Fischer Dan Hancerenco auf seinem Boot
Dan Hancerenco bei der Arbeit. Der Fischer lebt im rumänischen Donaudelta. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm

Fischer im Donaudelta: Stolze Überlebenskünstler

Seit Generationen lebt die Familie von Dan Hancerenco vom Fischfang im rumänischen Donaudelta. Doch die Zukunft sieht düster aus. Schuld daran ist vor allem die Umweltverschmutzung - aber auch der Umweltschutz.

Fischer Dan Hancerenco auf seinem Boot
Dan Hancerenco bei der Arbeit. Der Fischer lebt im rumänischen Donaudelta. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm

"Ich möchte liebend gern meinen Kindern helfen, damit sie viel lernen. Und wenn es bei uns gar nicht mehr weitergeht, werden sie dann hoffentlich ein besseres Leben haben", sagt Dan Hancerenco. Es ist der sorgenvolle Blick in die Zukunft. Eine Zukunft, die es für Fischer wie ihn im Donaudelta kaum mehr geben wird.

Fischer seit Generationen

Vor sechs Generationen ließen sich die Vorfahren des Fischers, die ursprünglich aus der Ukraine stammen, in Letea nieder. Das 400 Jahre alte Dorf liegt auf einer riesigen Sandbank im Nordosten des Deltas. Schon Dan Hancerencos Vater und auch sein Großvater waren Fischer. Beinahe jeder Einheimische im Delta lebt vom Fischfang.

Die Verschmutzung der Meere und die Umweltsünden der Anrainerstaaten der Donau haben extreme Auswirkungen auf den Fischbestand im Delta. Dazu kommt, dass der massive Raubbau an der Fischpopulation und die künstlich angelegten Kanäle dem ökologischen Gleichgewicht  schaden. Was übrig bleibt, müssen sich die Fischer mit den Pelikanen, Reihern und Kormoranen teilen. Früher fingen sie bis zu 400 Kilo pro Tag. Heute sind sie glücklich, wenn es 100 Kilo sind, oft sind es nur 20.                    

drei gefangene Fische
Drei Fische, die Ausbeute eines ganzen Arbeitstags von Fischer Hancerenco. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm

Kulturschock im Kapitalismus

Die beste Zeit für die Donaufischer war der Kommunismus unter der Diktatur von Nicolae Ceauşescu. Sie erhielten alles, was sie brauchten, vom Staat: Boote, Angeln, Netze, Stiefel. Ihren Fang brachten sie in die naheliegenden Verarbeitungsbetriebe und Konservenfabriken. Je nach Fischsorte gab es festgelegte Summen. Jeder bekam das Gleiche.

Nach der Revolution 1989 und der damit verbundenen Verschärfung der ökonomischen Krise in Rumänien schlossen die Fabriken. Die Fischer waren auf sich selbst gestellt. Privatisierung und neue Gesetze – auch die Ungeschriebenen, wie das von Angebot und Nachfrage -  beherrschen seitdem ihre tägliche Arbeit. Und ohne eine teure Lizenz darf niemand mehr fischen.         

Fischfang vs. EU und Naturschutz

Die Ernennung des Donaudeltas zum Biosphärenreservat im Jahr 1990 und seine Aufnahme in die UNESCO-Weltnaturerbe-Liste drei Jahre später bedeuteten für die Fischer weitere Einschränkungen. Mit dem Beitritt Rumäniens zur EU 2007 verschärfte sich ihre Situation noch mehr. Seitdem wird ihnen auferlegt, ob, wann und wo sie ihre Netze auswerfen dürfen.

Im April und Mai ist das Angeln von Süßwasserfischen ganz verboten. Das allein bringt die Fischer nach einem harten Winter im isolierten Delta oft schon an den Rand ihrer Existenz.                                                             

Bildergalerie: Fischer Dan Hancerenco

Der Magearu-Kanal im Nordosten des Donaudeltas
Der Magearu-Kanal im Nordosten des Donaudeltas. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Der Magearu-Kanal im Nordosten des Donaudeltas
Der Magearu-Kanal im Nordosten des Donaudeltas. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Einheimischer auf dem Nachhauseweg
Dort trifft man, wie überall im rumänischen Donaudelta, viele Fischer. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Fischer Dan Hancerenco auf seinem Boot
So wie Dan Hancerenco. Bildrechte: Heute im Osten
Fischer Dan Hancerenco auf seinem Boot
Der 37-Jährige fährt täglich mehrere Kilometer mit dem Boot, um seine Netze zu kontrollieren ... Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Dan Hancerenco beim Einholen des Netzes
... und den Fang einzuholen. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Fischer Dan Hancerenco mit Gästen auf seinem Boot
Touristen im Boot. Bislang gehört das eindeutig nicht zum Alltagsgeschäft von Dan Hancerenco. Doch das könnte sich ändern ... Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
drei gefangene Fische
Denn ob er noch lange vom Fischfang leben kann, ist eher fraglich. So sieht die Ausbeute eines Tages immer häufiger aus: Zwei Welse und ein Hecht. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Ruine der Fischkonservenfabrik in Sulina
Vor 1989 war auch die Fischerei im Delta planwirtschaftlich geregelt. Die Fischer hatten ihr Auskommen. Ihr Fang wurden in zahlreichen Fischkonservenfabriken verarbeitet, von denen heute nur noch Ruinen stehen - wie hier in Sulina. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Gastwirtschaft von Dan Hancerenco in Letea
Schon jetzt reicht die Fischerei nicht aus , um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Deshalb betreibt Dan Hancerenco in Letea eine kleine Pension und Gastwirtschaf. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Dan Hancerencos Frau Florentina in ihrer kleinen Gastwirtschaft
Dort kümmert sich seine Frau Florentina um alles. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Gemüsegarten von Dan Hancerenco in Letea
Im Garten ziehen Dan und seine Frau Florentina ihr Gemüse ... Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Rinderherde an Wasserloch
... und auf dem Deich des Magearu-Kanals vor Letea weidet die kleine Rinderherde der Familie. Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
Dorfbewohnerin beim beladen eines Wagens
Ursprünglich und arm: Letea, das alte Dorf, in dem Dan Hancerenco und seine Familie leben. Bildrechte: MDR/Britta Walter
Der Magearu-Kanal vor Letea in der Abendsonne
Und doch: Trotz seiner harten Arbeit lieben Dan Hancerenco und seine Familie ihre Heimat - das Donaudelta. (Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV, am 15.07.2017, 18 Uhr) Bildrechte: MDR/Mandy Lehm
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Arbeit reicht kaum zum Leben

Das generelle Aus der Störfischerei nahm dem einen oder anderen ebenfalls die Lebensgrundlage. Heute darf jeder nur sechs Kilogramm Fisch pro Tag für den Eigenbedarf fangen. Für alles darüber hinaus muss er ein Gewerbe anmelden und Steuern zahlen. Beherbergt und bewirtet er Touristen, muss er den Fisch manchmal sogar kaufen.

"Zum Beispiel fange ich Fisch für 100 Lei", erklärt Dan Hancerenco sein Dilemma. Das sind umgerechnet ca. 20 Euro. "Davon gebe ich schon 80 Lei für Benzin aus. Da bleibt nicht mehr viel übrig."

Flucht der Jugend

Dan Hancerenco züchtet noch ein wenig Vieh und unterhält eine kleine Pension mit Gastwirtschaft. Alle aus der Familie arbeiten mit. Doch die Touristen kommen nur zwei Monate im Sommer.

Es fehlt an Alternativen. Die EU investiert hauptsächlich in den Naturschutz, nicht aber in die Menschen. Es gibt wenige vage Konzepte, den sanften Tourismus am Ende der Donau zu fördern. Und die Fischer haben keine Lobby. Wer kann, und das sind vor allem die Jungen, verlässt das Delta.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im: TV | 15.07.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2017, 11:00 Uhr