Die ungarische Flagge mit einem Fussball
Bildrechte: Colourbox.de

Chefsache: Fußball in Ungarn

von Denis Kliewer

Die ungarische Flagge mit einem Fussball
Bildrechte: Colourbox.de

Für ungarische Fußballfans brechen goldene Zeiten an: Selten genug gibt es einen internationalen Wettbewerb, bei dem auch das eigene Nationalteam dabei sein darf. Die letzte Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft war 1986 in Mexiko; die Qualifikation für eine EM-Endrunde schafften ungarische Mannschaften bislang nur dreimal.

Träumen von glorreichen Zeiten

Die Ungarische Nationalmannschaft beim singen der Hymne
Die ungarische Nationalmannschaft vor einem Länderspiel gegen Deutschland im Juni 2016. Bildrechte: dpa

Aufmerksamkeit erhielt der ungarische Fußball in den vergangenen 25 Jahren lediglich durch die spektakuläre Verpflichtung von Lothar Matthäus als Nationaltrainer im Januar 2004. Doch auch mit dem deutschen Rekord-Nationalspieler verpassten die Magyaren die Qualifikation für das WM-Endrundenturnier in Deutschland. Mit dem Rückzug des deutschen Hoffnungsträgers verlor der ungarische Fußball sein letztes Stück Glamour. Wenig verwunderlich, dass die Ungarn von längst vergangenen Zeiten träumen: Vom legendären Finale gegen Deutschland im Berner Wankdorfstadion 1954 und von ihrem Helden, ihrem Fußball-Idol Ferenc Puskás.

Fußball soll Ungarn Selbstvertrauen zurückgeben

Auch Viktor Orbán, begeisterter Freizeitfußballer und Anhänger des Hauptstadtclubs Ferencvaros Budapest, blickt gerne in die Vergangenheit - sportlich wie politisch. 2006 hat er im ländlichen Felcsúts eine Fußballakademie ins Leben gerufen und sie nach Puskás benannt. In dem etwa 2.000 Einwohner zählenden Dorf steht auch Viktor Orbáns Landhaus. Von hier aus, vom Land her, möchte der Regierungschef mit sportlichen Mitteln eine gesellschaftlich-politische Reform des Landes vorantreiben. In der Akademie soll eben nicht nur Fußball unterrichtet, es sollen auch Charaktere geformt und Werte vermittelt werden. Dem Land müsse die kulturelle Stärke der kommunistischen Jahrzehnte wieder gegeben werden, die es in den Jahren der Transformation verloren habe. Die Quelle des dafür benötigten Selbstvertrauens sieht Orbán auch im Sport. Findet der Fußball zum einstigen Ruhm eines Ferenc Puskás zurück, wird auch die Gesellschaft als Ganzes gesunden - so seine Logik.

Ein Fußballstadion in "Fidesz-Gotik"

Die Statue von Puskas Ferenc vor der Pancho Arena.
Folkloristisch: Die Pancho-Arena in Felcsúts: Davor eine Skulptur, darstellend die ungarische Fußballlegende Ferenc Puskás. Bildrechte: dpa

Die Mittel, dieses Ziel zu erreichen, sind bei näherer Betrachtung durchaus zweifelhaft. Der Ruch von Korruption, Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch haftet Orbáns Großprojekt "Fußball" an. Am deutlichsten wird das im Falle der Pancho Arena in dem bereits erwähnten Felcsúts. Dass sie praktisch in direkter Nachbarschaft zu Orbáns Landhaus steht, sei dabei lediglich als Detail am Rande erwähnt. Viel spannender sind Architektur und Finanzierung der Sportstätte. Entworfen hat das Stadion der berühmte ungarische Architekt Imre Makovecz. Der 2011 gestorbene Baumeister galt als Architekt, der sich dem anthropomorphen Bauen, bei dem der menschliche Körper als Vorbild und Massstab dient, verpflichtet fühlte. Makovecz hatte keinen Hehl aus seiner christlich-nationalen Weltanschauung gemacht. Auf den ersten Blick jedenfalls ist nicht unbedingt zu erkennen, dass hier Fußball gespielt wird. Spötter sprechen sogar von Fidesz-Gotik, in Anlehnung an Orbans regierende Partei. Orbáns Anhänger dagegen sehen in dem Bau das schönste Stadion des Landes.

Problematischer als die Frage der Architektur ist die nach der Finanzierung der Sportstätte. Für die Opposition geht es dabei auch um Verschwendung von Steuergeldern. Offiziell heißt es zwar, das Bauvorhaben wurde ausschließlich durch private Spenden realisiert. Doch hier steckt der Teufel im Detail. Orbán erließ nämlich eigens ein Gesetz, das die steuerliche Abschreibung von Investitionen in sportliche Großprojekte erlaubt. Vor allem Oligarchen aus seinem Umfeld profitieren davon. Die Pancho Arena etwa hat 12,5 Millionen Euro gekostet. 12,5 Millionen, die eigentlich in die Steuerkasse des Landes hätten fließen sollen.

Filz von Politik und Fußball

Der Fußball und dessen Infrastruktur genießen in Orbáns Politik einen so hohen Stellenwert, dass seit der Regierungsübernahme der Fidesz-Partei im Jahr 2010 rund 360 Millionen Euro in den Bau von Stadien und in Vereinsförderung investiert wurden. Auch Orbáns Heimatverein, der FC Felcsúts, spielt heute in Ungarns höchster Liga. Hier ist der Regierungschef gleichzeitig Vorstandsvorsitzender. Auch andere Schlüsselpositionen im Fußball wurden durch langjährige Weggefährten und treue Parteifunktionäre Orbáns besetzt. So ist Gabor Kubatov nicht nur Generalsekretär der Fidesz-Partei, sondern auch Vorstand bei Ferencvaros Budapest. Präsident der Stiftung der Fußball-Akademie ist der Bürgermeister von Felcsúts, Lörincz Mészáros, der mit seinen Firmen auch am Bau des Pancho-Stadions beteiligt war. Präsident des nationalen ungarischen Fußballverbands und gleichzeitig Chef einer der größten Banken Ungarns (OTP) ist Sandor Csányi, ebenfalls ein Fußballfreund Viktor Orbáns.

Darüber hinaus werden bei Veranstaltungen der Fidesz-Partei Mitglieder der Ferencvaros-Fanclubs als Ordner beschäftigt, die der gewaltbereiten, rassistischen und antisemitischen Hooligan-Szene nahe stehen. Sie fielen nicht nur durch wiederholte "Sieg-Heil"-Rufe und andere antisemitische Ausfälle während eines Länderspiels zwischen Ungarn und Israel auf, sondern überfielen bei einem Auswärtsspiel ihres Klubs in Bukarest auch eine Roma-Siedlung.

Zuletzt aktualisiert: 16. Juni 2016, 08:39 Uhr