Das Erbe der Angstmacher: Geheimdienste im Osten

Residenzen der Geheimdienste

Ihre Macht sollte sichtbar sein: Die Geheimdienste im Osten hatten ihre Zentralen meist in protzigen Gebäuden. Von dort aus bespitzelten sie die Menschen und hielten sie in Schach.

Die Zentrale des russischen Geheimdienstes FSB (davor KGB) am Lubjanka-Platz im Zentrum von Moskau.
An einer Aufarbeitung von Verbrechen des KGB ist der russische Machtapparat nicht interessiert. Doch auch in der Sowjetunion und dann in Russland gab es Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre unter Gorbatschow und Jelzin Bestrebungen, die Macht des Geheimdienstes zu schwächen und die Archive teilweise der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch seit Putin Präsident ist, sind die Archivzugänge wieder deutlich beschnitten worden. Bildrechte: IMAGO
Die Zentrale des russischen Geheimdienstes FSB (davor KGB) am Lubjanka-Platz im Zentrum von Moskau.
An einer Aufarbeitung von Verbrechen des KGB ist der russische Machtapparat nicht interessiert. Doch auch in der Sowjetunion und dann in Russland gab es Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre unter Gorbatschow und Jelzin Bestrebungen, die Macht des Geheimdienstes zu schwächen und die Archive teilweise der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch seit Putin Präsident ist, sind die Archivzugänge wieder deutlich beschnitten worden. Bildrechte: IMAGO
Berlin Lichtenberg, ehemalige Zentrale des DDR Ministerium für Staatssicherheit MfS.
In der DDR gab es in der Umbruchzeit heftige Debatten darum, ob die Akten zu vernichten oder zu veröffentlichen seien – im Einigungsvertrag war eigentlich die Vernichtung vorgesehen. DDR-Bürgerrechtler entschieden die Sache in einer beispielhaften Aktion jedoch in ihrem Sinne: Sie besetzten im September 1990 das Gebäude in der Normannenstraße und blieben so lange dort, bis ein Gesetz über die Gründung der Behörde des "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" in den Einigungsvertrag aufgenommen wurde. Seit Januar 1992 sind die Akten tatsächlich für die Öffentlichkeit zugänglich. Bildrechte: IMAGO
Bukarest
Rumänien Im alten Teil dieses Hauses saß die 5. Direktion der Securitate. Ihre einstige Aufgabe: der Schutz von hochrangigen Funktionsträgern der Partei, allen voran des Ceausescu-Diktatorenpaares. Das Haus wurde in den Revolutionstagen im Dezember 1989 fast vollständig zerstört und beherbergt heute den rumänischen Architektenverband.
Die Securitate, der rumänische Geheimdienst, hatte Ende der 1980er Jahre ca. 40.000 offizielle und 400.000 inoffizielle Mitarbeiter und gilt als einer der brutalsten des ehemaligen Ostblocks. 1989 wurde die kommunistische Diktatur blutig beendet. Mehr als 1.200 Menschen starben, viele wurden damals von Mitarbeitern der Securitate erschossen.
Bildrechte: MDR/Annett Müller
Bukarest
Am Hauptsitz der Securitate in Bukarest, heute ist hier der Landesverband der Beamten untergebracht, erinnert nichts an die Vergangenheit des Hauses. Die Aufarbeitung der Securitate-Verbrechen begann in Rumänien schleppend. 1999 wurde die Behörde "Nationaler Rat zum Studium der Securitate-Archive" gegründet. Von 2013 an wurden einigen früheren Securitate-Mitarbeiter der Prozess gemacht. 2012 änderte das rumänische Parlament die Strafgesetzgebung ab: Seitdem können Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht mehr verjähren. Doch trotz aller Aufarbeitung bestimmen ehemalige Securitate-Mitarbeiter oder ihre Kinder noch heute oft die Geschicke des Landes. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Bukarest
Auch im einstigen Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Rumäniens in der Innenstadt von Bukarest soll die Securitate vor 1989 Räume für Verhöre gehabt haben. Heute residiert im Haus das Innenministerium. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Hinterhof
Albanien "Haus der Blätter" wird dieses Haus in der albanischen Hauptstadt Tirana genannt. Die ehemalige Abhörzentrale des Geheimdienstes des kommunistischen Landes soll im Januar 2016 als Museum zur Erinnerung an die Schrecken des Sigurimi eröffnet werden. Der albanische Geheimdienst Sigurimi war das am besten organisierte und funktionierende Instrument der Diktatur. Ende der 1980er Jahre hatte er 110.000 Mitarbeiter. Man schätzt, dass rund ein Drittel der Bevölkerung Spitzel waren. Nach zähem Ringen verabschiedete das albanische Parlament im April 2015 ein Gesetz, dass den öffentlichen Zugang zu den Akten ermöglichen soll und nun eine Aufarbeitung möglich macht. Doch viele Akten sind schon vernichtet worden, teils von Funktionären, teils bei den Unruhen in Albanien 1997. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ernennungszeremonie für Offiziere vor dem Mostowski-Palast in Warschau, dem heutigen Sitz des Warschauer Polizeipräsidiums.
Polen Palac Mostowskich, heute Polizeipräsidium in Warschau, war Sitz des polnischen Geheimdienstes. Seit 1956 arbeitete der polnische Inlandsnachrichtendienst Służba Bezpieczeństwa als Teil des Innenministeriums an der Überwachung und Bespitzelung seiner Bürger. 1989 waren 24.300 feste Funktionäre und 90.000 inoffizielle Mitarbeiter dort beschäftigt.

1989 war Polen das erste Land des Ostblocks, in dem schon im Sommer teilweise demokratische Wahlen stattfanden. Danach regierten Opposition und Alt-Kommunisten gemeinsam das Land. Im Chaos der Neuorientierung konnten die alten Funktionäre der polnischen Staatssicherheit jedoch viele Akten vernichten. Etwa 30 Prozent der Unterlagen könnten zerstört sein, schätzt man heute.
Erst zehn Jahre nach der Wende wurde in Polen ein Gesetz verabschiedet, durch das die Akten öffentlich zugänglich gemacht werden wurden. Seit dem Jahr 2000 kümmert sich das neu gegründete Institut für Nationales Gedenken um das Erbe des Geheimdienstes. Seitdem überprüften die Mitarbeiter des Instituts rund 300.000 Polen, vor allem Personen des öffentlichen Lebens, auf ihre Kontakte zum Służba Bezpieczeństwa.
Bildrechte: IMAGO
Hoch über den Dächern von Prag hat der Turm der St.-Nikolaus-Kirche.
Hoch über den Dächern von Prag bietet der Turm der St.-Nikolaus-Kirche einen schönen Ausblick. Das fand auch der StB und beobachtete die Lage von dort aus.
Nach der Auflösung des Geheimdienstes 1990 blieben die Akten noch mehrere Jahre geschlossen. Ab 1996 wurden mehrere Gesetze erlassen, die der Öffentlichkeit den Zugang zu den Akten ermöglichen sollten. 2007 nahm dann das "Institut für das Studium totalitärer Regime" seine Arbeit auf. Das Gegenstück zur deutschen Stasiunterlagen-Behörde sorgt dafür, dass die Akten tatsächlich von allen eingesehen werden können. Das Institut hat begonnen, die Unterlagen zu digitalisieren und im Internet für alle lesbar zu machen.

In Tschechien wurden seit Anfang der 1990er Jahre mehrere Listen mit den Namen zehntausender angeblicher Geheimdienstmitarbeiter veröffentlicht. Das führte zu einer kontroversen Diskussion, weil auf den Listen auch die Namen von Geheimdienstopfern auftauchten, etliche überführte IMs dagegen nicht erwähnt wurden.
Bildrechte: IMAGO
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Berlin Lichtenberg, ehemalige Zentrale des DDR Ministerium für Staatssicherheit MfS.
In der DDR gab es in der Umbruchzeit heftige Debatten darum, ob die Akten zu vernichten oder zu veröffentlichen seien – im Einigungsvertrag war eigentlich die Vernichtung vorgesehen. DDR-Bürgerrechtler entschieden die Sache in einer beispielhaften Aktion jedoch in ihrem Sinne: Sie besetzten im September 1990 das Gebäude in der Normannenstraße und blieben so lange dort, bis ein Gesetz über die Gründung der Behörde des "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" in den Einigungsvertrag aufgenommen wurde. Seit Januar 1992 sind die Akten tatsächlich für die Öffentlichkeit zugänglich. Bildrechte: IMAGO

KGB-Archiv in Moskau: Kurze Zeit der Offenheit

1991 wurde das Archiv des mächtigen sowjetischen Geheimdienstes KGB geöffnet. Nicht nur KGB-Opfer und deren Angehörige in den Nachfolgestaaten der UdSSR bekamen für kurze Zeit die Chance, ihre Akten einzusehen.

KGB in Moskau.
In einem Land, in dem mehr als siebzig Jahre lang jeder Papierschnipsel zur geheimen Verschlusssache erklärt worden war, bekam die Ankündigung, dass sich die Archive des allmächtigen Geheimdienstes KGB aufgrund eines Parlamentsbeschlusses 1991 öffnen werden, den Ruch einer Sensation. Denn in dem Archiv, genau gegenüber der Geheimdienstzentrale Lubjanka gelegen, ruhe, so mutmaßte die Zeitschrift „Moscow News“ damals nicht zu Unrecht, „wahrscheinlich die echte und bislang unbekannte Geschichte der UdSSR“. Bildrechte: IMAGO
KGB in Moskau.
In einem Land, in dem mehr als siebzig Jahre lang jeder Papierschnipsel zur geheimen Verschlusssache erklärt worden war, bekam die Ankündigung, dass sich die Archive des allmächtigen Geheimdienstes KGB aufgrund eines Parlamentsbeschlusses 1991 öffnen werden, den Ruch einer Sensation. Denn in dem Archiv, genau gegenüber der Geheimdienstzentrale Lubjanka gelegen, ruhe, so mutmaßte die Zeitschrift „Moscow News“ damals nicht zu Unrecht, „wahrscheinlich die echte und bislang unbekannte Geschichte der UdSSR“. Bildrechte: IMAGO
KGB-Material
Millionen und Abermillionen Akten – Gerichtsprotokolle, Geheimdossiers, Überwachungs- und Verhörprotokolle, historische Dokumente, Namen von Hingerichteten – lagern in dem gigantischen Archiv, einem vorbildlich restaurierten ehemaligen Adelspalais. Forscher, Journalisten und Schriftsteller hatten seit 1986, als Michael Gorbatschow Glasnost und Perestroika verkündet hatte, gelegentlich Zugang zu den Archiven gehabt. Ansonsten durfte jedoch kein Unbefugter das streng bewachte Akten-Palais betreten. Bildrechte: IMAGO
Wladimir Alexandrowitsch Krjutschkow (2.v.li., RUS/Ehemaliger Vorsitzender des russischen Geheimdienstes KGB) in Moskau
Nachdem russische Bürgerrechtler, KGB-Opfer und deren Angehörige unverhohlen Akteneinsicht forderten, kündigte KGB-Chef Wladimir Krjutschkow (2. v.l.) an, noch vor der Verabschiedung des Gesetzes sein Archiv zu öffnen. Und so geschah es auch. Vermutlich hatte der KGB mit seinem Entgegenkommen sein ramponiertes Image aufpolieren und Offenheit demonstrieren wollen. Bildrechte: IMAGO
KGB-Gefängnis in Moskau 1980
Im Oktober 1991 wurde in Russland das "Gesetz zur Rehabilitierung der Opfer politischer Verfolgung" erlassen. Es galt für Personen, die von sowjetischen Gerichten in der UdSSR oder der SBZ verurteilt und in Straflagern oder Gefängnissen des NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) ihre Strafe hatten verbüßen müssen. Betroffene oder Angehörige konnten aufgrund dieses Gesetzes einen Antrag auf Rehabilitierung stellen. Verbunden war damit die Möglichkeit einer Einsicht der KGB-Akten. Bildrechte: IMAGO
Katyn Gedenkstätte
Mit der Öffnung der KGB-Archive kamen auch Dokumente zum Vorschein, die zweifelsfrei belegten, wer im Frühjahr 1940 etwa 4.500 polnischen Offiziere in einem Wald bei Katyn erschossen hatte. Nicht etwa die deutsche Wehrmacht, wie man in Moskau jahrzehntelang nicht müde wurde zu behaupten, sondern - die Rote Armee im Auftrag Josef Stalins. Alle KP-Chefs hatten die diesbezüglichen Dokumente gelesen. "Sie nahmen das Verbrechen zur Kenntnis, dann wurden die Dokumente wieder versiegelt", sagte Andrej Artisow, Leiter des russischen Archivdienstes. Bereits 1990 hatte Michail Gorbatschow zugegeben, dass die Morde von der Sowjetunion begangen worden waren und sich bei den Polen entschuldigt. Jetzt lagen die Beweise vor. Ein Jahr später kamen sie jedoch wieder unter Verschluss. Erst 2010 stellte Russland sämtliche Katyn-Akten ins Internet. (Zitat aus: Moskau stellt Akten zu Katyn-Massaker ins Internet, SPIEGEL ONLINE, 28.4.2010) Bildrechte: IMAGO
Die Zentrale des russischen Geheimdienstes FSB (davor KGB) am Lubjanka-Platz im Zentrum von Moskau.
Die ganz ungewöhnliche Offenheit des russischen Geheimdienstes währte freilich nicht lange. Nur ein Jahr nach der spektakulären Öffnung wurde das Archiv des mittlerweile aufgelösten KGB wieder verschlossen. Der Versuch eines "transparenten Geheimdienstes" blieb letztlich nur eine Episode. Bildrechte: IMAGO
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Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV:

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Krieg der Wölfe - Die Schlacht der Geheimdienste im Kalten Krieg | 28.11., 05.12., 12.12.1994 | 22:00 Uhr