Die tschechische Flagge mit einem Fussball
Bildrechte: Colourbox.de

Drittes Rad am Wagen: Fußball in Tschechien

von Denis Kliewer

Die tschechische Flagge mit einem Fussball
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Die Geschichte des tschechischen ist mit der des deutschen Fußballs eng verbunden: Bei der EM in Jugoslawien 1976 erlebte der damals noch tschechoslowakische Fußball seinen bislang größten Erfolg. In der "Nacht von Belgrad" demütigte Antonin Panenka den sportlichen und ideologischen Gegner und Turnierfavoriten Bundesrepublik. Während Uli Hoeneß seinen Elfmeter in den Himmel der jugoslawischen Hauptstadt schoss, hob Antonin Panenka den Ball elegant und frech in die Mitte des Tores und ließ die Fußballfans des Landes aufjubeln.

Fußball vs. Eishockey

Doch zu diesem Zeitpunkt war der Platz im sportlichen Herzen aller Tschechoslowaken bereits an eine andere Sportart vergeben: Eishockey. Mit der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 hatte die Sowjetunion den tschechoslowakischen Volkszorn auf sich gezogen. Da war es schon viel mehr als eine Genugtuung, als im Folgejahr die ČSSR die dominierende sowjetische Eishockeymannschaft bei der Weltmeisterschaft gleich zwei Mal schlagen konnte. Zwar reichte es damals trotzdem nicht für den Titel, doch seit dem verehren die Tschechen ihre Kufenstars wie Halbgötter. Diese Siege waren Balsam für die tschechoslowakische Volksseele und legten den Grundstein für Eishockey als Nationalsportart Nummer Eins.

Vergleichbares konnte das Národní tým - die Fußballnationalmannschaft - nicht leisten: Neben dem Titel 1976 gibt es eine Vize-Weltmeisterschaft 1962, zwei Spiele um Platz drei bei EM-Turnieren - oft schied man ansonsten in der Vorrunde aus oder scheiterte schon in der Qualifikation. Für Parteifunktionäre spielten selbst Siege im ansonsten als bourgeois verschrienen Tennis eine größere Rolle. Zumal diese gegen US-Stars errungen werden konnten.  

Eine kurze Blütezeit

Deutschland brachte der Zusammenbruch des Ostblocks die Wiedervereinigung. Die Tschechoslowakei dagegen teilte sich am 1. Januar 1993 in die Tschechische Republik und die Slowakei.

In beiden nun getrennten Staaten blieb Eishockey die beliebteste Sportart. In Tschechien holte der Fußball aber in der Gunst der Menschen schnell auf. Im Gegensatz zu manch anderem ehemals sozialistischen Staat, erlebte er hier in den 1990er-Jahren sogar seine Blütezeit. Bereits vor der Europameisterschaft 1996 in England waren Spieler wie Pavel Nedvěd, Karel Poborský, Patrik Berger und Miroslav Kadlec international umworbene Stars. So kam auch der Einzug der Tschechen ins Finale im Wembley-Stadion für niemanden eine Überrachung.

Doch die junge tschechische Republik verlor kurz nach der Teilung  gegen das ebenso junge aber wiedervereinigte Deutschland unglücklich in der Verlängerung. An jenem Tag ging Oliver Bierhoff mit seinem Golden Goal ebenso in die Geschichte ein wie 20 Jahre zuvor Antonin Panenka. Für die Tschechen damals eine herbe Niederlage.

Glaubt man an das Gesetz der Zahlen, wären bei dieser EM, im Jahr 2016, die Tschechen mit einem Finalsieg an der Reihe. Doch wahrscheinlich würde selbst das den Nimbus des Eishockey im nationalen Bewusstsein nicht schmälern können. Manchmal entwickeln historische Ereignisse eben auch im Sport eine sehr spezielle Langzeitwirkung. Und die "Eishockey-Rache" für den Prager Frühling gehört in Tschechien mit Sicherheit dazu.     

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2016, 13:35 Uhr