern eine wertvolle Verbündete des Präsidenten werden.

Salonlöwin sorgt für Stadtgespräch

Den meisten Russen sagt der Name der Primaballerina Kschessinskaja heute nichts mehr. Zu ihrer Zeit aber war sie eine sehr bekannte Persönlichkeit – eine Salonlöwin, deren Leben und Liebesaffären in der damaligen Zarenhauptstadt Sankt Petersburg Stadtgespräch waren. Die polnischstämmige Tänzerin am Mariinski-Theater sammelte leidenschaftlich gerne Fabergé-Eier und Männer aus der Zarenfamilie. Neben dem künftigen Zaren waren mindestens noch drei andere Großfürsten ihre Liebhaber, zwei von ihnen sogar zur gleichen Zeit.

Erfahrung mit anderem Geschlecht

Viele Historiker nehmen an, Nikolaus' Vater, Alexander III., hat das Verhältnis mit Mathilda Kschessinskaja gezielt eingefädelt, damit der schüchterne Prinz Erfahrungen im Umgang mit dem anderen Geschlecht sammeln kann, bevor er eine standesgemäße Prinzessin aus einem deutschen Fürstenhaus heiratet, wie es bei den Romanows seit Jahrhunderten Sitte war.

Fest steht, dass es dann mehr als nur eine unverbindliche Affäre wurde. Nikolaus war in Mathilda regelrecht vernarrt, machte ihr teure Geschenke, sogar Brillanten. Und auch nach seiner Heirat mit Alix von Hessen-Darmstadt, die den russischen Namen Alexandra Fjodorowna annahm, blieb der Zar seiner Favoritin verbunden, sorgte für sie und machte ihr weiterhin kostbare Geschenke. Und das, obwohl er als absoluter Familienmensch und vorbildlicher Vater galt.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im: Fernsehen | 10.02.2016 | 18:10 Uhr