Die Polizei bewacht ein abgeriegeltes Gebiet.
Sergej Skripal war am 4. März mit seiner Tochter bewusstlos auf einer Parkbank gefunden worden. Beide schweben in Lebensgefahr. Bildrechte: IMAGO

Nach erneutem Giftanschlag auf Spion Wie viele Litwinenkos verträgt Großbritannien?

Die mutmaßliche Vergiftung des ehemaligen russischen Geheimdienstoffiziers Sergej Skripal und seiner 33-jährigen Tochter am 4. März 2018 im südenglischen Salisbury hat in Großbritannien eine Welle politischer Entrüstung ausgelöst. Nun fordert die Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für innere Angelegenheiten, Yvette Cooper, 14 weitere Todesfälle mit russischem Hintergrund zu untersuchen.

Die Polizei bewacht ein abgeriegeltes Gebiet.
Sergej Skripal war am 4. März mit seiner Tochter bewusstlos auf einer Parkbank gefunden worden. Beide schweben in Lebensgefahr. Bildrechte: IMAGO

"Ich habe den Außenminister gebeten, mit Ihnen die Frage der Untersuchung von 14 Todesfällen zu diskutieren, die von der britischen Polizei als unverdächtig eingestuft wurden, jedoch – wie berichtet – von den US-Geheimdiensten potentiell mit dem russischen Staat in Verbindung gebracht wurde." Das hat Yvette Cooper der britischen Innenministerin Amber Radd geschrieben. Die Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für innere Angelegenheiten beruft sich dabei auf die Nachrichtenplattform Buzzfeed. Nach deren Informationen halten die US-Geheimdienste bei diesen Fällen eine russische Einmischung für möglich. Darüber seien auch die britischen Geheimdienste informiert worden.

Gefährliche Exilgemeinschaft

Unter den 14 Todesfällen ist auch der des ehemaligen Oligarchen Boris Beresowski, der als erbitterter Gegner Putins galt und im März 2013 erhängt in seinem Haus in London aufgefunden wurde. Die Polizei ging damals von einem Selbstmord aus. 

Aber auch der Fall des Alexander Perepelitschny, eines russischen Geschäftsmanns und Whistleblowers, steht auf der Liste. Perepelitschny  war Kronzeuge im sogenannten Magnitskij-Fall und sollte vor einem britischen Gericht über Korruption in den höchsten Kreisen der russischen Machtelite aussagen. Ende November 2012 war Perepelitschny in der Nähe seines Londoner Anwesens auf einer morgendlichen Joggingrunde zusammengebrochen und gestorben. Bis dahin galt der 44-Jährige als kerngesund. Bei der Autopsie wurden in seinem Magen Spuren des starken Pflanzengifts Gelsemium gefunden, das zum Herzstillstand führen kann.

Doch vor allem ist es der Fall des ehemaligen FSB-Agenten Alexander Litwinenko, der bis heute die britisch-russischen Beziehungen belastet. Litwinenko wurde 2006 in London mit dem radioaktiven Polonium-210 vergiftet, nachdem er sich mit einem ehemaligen Kollegen, Andrej Lugowoj, heute Abgeordneter der Staatsduma, zum Tee getroffen hatte. Damals zog sich die Spur des radioaktiven Stoffes durch halb Europa und viele Indizien deuteten darauf hin, dass der Auftrag aus dem Kreml kam.

Außenminister Johnson droht mit Boykott der Fußball-WM in Russland

Boris Johnson, britischer Außenminister
"Nicht amüsiert" nach dem neuerlichen Giftanschlag auf einen russischen Ex-Spion: Großbritanniens Außenminister Boris Johnson. Bildrechte: IMAGO

Dieser Hintergrund könnte erklären, warum London so harsch auf die Vergiftung von Skripal reagiert, obwohl es bisher keine Beweise für eine russische Beteiligung gibt. Nur zwei Tage nach dem Vorfall äußerte sich der britische Außenminister Boris Johnson dazu in ungewöhnlich scharfen Worten: Er kündigte eine "robuste Antwort" an und sprach von einem möglichen Boykott der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft in Russland, sollte sich herausstellen, dass das Land an dem Attentat beteiligt war. Eine Causa also, die geeignet ist, sich zu einer veritablen diplomatischen Krise auszuweiten.

Darüber hinaus hat sich die britische Anti-Terror-Einheit des Falls angenommen. Bereits am 7. März kam in London das sogenannte COBRA-Komitee ("Cabinet Office Briefing Room A"), der Sicherheitsrat der britischen Regierung, zusammen. Später am Tag gab Scotland Yard bekannt, dass es sich bei der verwendeten Substanz um ein seltenes und starkes Nervengift handelt. Darüber hinaus wird berichtet, dass auch der Polizist, der als erster am Tatort war, sich nun in einem kritischen Zustand befindet. Damit betrifft die Angelegenheit endgültig und direkt britische Nationalinteressen.

Im Übrigen soll 2002 vom russischen Geheimdienst FSB ein ähnliches Gift verwendet worden sein, um den damaligen tschetschenischen Rebellenführer und Terroristen Ibn al-Chattab zu liquidieren. Der Feldkommandeur hatte sich in den Bergen des Kaukasus versteckt und wurde mittels eines Briefes, welcher mit dem Gift präpariert war, getötet. Bis zu zehn weiterer Kämpfer und Kuriere, die den Brief in den Händen hielten, sollen ebenfalls gestorben sein. 

Who is Mr Skripal?

Sergej Skripal während seines Spionage-Prozesses 2006 in Moskau.
Sergej Skripal während seines Spionage-Prozesses 2006 in Moskau. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Es stellt sich allerdings auch die Frage, welchen Zweck eine Ermordung Skripals zum jetzigen Zeitpunkt noch erfüllen soll. Sein Fall galt längst als klar und abgeschlossen: Bis 2001 war Skripal beim russischen Militärgeheimdienst tätig. 2004 ist er vom FSB wegen Staatsverrats und Spionage für Großbritannien festgenommen und angeklagt worden. Er soll seit 1995 Informationen über russische Agenten in Europa an Briten verkauft haben. Skripal hat während des Prozesses seine Schuld gestanden und wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. 2010 wurde er jedoch vom damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedew begnadigt und zusammen mit drei weiteren Doppelagenten gegen zehn russische Agenten ausgetauscht, die als Schläfer in den USA verhaftet worden waren.

"Sollte Skripal bei seiner Herausgabe an Großbritannien noch Geheiminformationen besessen haben, hat er sie längst herausgegeben", sagte Michail Ljubimow, ebenfalls ein Geheimdienst-Veteran, dem russischen Onlinesender TV-Rain. Ein von Russland beauftragter Mord würde seiner Meinung nach einfach keinen Sinn ergeben. Und schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt. "Man muss schon ein Idiot sein, um kurz vor den Wahlen so etwas zu tun", so Ljubimow.

Geheimdienste leben nach eigenen Gesetzen

Allerdings wird dem russischen Präsidenten Putin ein nachtragender Charakter nachgesagt, was die These von einer russischen Spur plausibler erscheinen lässt. Als er Ende Juli 2010 als Premierminister die damals noch ukrainische Krim besuchte, war der Agentenaustausch von Skripal und anderen gerade einmal zwei Wochen her. Journalisten erklärte er damals: "Verräter enden immer schlecht. In der Regel verenden sie an Alkohol oder an Drogen auf der Straße." Auf eine Nachfrage, ob die Verräter namentlich bekannt seien und bestraft werden sollten, sagte er weiter: "Ich denke, die Frage ist nicht korrekt. Aber Geheimdienste leben nach eigenen Gesetzen. Und alle Mitarbeiter der Geheimdienste kennen diese Gesetze sehr gut."

(den)

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: Radio | 08.03.2018 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2018, 17:49 Uhr