Franziska Augstein
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Franziska Augstein zum Flüchtlingsstrom aus dem Kosovo "Es herrschte das Gefühl, jeder sei willkommen"

Die Kosovaren bilden in Deutschland hinter den syrischen Kriegsflüchtlingen die zweitgrößte Gruppe der anhaltenden Flüchtlingswelle. Das weckt Erinnerungen an den Strom der Kosovo-Flüchtlinge in den 1990er-Jahren und wirft auch wieder die Frage auf, welche Rolle die Bundesrepublik damals auf dem westlichen Balkan gespielt hat. Wir sprachen darüber mit der Publizistin Franziska Augstein.

Franziska Augstein
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Frau Augstein, was treibt die Kosovaren seit Ende 2014 erneut zu Zehntausenden aus ihrer Heimat? Der Kosovo-Krieg ist ja schon mehr als 15 Jahre vorbei.

F. Augstein: Es handelt sich um Menschen, die keine Möglichkeit haben und sehen, im Kosovo ihr Auskommen zu finden. Dass die Regierung des Kosovo nicht besonders effizient ist, macht ihnen auch nicht eben Hoffnung. So kommt es dazu, dass die Leute sagen: Hier kann man ja nicht bleiben.

Und das Zweite: Im Zuge der ungeheuren Flüchtlingswelle aus Ländern, in denen Krieg herrscht, haben viele Kosovaren das Gefühl bekommen, dass eigentlich jeder in Europa willkommen sei. Da sind auch Facebook und Twitter nicht unschuldig. Da werden mitunter irreführende Nachrichten gesendet, die sich dann in Windeseile verbreiten. Bis vor Kurzem war auf dem Westbalkan die Meinung verbreitet, Deutschland sei begierig auf Arbeitssuchende aus dem Kosovo, jeder sei willkommen: Man müsse nur Asyl beantragen. In diesem Fall wurde einmal, das war vernünftig, schnell gehandelt: Die Bundesrepublik hat in einigen Städten Stellen eingerichtet, die interessierte Bürger darüber aufklärten, dass das Recht auf Asyl mit Arbeitssuche in der Bundesrepublik nichts zu tun hat. Daher gingen die Zahlen der Asyl-Suchenden vom Balkan massiv zurück: Im vergangenen August kamen, so die Statistik, nur mehr 11,8 Prozent aller Asylanträge aus Bürgern der Balkanländer.

Warum ist Deutschland das "Lieblingsziel" der Kosovaren? 

Deutschland liegt geografisch recht nahe. Vermutlich würden viele Kosovaren viel lieber in Österreich bleiben. Aber sie wissen, dass Österreich ein kleines Land ist. Auch dort gibt es große, florierende Konzerne. Aber aus der Ferne denkt man sich verständlicherweise: Dort, wo die tollen Autos gebaut werden, werde man leichter eine Anstellung finden. Deutschland gilt als reich. Österreich nicht so sehr.