Rindfleisch wird in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies verpackt
In einem Kühlhaus der Firma Tönnies wird Rindfleisch verpackt. Bildrechte: dpa

Fleischwirtschaft Viel Arbeit, wenig Lohn

Die Scheibe Schinken auf der Frühstücksschnitte, die Currywurst zwischendurch an der Pommesbude - der Fleischhunger ist groß: Im vorigen Jahr verzehrten die Deutschen laut Deutschem Fleischverband pro Kopf fast 60 Kilogramm Fleisch. Das muss erst einmal hergestellt werden. Über 100.000 Beschäftigte zählt die Fleischwirtschaft und -verarbeitung in Deutschland - ein Drittel der Arbeitnehmer kommt aus Osteuropa.

Rindfleisch wird in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies verpackt
In einem Kühlhaus der Firma Tönnies wird Rindfleisch verpackt. Bildrechte: dpa

Die Arbeit im Schlachthof ist hart: Tiere betäuben, schlachten, Fleisch im Akkord zerlegen, Därme auswaschen. Und von der beschwerlichen Arbeit gibt es zur Genüge: Täglich werden allein im Weißenfelser Schlachthof der Firma Tönnies im Zwei-Schicht-Betrieb bis zu 20.000 Schweine verarbeitet. Rund 60 bis 70 Prozent der Belegschaft im Werk sind Leiharbeiter aus Osteuropa, schätzt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

Mindestlohn oft nur auf dem Papier

Szabolcs Sepsi von der Beratungsstelle Faire Mobilität in Dortmund
Gewerkschafter Szabolcs Sepsi Bildrechte: Beratungsstelle „Faire Mobilität“

Angeworben werden sie zumeist über Subunternehmen, die den osteuropäischen Arbeitern sozialversicherungspflichtige Werkverträge versprechen und einen Mindestlohn von 8,75 Euro pro Stunde. Doch den Stundenlohn gibt es oft nur in der Theorie. In der Praxis fällt er deutlich kleiner aus, sagt Gewerkschafter Szabolcs Sepsi, weil Überstunden nicht notiert und bezahlt werden oder die Umkleide- oder Wegezeiten abgezogen werden. Sepsi berät in der Dortmunder Beratungsstelle "Faire Mobilität" Arbeitnehmer aus Osteuropa. Zu seinen Ratsuchenden gehören oft auch Mitarbeiter von Tönnies, die als einer der größten Schlachtbetriebe in Deutschland mehrere Standorte hat.

"Bei allem über den Tisch gezogen"

Ihre Kritik an den harten Arbeitsbedingungen in der Fleischwirtschaft machen die wenigsten osteuropäischen Arbeitnehmer öffentlich. Eine rumänische Arbeiterin im Weißenfelser Tönnies-Werk sagt, sie werde von den Subunternehmen "bei allem über den Tisch gezogen, bei der Unterkunft, beim Essen, bei den ganzen Papieren". Hinzu komme die lange Arbeitszeit. Oft würden ihre Arbeitstage zwischen zehn bis zwölf Stunden betragen, am Samstag kämen noch einmal neun bis zehn Stunden dazu.

Du kommst heim, isst was, badest dich und gehst ins Bett. Wir fangen ja oft schon um vier Uhr morgens an, Du schläfst also fünf bis sechs Stunden … und gehst schon wieder zur Arbeit.

Arbeiterin im Tönnies-Werk in Weißenfels, die anonym bleiben will

Tönnies dementiert Zwölf-Stunden-Arbeitstag

Die Anfrage für Filmaufnahmen im Werk von Weißenfels, weist Tönnies ab. Dass eine Arbeitsschicht bis zu zwölf Stunden dauere, wie es die Arbeiter erzählen, dementiert der Konzern. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es:

Nein, es gibt keine individuelle Arbeitszeit von zwölf Stunden. Gerade bei den Arbeitszeiten entsteht oftmals ein Missverständnis über geleistete Arbeitsstunden, die sogenannte Nettoarbeitszeit, die Zeit im Unternehmen inklusive der Pausenregelung sowie der Zeit, die der Mitarbeiter für die Arbeit aufbringt inklusive der Fahrtzeiten zum Arbeitgeber.

Stellungnahme des Tönnies-Konzerns

Miete gleich von Lohn abgezogen

Von einem Job in Deutschland hat auch Constantin Aurelian immer geträumt. Der ungelernte Arbeiter aus dem südrumänischen Calarasi ließ sich über Facebook von einem Subunternehmen für einen Schlachtbetrieb in Nordrhein-Westfalen anwerben.

Von seinem Lohn wurde ihm gleich das Geld für die Miete abgezogen, erzählt er. 250 Euro für einen Wohnraum, den er sich mit sieben anderen Arbeitern teilen musste. Die meisten Osteuropäer dulden solche Zustände, weil sie nur vorübergehend bleiben wollen. Aurelian hingegen kündigte, als er die ausbeuterischen Bedingungen nicht mehr ertragen wollte. Bei der Dortmunder Beratungsstelle "Faire Mobilität" ließ er sich beraten, wie er die 800 Euro netto für die Überstunden bekommen könnte, die ihm der Subunternehmer noch schulde.

Rumänien | Deutschland Vom Subunternehmer um Lohn geprellt

Die Tönnies Gruppe Schlachthof in Weißenfels.
Blick auf den Schlachthof von Tönnies in Weißenfels. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben acht Produktionsstätten in Deutschland und den Niederlanden mit rund 10.000 Beschäftigten. Bildrechte: IMAGO
Die Tönnies Gruppe Schlachthof in Weißenfels.
Blick auf den Schlachthof von Tönnies in Weißenfels. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben acht Produktionsstätten in Deutschland und den Niederlanden mit rund 10.000 Beschäftigten. Bildrechte: IMAGO
Constantin Aurelian
Tönnies arbeitet wie viele andere Fleischbetriebe in Deutschland mit Leiharbeiterin in Osteuropa. Auch der 29-jährige Constantin Aurelian verdingte sich zwischenzeitlich in einem Schlachtbetrieb in Nordrhein-Westfalen. Ein Subunternehmen hatte ihn angeheuert. Bildrechte: TVNTV GmbH/MDR
Aurelians Wohnung, ein ehemaliger Schweinestall
Aurelian stammt aus der südrumänischen Stadt Caralasi, einer strukturschwachen Region. Sein zu Hause ist ein umgebauter Schweinestall. Bildrechte: TVNTV GmbH/MDR
Constantin Aurelian mit seinen beiden Töchtern
Aurelian hatte gehofft, in Deutschland ein gutes Gehalt zu verdienen, um seine zwei Töchter und seine Frau in Rumänien zu versorgen. Doch angesichts vieler unbezahlter Überstunden und der harten Arbeit kündigte er schließlich beim Subunternehmen. Bildrechte: TVNTV GmbH/MDR
Schlachtfabrik_Tönnies
Blick in den Schlachtbetrieb von Tönnies im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück. Der Konzern lässt Schweine und Rinder schlachten, zerlegen und verarbeiten. Bildrechte: TVNTV GmbH/MDR
Schweinehälften werden am Band zerlegt
Die Tiere werden im Akkord zerlegt, eine körperlich schwere Arbeit. Dass es im Unternehmen Zwölf-Stunden-Schichten gibt, wie so manche Mitarbeiter von Tönnies beklagen, dementiert die Firma. "Gerade bei den Arbeitszeiten entsteht oftmals ein Missverständnis über geleistete Arbeitsstunden, die sogenannte Nettoarbeitszeit", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Bildrechte: TVNTV GmbH/MDR
Schweinefleisch auf Fließbändern bei Tönnies
Das verarbeitete Fleisch wird nach Angaben von Tönnies zu über 50 Prozent ins Ausland exportiert. | Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen | 25. November 2017 | 18:00 Uhr. Bildrechte: TVNTV GmbH/MDR
Alle (7) Bilder anzeigen

Angst lässt die meisten schweigen

Gewerkschafter Szabolcs Sepsi von der Beratungsstelle weiß, dass nur ein Bruchteil der osteuropäischen Arbeiter auf ihre Rechte pocht. Die meisten wollen nicht klagen, weil sich die Prozesse über Monate hinziehen und weil die Arbeitnehmer Angst haben, den Job zu verlieren. Im Tönnies-Schlachtbetrieb von Weißenfels verdienen sie in den Subunternehmen mindestens 1.500 Euro brutto monatlich. Würden sie nach rumänischem Mindestlohn bezahlt, bekämen sie nur rund ein Fünftel davon.   

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Heute im Osten - Reportage | 25.11.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2017, 13:56 Uhr