Die polnische Flagge mit einem Fussball
Bildrechte: Colourbox.de

Suche nach der goldenen Generation: Fußball in Polen

von Alexander Hertel

Die polnische Flagge mit einem Fussball
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Die goldenen Zeiten des polnischen Fußballs liegen schon mehr als vier Jahrzehnte zurück. 1972 gewann die Auswahl der Volksrepublik überraschend eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Im Verlauf des Turniers besiegte die bis heute legendäre Mannschaft um Stürmer Grzegorz Lato gleich drei Favoriten aus sozialistischen Bruderstaaten: die DDR, die Sowjetunion und im Finale die ungarische Auswahl.

Auch zwei Jahre später, bei der WM-Endrunde in Deutschland, schienen sie mit ihrem international gefeiertem Offensivfußball kaum aufzuhalten zu sein. Im Halbfinale aber, in der legendären "Wasserschlacht" von Frankfurt, verloren sie unglücklich gegen den Gastgeber und späteren Weltmeister. Polen wurde Vierter.

Absturz in die Zweitklassigkeit

Spätestens mit der politischen Wende war es um den polnischen Fußball geschehen - gut zehn Jahre lang siechte er dahin. Zwar nahm die Nationalmannschaft 2002 und 2006 an den WM-Endrunden teil, schied aber jeweils in der Vorrunde sang und klanglos aus.

Und auch die heimische Liga namens "Ekstraklasse" galt im europäischen Vergleich als höchstens zweitklassig. Daran hat sich nie etwas geändert. Die polnischen Clubs scheitern regelmäßig an der Qualifikation zu europäischen Wettbewerben oder spätestens in der Vorrunde. Abseits des Platzes verkam der einst so beliebte Volkssport zu einem Sammelbecken für gewaltbereite Hooligans und Nationalisten.

Die Ausrichtung der EM sorgt für einen Aufschwung

Doch 2007 gab die UEFA bekannt, dass die Europameisterschaft 2012 von Polen und der benachbarten Ukraine gemeinsam ausgetragen würden. Trotz großer Vorbehalte, vor allem wegen der zu erwartenden Kosten: Die anstehende EM sorgte für einen Bauboom in Polen. Stadien, Flughäfen und Bahnhöfe wurden saniert. Das Autobahnnetz sollte bis zum EM-Start stark erweitert werden. Doch je näher der Tag des Eröffnungsspiels rückte, desto mehr Zweifel wurden laut, denn viele Bauvorhaben drohten nicht fertig zu werden, allen voran die Autobahn von Berlin nach Warschau. Die Polen befürchteten, sich international zum Gespött zu machen. Doch als am 7. Juni 2012 der Ball im neu erbauten Warschauer Nationalstadion rollte, war von den Vorbehalten nichts mehr zu spüren. Die eigene Mannschaft schied zwar nach drei sieglosen Spielen in der Vorrunde aus, doch die Stimmung in diesem Sommer war prächtig. Europa bestaunte das moderne, neue Polen. Und die Polen, gewohnt, abfällig betrachtet zu werden, genossen die Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Hooligans liefern sich Schlachten

Gerade in Warschau ließ sich das neue Selbstwertgefühl beobachten: Zehntausende feierten trotz des Ausscheidens. Doch zeigte sich auch ein hässlicher Bekannter. Vor dem Gruppenspiel zwischen Polen und Russland lieferten sich Hooligans beider Seiten Straßenschlachten auf einer Weichselbrücke. Dutzende Menschen wurden verletzt.

Zeitenwende

"Seit der EM", hört man manchmal von Polen, wenn sie eine Wendung zum besseren beschreiben.  Seit der EM hat sich vieles geändert. Die Infrastruktur blieb natürlich erhalten, das neue Selbstwertgefühl ebenso. Und auch sportlich ging es seither aufwärts. Zwar fristet die "Ekstraklasa" immer noch ein Nischendasein, jedoch haben die Clubs ihre Nachwuchsarbeit stark verbessert. Und das hat sich herumgesprochen in Europa. Gut ausgebildete polnische Spieler sind begehrt. Im Mai 2016 hat der Mittelfeldspieler Grzegorz Krychowiak mit dem FC Sevilla die Euro League gewonnen; Stürmer Arkadiusz Milik von Ajax Amsterdam steht auf dem Einkaufszettel sämtlicher europäischer Spitzenklubs und Robert Lewandowski gilt gemeinhin als der momentan kompletteste Mittelstürmer der Welt.

Zuletzt aktualisiert: 16. Juni 2016, 11:07 Uhr