Blick auf ein Mahnmal aus eisernen Schuhen für die im Zweiten Weltkrieg am Ufer der Donau erschossenen Juden im ungarischen Budapest.
Mahnmal für die in Budapest ermordeten Juden am Ufer der Donau. Bildrechte: dpa

Ungarn und der Holocaust

Wegen der Komplexität der Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs in Ungarn gibt es eine widersprüchliche Geschichtsschreibung über die eigene Verantwortung. Die Historikerin Regina Fritz über die ungarische Verantwortung für den Holocaust, die Geschichtspolitik der Regierung Orbán und die Folgen für die öffentliche Diskussion in Ungarn.

von Thyra Veyder-Malberg

Blick auf ein Mahnmal aus eisernen Schuhen für die im Zweiten Weltkrieg am Ufer der Donau erschossenen Juden im ungarischen Budapest.
Mahnmal für die in Budapest ermordeten Juden am Ufer der Donau. Bildrechte: dpa

In Ungarn ist die Frage nach der Verantwortung für den Holocaust – anders als in Deutschland – noch nicht geklärt, sondern Gegenstand kontroverser Diskussion. Warum?

Das liegt an der Komplexität der historischen Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges, an einer sehr widersprüchlichen Politik des autoritär-konservativen Regimes unter Horthy in der antijüdischen Politik. Dies hat dazu geführt, dass eine widersprüchliche Geschichtsschreibung in Ungarn entstanden ist. Je nachdem, mit welchem politischen Lager man sympathisiert, bedient man sich mal der einen, mal der anderen historischen Interpretation. Und das führt zur ambivalenten Bewertung der ungarischen Verantwortung und zu lebhaften Debatten darüber.

Warum gelingt es der ungarischen Geschichtsforschung nicht, diese Komplexität und Widersprüchlichkeit abzubilden?

Regina Fritz
Die Historikerin Regina Fritz. Bildrechte: Regina Fritz

Es gibt schon eine Gruppe an ungarischen Forschern, die das versucht gewissenhaft aufzuarbeiten – gerade in den letzten Jahrzehnten. Aber die ungarische Forschung ist zum Teil sehr deskriptiv, sie geht weniger analytisch vor und bettet die Ereignisse auch kaum in den europäischen Zusammenhang ein. Sie beschreibt nur, was während des Holocaust passiert ist, und hebt weniger darauf ab, analytisch herauszuarbeiten, wer hier die Verantwortung trägt. Wenn das dann von einigen Historikern doch getan wird, dann wird das nur in Fachkreisen diskutiert und gelangt kaum an die große Öffentlichkeit.

Wer sind denn die zentralen Akteure in der öffentlichen Debatte?

Die Bedeutung der Geschichtspolitik hat in den letzten Jahren in Ungarn zugenommen, es wird von politischer Seite sehr auf Geschichte gesetzt, um politisch zu mobilisieren. Die Regierung investiert viel Geld, um die eigene Geschichtsinterpretation in der Öffentlichkeit anzubringen. Es sind staatliche Institutionen und prominente Regierungsmitglieder, die sich äußern und entsprechende Geschichtsbilder prägen oder Denkmäler und Museen in Auftrag geben, die ihre Geschichtsinterpretation abbilden.   

Wie hat sich die Debatte seit 1989 verändert?

Vor 1989 waren es vor allem die jüdische Gemeinde und die Überlebenden, die öffentlich aufgetreten sind und auch nach 1989 eingefordert haben, dass man sich zur ungarischen Verantwortung bekennt. Das haben die verschiedenen Regierungen im Zusammenhang mit runden Jahrestagen auch immer wieder getan, aber abseits dieser Gedenktage wurde geschwiegen.

Ministerpräsident Orbán hat die Macht von Geschichte und von Geschichtspolitik erkannt, und seine Regierung hat schon während der ersten Legislaturperiode (1998-2002, Anm. d. Red.) viele symbolische politische Maßnahmen gesetzt. Sie hat das "Haus des Terrors" finanziert und eröffnet, das der Opfer des Holocaust und des Kommunismus gleichermaßen gedenkt. Da sieht man auch schon, worum es in den 1990er-Jahren zentral gegangen ist: nämlich den Holocaust dazu zu nutzen, um daran anknüpfend auch auf die Verfolgung und das Schicksal der Opfer des Kommunismus aufmerksam zu machen. Dies führte in vielen Fällen dazu, dass die zwei Regime miteinander gleichgesetzt wurden.

Aber im "Haus des Terrors" sind nur wenige jüdische Opfer zu sehen...

Haus des Terrors - Mahn- und Gedenkstätte für die Terror-Opfer der jüngeren Geschichte Ungarns.
"Haus des Terrors" in Budapest. Bildrechte: IMAGO

Genau das wurde kritisiert. Die ursprüngliche Idee ist symbolisch im Museum vorhanden. Das zeigen die beiden Gedenksteine im Eingangsbereich, einer für die Opfer des kommunistischen Terrors und der andere, genauso gestaltete, für die Opfer des Holocaust. Aber wenn man dann die Ausstellungsräume besichtigt, findet sich der Holocaust nur in einem einzigen Raum, und auch der beschäftigt sich eigentlich nur mit dem Pfeilkreuzler-Terror. (Die Pfeilkreuzler war die ungarische Nazi-Partei, Anm. d. Red.)

Was bedeutet das?

Es ist sehr typisch für die heutige Geschichtsauffassung, dass nur die Verfolgung unter den Pfeilkreuzlern, die im Oktober 1944 an die Macht kamen, deutlich thematisiert wird. Hier wird Ferenc Szálasi (Anführer der Pfeilkreuzler, Anm. d. Red.) als alleiniger Verantwortlicher dargestellt, unter dem die Deportationen fortgesetzt wurden und es in Ungarn zu Massakern an den Juden kam. Dabei vergisst man aber, dass die Deportationen schon im März 1944, gleich nach der deutschen Besatzung, begannen, als Horthy noch an der Macht war, der ja erst im Oktober 1944 abgesetzt worden ist. Übersehen wird hier aber auch, dass das Horthy-Regime die einheimischen Juden bereits seit 1920 durch diverse antijüdische Bestimmungen schrittweise aus dem öffentlichen bzw. wirtschaftlichen Leben ausschloss oder dass es bereits vor der deutschen Besetzung zu Massakern kam, für die ungarische politische oder militärische Organe Verantwortung trugen. Aber diese Themen kommen im "Haus des Terrors" gar nicht vor.  

Orbán stellt gerade die Horthy-Ära immer wieder sehr positiv dar. Was will er damit erreichen?

Admiral Horthy
Reichsverweser Miklos Horthy. Bildrechte: IMAGO

Über diese Frage wird sehr viel diskutiert. Viele Historiker glauben, dass Orbán damit das rechte Lager für sich gewinnen will. Ob es tatsächlich so einfach ist, da bin ich mir nicht sicher. Ich glaube, er hat tatsächlich einen sehr positiven Blick auf dieses Regime. Auch weil Horthy in seinen Augen in einer sehr schwierigen Situation das Land wieder vereinen und stärken konnte – wie er es kürzlich in einer Rede herausstrich. Außerdem werden die Gebietszugewinne während des Krieges bzw. durch die Wiener Schiedssprüche als positives Ergebnis gesehen. Was dabei übersehen wird, ist der Preis, den man dafür zahlte, nämlich den Eintritt in den Krieg, die Einführung vieler antijüdischer Gesetze und die Abhängigkeit vom Deutschen Reich. Hier wird immer wieder ein Teil der Geschichte ausgeblendet und auf jene Aspekte abgehoben, die für die eigene Politik und für das eigene Geschichtsverständnis von Bedeutung sind.

Wie verhält sich denn das linke oder liberale politische Lager?

In der Regierungszeit der linken Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány oder Péter Medgyessy wurde die Verantwortung der Ungarn für den Holocaust sehr deutlich thematisiert. In deren Regierungszeit fällt auch die Eröffnung des Holocaust-Museums, dessen Ausstellungsnarration sehr konträr zu jenem Geschichtsbild steht, das das "Haus des Terrors" vermittelt. Hier werden auch die ungarischen Akteure des Horthy-Regimes genannt, die die Verantwortung für die Ermordung oder Verfolgung der ungarischen Juden trugen. Auch die Reden, die von linken Politikern gehalten wurden, haben hervorgehoben, dass die jüdischen Verfolgten Teil der ungarischen Gesellschaft waren, und ihre Ermordung daher eine Tragödie für das gesamte Land bedeutet. Sie haben gleichzeitig klar thematisiert, dass an ihrer Verfolgung und Ermordung ihre ungarischen Mitbürger beteiligt waren.

Man muss aber auch sagen, dass es in den letzten Jahren innerhalb der Orbán-Regierung ähnliche Töne gibt. Aber die erklingen vor allem, wenn es von internationaler Bedeutung ist. Es gibt hier oft einen Unterschied zwischen dem, was nach außen hin kommuniziert wird und was nach innen an die eigenen Staatsbürger weitergegeben wird.

Wie gehen die Wissenschaftler mit der Situation um?

Die wissenschaftliche Community ist – wie der politische Diskurs – sehr gespalten. Einerseits gibt es Historiker, die sehr eindeutig und kritisch Verantwortlichkeiten benennen, die auch in anderen Themen keine nationale Geschichtsschreibung verfolgen. Aber es gibt natürlich auch Historiker, und auch deren Zahl ist groß, die sehr wohl mit der Regierung zusammenarbeiten. Die hat sehr viel Geld investiert, um geschichtswissenschaftliche Forschung voranzubringen, es wurden unterschiedliche Forschungsinstitutionen eröffnet, die vor allem über jene Themen forschen, die der eigenen Geschichtspolitik dienlich sind. Ich glaube, wenn man in Ungarn Historiker ist, muss man sich in gewisser Weise anpassen, wenn man finanziell über die Runden kommen möchte.

Wie positionieren sich denn die jüdischen Organisationen?

Teilweise versuchen sie, der Regierung entgegenzukommen, hier ist eine Zusammenarbeit ja auch notwendig und wichtig. Sie versuchen aber auch, ihre Stimme immer wieder zu erheben, wenn sie etwas als problematisch erachten. Zum Beispiel hat die jüdische Gemeinde 2014 aus Protest gegen das Besatzungsdenkmal ihre Zusammenarbeit mit der Regierung für das Holocaust-Gedenkjahr beendet und bereits erhaltene Fördermittel zurückgegeben.

Und was machen die Zivilgesellschaft und die Überlebenden?

Denkmal der deutschen Besatzung (1944) auf dem Freiheitsplatz in Budapest.
Denkmal der deutschen Besatzung (1944) auf dem Freiheitsplatz in Budapest. Bildrechte: IMAGO

Es gab gerade im Zusammenhang mit diesem hochproblematischen Besatzungsdenkmal einen sehr positiven Effekt: In den sozialen Medien haben sich Gruppen organisiert, die gegen dieses Denkmal aufgetreten sind. Zum Beispiel eine zivilgesellschaftliche Gruppe, die sich bis heute einmal in der Woche am Denkmal trifft und zum öffentlichen Dialog einlädt. Im Vordergrund stand: Wir wollen kein aufgezwungenes Geschichtsbild, sondern einen offenen Diskurs, den jeder mitgestalten kann. Aus dieser Gruppe heraus ist dann auch ein Gegen-Denkmal entstanden - aus persönlichen Gegenständen von Holocaust-Opfern, die vor diesem Denkmal niedergelegt werden.

Eine andere Gruppe, die in diesem Zusammenhang entstand, ist eine Facebook-Gruppe "Der Holocaust und meine Familie". Diese setzt sich mit der persönlichen Geschichten der einzelnen Gruppenmitglieder auseinander. Sie erzählen, was ihre Familie mit dem Holocaust zu tun hatte, egal, ob die Familienmitglieder Opfer, Täter oder Unbeteiligte waren. Gerade für Ungarn ist das ein ganz wichtiger Prozess, denn Überlebende haben in Ungarn oft verschwiegen, dass sie Opfer des Holocaust waren, sogar in der eigenen Familie. Und diese Facebook-Gruppe hat einen Rahmen gegeben, sich darüber auszutauschen. Gerade für die zweite, dritte Generation war das ganz wichtig. Ein Teil dieser Postings wurde 2015 als Buch publiziert und daher auch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die aktuelle Kampagne der ungarischen Regierung gegen György Soros trägt antisemitische Züge. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der mangelnden Aufarbeitung der ungarischen Verantwortung für den Holocaust und der Tatsache, dass die Regierung glaubt, dass so eine Kampagne in der Bevölkerung gut ankommt?

Auf jeden Fall. Es ist in Ungarn mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert, antisemitisch konnotierte Aussagen auch öffentlich zu treffen, und es wird nicht mehr darüber debattiert, es wird einfach angenommen. Das zeigt auch, dass man die Vergangenheit nicht entsprechend aufgearbeitet und überhaupt nicht bedacht hat, welche Konsequenzen das haben kann.

Plakat Anti-Soros-Kampagne an Straßenbahnhaltestelle in Budapest
Anti-Soros-Plakat der "Nationalen Vereinigung" an einer Haltestelle in Budapest. Die Überschrift lautet: "Die Soros-Verschwörung". Im Text heißt es, dass Soros gemeinsam mit der EU in Brüssel plane, Millionen Afrikaner nach Ungarn zu schleusen, um Ungarn auszulöschen. "Was denkst Du darüber?", werden die Leser gefragt und aufgefordert, dies nicht zuzulassen. Auf das Porträt Soros' hat jemand "Stück Scheiße", "Ratte" und "Schwuler" geschmiert. Bildrechte: Steffen Lüddemann/MDR

Regina Fritz ist Assistentin am Lehrstuhl für Neueste Allgemeine und Osteuropäische Geschichte der Universität Bern, wissenschaftliche Bearbeiterin des Bandes über Ungarn im Editionsprojekt "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945" (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin) und externe Lektorin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Brisant | 28.01.2017 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2019, 15:27 Uhr